Schlöndorffs Blechtrommel 2.0

© picture alliance/dpa | Christoph Soeder

Das Meisterwerk kommt restauriert erneut in Kinos und Handel. Soll sich der Deutschunterricht wieder mit dem Film befassen?

Als Volker Schlöndorffs filmische Adaption von Günter Grass Erfolgsroman 1979 die Kinos eroberte, strömten auch zahlreiche Deutschkurse in die Säle. Literaturverfilmungen sind nicht unbedingt große Unterhaltung; Die Blechtrommel aber war opulentes Kino im Hollywood-Format: tolle Bilder (Kamera: Igor Luther), ein überwältigender Score (Musik: Maurice Jarre), vor allem aber eine Story (Drehbuch: Volker Schlöndorff, Jean-Claude Carrière, Franz Seitz jun.), die nicht nur jüngere deutsche und polnische Geschichte anschaulich machte, sondern obendrein das pralle Leben bot, sex and crime inklusive (was in manchen Ländern Gerichte und Zensurbehörden auf den Plan rief). Das überzeugte damals nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch die Kritik: Erstmals in der Filmgeschichte gewann ein deutscher Film die Goldene Palme (1979) und den Oscar (1980). Beide Preise haben wohl dazu beigetragen, dass Grass vierzig Jahre nach Erscheinen des Romans den Literaturnobelpreis verliehen bekam (1999).
Vierzig Jahre hatte nun auch Schlöndorffs Meisterwerk auf der Filmrolle, die am Material Spuren hinterlassen haben. Deshalb wurde der Film vom Regisseur restauriert remastered kam er Ende August erneut in die Kinos, erschien vor wenigen Wochen auf Blu-Ray und DVD und wird auch in den Schulkinowochen 2020/21 gezeigt werden. Die Patina des Celluloids ist beseitigt, die Patina der Filmgeschichte aber nicht: Jugendliche von heute sind andere Bilder, Musik, Montagetechniken gewohnt.
Lohnt es sich, Die Blechtrommel wieder in die Klassenzimmer zu holen?
Drei Gründe sprechen unseres Erachtens dafür: Ohne Zweifel gehört der Roman von Grass zum Besten, was an deutscher Literatur der Nachkriegszeit publiziert worden ist: Die Geschichte des kleinwüchsigen Trommlers Oskar Matzerath gewährt nicht nur einen scharfen Blick auf die Genese der NS-Zeit, sondern führt auch die lange Tradition des Entwicklungs-, Bildungs- und Schelmenromans fort. Das literaturdidaktische Potenzial des Buchs ist an den Schulen nicht unentdeckt geblieben: Lange Zeit gehörte Die Blechtrommel zum Oberstufenkanon. Bis heute sind auch entsprechende Unterrichtshilfen auf dem Markt, zuletzt erschienen bei Königs Erläuterungen und Reclams Lektüreschlüssel (beide 2012). Gleichwohl wird der sperrige Roman wohl nur noch selten zur Schullektüre über 800 Seiten mutet man heutigen Lernenden kaum mehr zu, zumal veränderte Curricula die Zeit für Ganzschriften beschränken. Der Film ersetzt das Buch nicht, ermöglicht aber Teilhabe am literarischen Gedächtnis. Schlöndorff hat die ersten beiden der drei Romanteile recht textnah adaptiert. So kommentiert zum Beispiel Oskar als unzuverlässiger Ich-Erzähler seine gefilmte Lebensgeschichte im Voiceover.
Noch gewichtiger ist aber, dass die Patina selbst zum Unterrichtsgegenstand werden kann. Vorliegende Curricula für die schulische Filmbildung betonen die Bedeutung einer Auseinandersetzung mit Filmgeschichte. Schlöndorffs Blechtrommel steht in vielerlei Hinsicht exemplarisch für den Neuen Deutschen Film, der in den 1960er- und 1970er-Jahren „Papas Kino von der Leinwand fegte. Dabei sind es nicht so sehr ungewöhnliche filmsprachige Mittel, die den Film als Kunstwerk seiner Zeit auszeichnen (man achte aber beispielsweise auf subjektive Kameraführung und Farbgebung analog zur titelgebenden Trommel), sondern die verhandelten Themen und Motive: Die Blechtrommel wurde für die 1968er-Generation zu einem Schlüsseltext, weil Grass darin die Frage nach der Schuld der Elterngeneration stellte. Mit Oskar konstruierte der Autor zudem einen Widerständigen, der die Doppelmoral seiner Gesellschaft entlarvt, womit sich jugendliche Protestbewegungen gut identifizieren konnten. Ein Angriffsziel war dabei insbesondere die verklemmte und scheinheilige Sexualmoral, der man theoretisch mit Sigmund Freud zu Leibe...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 284 / 2020

Märchen in Geschichte und Gegenwart

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 11-13