Michael Kolbenschlag

Öffnung des Diskurses?

Der Youtuber Rezo partizipiert mit seinem Videoam politischen Diskurs.
Der Youtuber Rezo partizipiert mit seinem Videoam politischen Diskurs., © Rezo Ja Lol Ey – YouTube Channel

Michael Kolbenschlag

Der Wandel der diskursiven Praktiken im Digitalzeitalter am Beispiel des Rezo-Videos Die Zerstörung der CDU

Während Foucault noch davon ausging, dass Diskurse kontrolliert und organisiert verlaufen, und Enzensberger den emanzipatorischen Fernsehgebrauch forderte, indem jeder Empfänger auch Sender sein sollte, schafft es Rezo, mit seinem Youtube-Video direkt am politischenDiskurs zu partizipieren. Die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass sich die Kommunikationsformen und die Möglichkeiten der Meinungsbildung im Zeitalter der Digitalisierung fundamental verändern, und diskutieren die Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

Der französische Philosoph Michel Foucault charakterisierte 1970 in seiner Antrittsvorlesung am Collège de France die sogenannte Ordnung des Diskurses: Der Diskurs, zu verstehen als ein Feld von Aussagen, im weitesten Sinne als öffentliche Diskussion in einem jeweils spezifischen Bereich, würde durch soziale Praktiken und Strategien begrenzt und beschränkt. Sagbarkeitsregime und Kontrollmechanismen würden bestimmen, was an einem Ort und in einer Zeit innerhalb eines Diskurses gesagt werden könne: „Ich setze voraus, dass in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen (Foucault 1991, S. 10 f.). Hans Magnus Enzensberger kritisierte in seinem Baukasten zu einer Theorie der Medien gleichsam die Steuerungs- und Kontrollmechanismen moderner Medien und konstatierte, dass ein repressiver Mediengebrauch die Konsumenten entpolitisiere und entmündige: „In der heutigen Gestalt dienen Apparate wie das Fernsehen oder der Film deswegen nicht der Kommunikation, sondern ihrer Verhinderung. Sie lassen keine Wechselwirkung zwischen Sender und Empfänger zu: Technisch gesprochen reduzieren sie das Feedback auf das system-theoretisch mögliche Minimum (Enzensberger 1970, S. 166). Dagegen plädierte er für einen emanzipatorischen Mediengebrauch und entwickelte gewissermaßen die Vision eines demokratischen Diskurses, indem er forderte, dass jeder Empfänger zugleich auch als Sender fungieren solle, etwa durch „netzartige Kommunikationsmodelle, die auf dem Prinzip der Wechselwirkung aufgebaut sind (ebenda, S. 166).
Offenheit und Vernetzheit im Zeitalter der Digitalisierung
Im Zeitalter der Digitalisierung haben sich die Kommunikationsformen und die Mechanismen der Meinungsbildung fundamental gewandelt. Das Internet, häufig als „Netz der Netze bezeichnet, erinnert an Enzensbergers Konzept einer netzartigen Kommunikation. Der klassische Journalismus als vierte Gewalt im Staat wird ergänzt durch die fünfte Gewalt der digitalen, vernetzten Kommunikation. Nicht mehr der Text im traditionellen Sinne bestimmt den öffentlichen Diskurs, vielmehr ist das Ende der alles beherrschenden Kultur des Schriftlichen zu beobachten, die Disruption der Gutenberg-Galaxis: Im digitalen Zeitalter partizipieren Blogger und Youtuber an der öffentlichen Debatte; sie bespielen Kanäle und Netzwerke, über die sie vor allem Jugendliche, mitunter Millionen von ihnen, erreichen können. Sie demokratisieren die öffentliche Kommunikation und unterminieren die Ordnung des Diskurses.
Die Kommunikation im Zeitalter der Digitalisierung ist charakterisiert durch ihre Offenheit und Vernetztheit: Im Internet kann jeder an der Kommunikation teilhaben, jeder kann selbst zum Produzenten werden. Ausschließungsmechanismen, wie sie Foucault beschrieben hat, greifen heute kaum noch. Die Rolle der traditionellen Medien als Gate Keeper scheint obsolet. Gleichzeitig birgt die beschleunigte Kommunikation, die sich katalysatorisch selbst bestärkt und beständig neue Kommunikation aufkommen lässt, die Gefahr, dass unter der Wucht des offenen Diskurses...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 283 / 2020

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Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 11-13