Julia Hodson

Erlkönig live

Julia Hodson

Die multimediale Interpretation einer Ballade untersuchen

Mit einem Video der A-Cappella-Band maybebop erleben Schülerinnen und Schüler eine Ballade als Darbietung anstatt sie „nur zu lesen. Mit der App PowerDirector erfolgt die Analyse im Video: Auffälligkeiten werden markiert und Kommentare zur künstlerischen Umsetzung direkt eingefügt.

Während Balladen oftmals als reine Lesetexte wahrgenommen und behandelt werden, liegt deren historischer Entstehungs- und Verwendungskontext in der öffentlichen Aufführung und der gesanglichen Darbietung (vgl. Burdorf 2007, S. 65). Die Rezeption der Ballade erfolgte demnach nicht im Lesen, sondern im Anhören und Ansehen der Darbietung, die Text, Musik, Gestik und Mimik verbindet.
Frederking fordert für den Deutschunterricht daher einen Umgang mit Balladen, der die ursprüngliche Multimedialität der Textform und Rezeption berücksichtigt und den Schülern einen synästhetischen Zugang zu Balladen ermöglicht, der verschiedene Wahrnehmungskanäle aktiviert (vgl. Frederking 2008). Das folgende Unterrichtsmodell kommt dieser Forderung nach, indem eine aktuelle Balladenaufführung untersucht wird. Dabei handelt es sich um einen Liveauftritt der A-cappella-Band maybebop, der auf Youtubeverfügbar ist. Die Band interpretiert Schuberts Vertonung von Goethes Erlkönig. Insgesamt kann das Video durch die musikalische Darbietung und die Bühneninszenierung mit dem Einsatz erzählerischer Mittel wie choreografischer Elemente, Mimik und Licht als multimediale Interpretation und als aktuelle mediale Weiterverarbeitung der Ballade Erlkönig betrachtet werden. Als solche kann sie für eine Erstbegegnung mit der Ballade genutzt werden und den Schülern die Möglichkeit eröffnen, die Ballade in ihrer ursprünglichen medialen Gebundenheit zu erfahren. Anschließend werden die Schüler darin angeleitet, die multimediale Interpretation auf medienspezifische Darstellungsformen zu untersuchen und deren Bedeutungs- und Wirkpotenziale zu erkennen. Ihre Ergebnisse halten die Schüler wiederum medienspezifisch fest, indem sie das ursprüngliche Video am Smartphone um ihre Analyseergebnisse ergänzen. Hierfür greifen sie mit der App PowerDirector in das Video ein, bearbeiten und verändern es, sodass das Endprodukt zeitgleich zum Analysegegenstand die von maybebop verwendeten Erzählmittel zeigt. Die am Smartphone stattfindende Auseinandersetzung mit der Ballade fördert die literarische und mediale Verstehens- und Analysekompetenz der Schüler (vgl. Leubner et al. 2012, S. 200) und bildet produktive mediale Partizipationsmuster (vgl. Groeben 2002) aus.
Die Ballade Erlkönig von Goethe
Die Ballade Erlkönig von Goethe
Die Ballade Erlkönig wurde von Goethe zur Aufführung im Singspiel Die Fischerin in Anlehnung an die von Herder aus dem Dänischen übersetzte Ballade Erlkönigs Tochter geschrieben. Mit Ausnahme von Belgrad/Fingerhut, die die Ballade in ihrem Zusammenhang zum Singspiel als Verschlüsselung von Beziehungsfiguren der zeitgenössischen Weimarer Gesellschaft lesen (vgl. Fingerhut 2007), ist der Text in seiner Geschichte trotz Einbettung in eine Aufführung mehrheitlich als isolierter Einzeltext wahrgenommen worden. Als solcher hat er eine Vielzahl an Interpretationen erfahren, die die Ballade überwiegend allegorisch lesen und damit die Mehrdeutigkeit des Textes zu reduzieren suchen. Dabei findet eine Gegenüberstellung von gegensätzlichen Positionen statt, die exemplarisch in den Figuren von Vater und Sohn verkörpert sind: „Emotionalität versus Realitätsprinzip, soziale Anarchie versus Ordnung, wirklichkeitsauflösende (Erlkönig) versus realitätssichernde Sprache (Vater) (vgl. Fritsch 1976); Sturm und Drang versus Klassik, ungezügelte Triebkräfte versus Ordnungsplanung, destruktive Einbildungskraft versus Geist der Aufklärung, bürgerliche Mittelschicht versus Adel und Großbürgertum (vgl. Freund 1978) (von Bormann 1996, S. 215). In dieser Tradition steht auch die im Deutschunterricht...
Praxis Deutsch
Sie sind bereits Abonnent?

Mein Konto

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

Praxis Deutsch abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 265 / 2017

Deutsch per Smartphone

Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 9-10