Ingo Kammerer

„Dachten Sie, ich hätte Sie vergessen?“

Ingo Kammerer

House of Cards oder: die schöne Intrige

Die Intrige ist der Katalysator zahlloser Dramen, aber warum nicht zur Abwechslung eine ebenso beliebte wie anspruchsvolle Serie in den Unterricht integrieren? Die Figur des rücksichtslosen Politikers Frank Underwood steht den altbekannten literarischen Intriganten in nichts nach.

Intrigen sind böswillige, unsoziale Handlungen! Sie stellen „hinterhältige, heimtückische Machenschaften [aus], mit denen man jemandes Pläne zu durchkreuzen, jemandem zu schaden sucht (Dudenredaktion 1985, S. 356). Sie sind einerseits Beleg für die taktische Intelligenz des Intriganten, andererseits aber inhumanes Tun zum eigenen Vorteil und demnach ethisch-moralisch abzulehnen. Kann es also „schöne Intrigen geben? Beim Blick in die Literaturgeschichte fällt jedenfalls auf, dass nicht nur die Intrige gern als leitendes Handlungselement genutzt wird, sondern auch einige Intriganten geschaffen wurden, deren Faszination für die Leserinnen und Leser zu allen Zeiten größer war als das Leid ihrer Opfer. Ob nun Reinecke Fuchs, Richard III., Marquise de Merteuil, Dorfrichter Adam, Max und Moritz oder Tom Ripley: Sie beeindrucken als Ränkeschmiede weit mehr, als ihre Untaten abschrecken können, und bieten so dem wohlig-gruseligen Konfliktinteresse der Leserinnen und Leser ausreichend Nahrung zur Komplizenschaft. Mit Frank Underwood trat innerhalb der US-TV-Serie House of Cards eine neue Figur in diesen illustren Kreis.
Zur Serie
Zur Serie
House of Cards basiert auf einer Romantrilogie von Michael Dobbs rund um den fiktiven englischen Politiker Francis Urquhart. In der darauf aufbauenden BBC-Miniserie aus der 1990ern wird ein neues Stilmittel integriert, das die Rezeption weitgehend anleitet: die Direktansprache des Publikums durch die Hauptfigur.
23 Jahre später überführen Produzent David Fincher und Autor Beau Willimon den Text ins 21. Jahrhundert der USA: Kevin Spacey spielt den skrupellosen Kongressabgeordneten Frank Underwood Robin Wright seine Frau Claire. Jene neuen Macbeths (vgl. Hanfeld 2013) gehen rücksichtslos und psychopathisch ihren Weg bis an die Spitze des Staates, die Frank mit der Vereidigung zum Präsidenten der USA bezwingt. Ästhetisch ist diese erste rein für das Internet (Streaming-Dienst Netflix) produzierte Serie ein Hochglanz-Produkt, das technisch und kompositorisch an die Qualität großer Kinofilme erinnert.
Dramaturgie der Intrige
Ein Intrigenplot ist bei aller Varianz in der Ausgestaltung durchaus musterhaft angelegt. Der Literaturwissenschaftler Peter von Matt hat dieses Intrigenmodell vorgestellt (vgl. Matt 2006, S. 118121): Als die groben Handlungsbausteine gelten dabei Planung, Durchführung und Anagnorisis (im Sinne von Wahrheitserkenntnis der Opfer, Aufdeckung der Intrige). Der Planung selbst geht die Erfahrung einer Notsituation voraus, die über Zielfantasien direkt in eine Planszene überführt wird. Danach ist das Intrigensubjekt markiert, steht zudem das (oder stehen die) Intrigenopfer fest und kommt es zur Anwerbung freiwilliger und unfreiwilliger Helfer. Das Verstellungsspiel beginnt. Ob über Verkleidung, Körperverstellung, mimischen Betrug, die sogenannte Intrigenstimme oder den Einsatz bestimmter Requisiten von jetzt an wird verschleiert gehandelt, mit Intrigengeduld und Intrigengenuss. Gegenintrigen können platziert, die Handlung zugespitzt und die Auflösung verlangsamt werden. Allerdings motiviert Leserinnen und Leser vornehmlich die genre-spezifische Spannungsfrage, wann der Zeitpunkt der Aufdeckung, für „die erwartete, [] erhoffte, [] gefürchtete Anagnorisis (S. 121) kommt und welche Lösung dem unerhörten Spiel folgen wird. Man mag sich fragen, wie standfest das „Kartenhaus der Täuschung und Lüge gebaut ist. Mag sich jammernd mit dem Opfer solidarisieren oder der intelligenten Verschlagenheit des Intriganten zumindest Anerkennung zollen. Der Thrill dieser mehrperspektivischen Informationsvergabe mit...

Friedrich+ Deutsch

Sie sind bereits Abonnent?

Mein Konto

Jetzt weiterlesen mit Friedrich+ Deutsch!

  • Digitaler Vollzugriff auf die Inhalte der Zeitschriften Praxis Deutsch und Deutsch 5–10
  • Intuitive Benutzeroberfläche mit thematischer Struktur und intelligenter Suche
  • Jährlich über 100 neue didaktische Beiträge, Unterrichtseinheiten, Arbeitsblätter, Lesetexte, Bildmaterial, Filmsequenzen, Methodenkarten, Lernplakate, Klausuren und vieles mehr

Zur Bestellung

Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 261 / 2017

Das Böse

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 10-13