Klaus Ruppersberg, Lara Durchgraf und Arne Krämer

Wachsmottenlarven fressen Plastiktüten – Fake-News oder nicht?

Kunststoffe, Recycling von Kunststoffen, Plastikmüll
Fressen und verdauen Wachsmotten Plastik?, © Lara Durchgraf

Klaus Ruppersberg, Lara Durchgraf und Arne Krämer

Naturwissenschaftliche Überprüfung einer Sensationsmeldung

Ende April 2017 berichteten Online-Magazine, Print-Medien, Youtube, Funk und Fernsehen über Wachsmottenlarven, die sich aus dem Plastikbeutel einer Hobby-Imkerin he-rausgefressen hatten. Das Besondere dabei: Die Wachsmottenlarven sollten nach dieser Beschreibung das in der Natur schwer abbaubare Polyethylen der Plastiktüte zu Ethylenglycol verdauen einem gefragten Rohstoff der chemischen Industrie. Eine Lösung des globalen Plastikmüllproblems wäre in Sicht! Auch mehrere Wissenschaftler treten vor Fernsehkameras auf, in vielen Zeitungen und Zeitschriften erscheinen Artikel zum Thema (Abb.1, [1, 2]). Vier Monate später werden die sensationellen Ergebnisse jedoch anzweifelt [3, 4, 5]. Was ist nun wahr, was ist falsch?
Das Ziel dieses Artikels ist es, Schülerinnen und Schüler für das Thema „Recycling von Kunststoffen mit biologischen Mitteln (hier: Wachsmottenlarve) zu sensibilisieren und zu begeistern. Gleichzeitig sollen sie befähigt werden, Meldungen mit wissenschaftlichem Hintergrund auch kritisch zu hinterfragen und beim Auftauchen von Widersprüchen, wie im oben geschilderten Fall, in der Lage sein, sich mit Hilfe von selbst gesuchtem und/oder bereit gestelltem Material eine eigene Meinung zu bilden.
Was ist wahr, was ist falsch?
In Fachzeitschriften weicht die Euphorie der Skepsis [3, 4, 5]. Handelte es sich um „Fake-News? Ganz so einfach ist die Sache nicht. Die Mainzer Autoren Carina Weber, Stefan Pusch und Till Opatz schreiben in „Current Biology: „We cannot rule out the possibility that the wax moth Galleria melonella might indeed be capacable of the chemical () destruction of polyethylene but the present publication does not provide sufficient proof for this claim. [3]
Mit welchen Experimenten hätten Forscher die sensationelle Aussage überprüfen können? Ist die Aussage eventuell mit einem simplen Schülerexperiment, nämlich dem Mikroskopieren der Kotkrümelchen auf Plastiktüten-Überresten, überprüfbar?
Schülerinnen und Schüler sollen motiviert werden, bei der Bewertung naturwissenschaftlicher Kontexte, Aspekte sowohl der Chemie als auch der Biologie anzuwenden, um zu einem abschließenden Urteil zu gelangen.
Vorschlag für ein Schülerprojekt
Die Behandlung der Ausgangsfrage „Was ist wahr, was ist falsch? lässt sich in einem Fach, das nur mit zwei Unterrichtsstunden pro Woche unterrichtet wird, sicherlich nur im Anriss beantworten. Ergiebiger wird es, wenn sich eine Schülergruppe unter fachlicher Betreuung über einen Zeitraum von bis zu zwei Wochen in abgesprochener Rollenverteilung projektartig mit folgenden Unterfragen auseinandersetzt und zwischenzeitlich im Plenum oder über Poster den aktuellen Stand berichtet:
Gruppe1: „Imker und Angler: Was sind überhaupt Wachsmotten und wie leben sie? (Material1 )
Gruppe2: „Umweltchemiker: Das Plastikproblem Warum ist der Streit um die Abbaubarkeit von Plastik wichtig? (Material2 )
Gruppe3: „Kunststoffchemiker: Warum sind einige Kunststoffarten besser abbaubar als andere? (Material3 )
Gruppe4: „Toxikologen: Was ist eigentlich Ethylenglycol? (Material4 )
Gruppe5: „Insektenforscher: Fressen Wachsmottenlarven Plastik, und wenn ja, verdauen sie es? (Material5 )
Gruppe6: „Zukunftsforscher: Was wäre, wenn die Larven wirklich Plastik abbauen könnten? (Kasten1)
Zeitbedarf: Ambitionierte Teams benötigen für die Recherche mit Internet und einer Schulbibliothek ca.2Stunden, anschließend noch einmal 2 Stunden für Gestaltung des Posters (Variante Ausstellung etwas mehr). Sollten die Insektenforscher das Experiment nachstellen wollen, so ist mit ca. 10 Tagen zu rechnen, pro Tag ca. 2 Stunden Tierbetreuung und Mikroskopieren, zusätzlich etwa 2 Stunden Zeit für die Erstellung der Dokumentation.
Während der Arbeit in den Projektgruppen sollte es eine Unterbrechung geben, damit sich die Schülerinnen...

Friedrich+ Chemie

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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Chemie Nr. 165 / 2018

Chemie in biologischen Kontexten

Friedrich+ Kennzeichnung Praxis Schuljahr 9-13