Kunststoffe und Nachhaltigkeit

The Ocean Cleanup – weltgrößtes Müllsammelprojekt im Pazifik

Mit einer riesigen Schwimmnudel Plastikmüll aus dem Meer fischen so die skurrile Idee des ehemaligen Luft- und Raumfahrttechnik-Studenten Boyan Slat aus den Niederlanden. In seinem durch Crowdfunding unterstützten Projekt The Ocean Cleanup entwickelte Slat 2013 ein Verfahren, im Meer treibenden Kunststoffmüll zu sammeln. Im Mai 2018 ging es nach vielfachen Tests auf die Reise zum Great Pacific Garbage Patch – der größten Ansammlung von Kunststoffmüll im Meer zwischen Kalifornien und Hawaii.

Am 8. September 2018 machte sich das System 001, die etwa 600 Meter lange „Schwimmnudel“, von der San Francisco Bay auf die lange Reise zum Great Pacific Garbage Patch.
Das System 001, die etwa 600 Meter lange „Schwimmnudel“, wird von einem Hochseeschlepper zum Zielort im Ozean gezogen. Foto: The Ocean Cleanup

Das Problem Kunststoffmüll im Meer

Derzeit befinden sich nach Schätzungen des Umweltbundesamtes über 100 Millionen Tonnen Kunststoffmüll in den Weltmeeren und jährlich kommen bis zu 4 Millionen Tonnen hinzu. Der überwiegende Teil des Mülls sinkt auf den Meeresboden, etwa 15 % schweben frei im Wasser und gut die gleiche Menge wird ans Land gespült. Ein großer Teil vom schwebenden Plastik sammelt sich aufgrund von Meeresströmungen in fünf riesigen Müllflecken – den Garbage Patches. In diesen Ansammlungen befinden sich bis zu einer Milliarde Plastikteile pro Quadratkilometer. Das hört sich nicht viel an, doch auf alle fünf Müllflecken verteilt ist das eine Zahl von gut 5 Trillionen Kunststoffteilen – angefangen von Getränkekisten oder Fischernetzen bis hin zu mikroskopisch kleinen Kunststoffpartikeln, dem Mikroplastik. Heute schätzt man, dass es in den Garbage Patches etwa fünf Mal mehr Kunststoffpartikel pro Kubikmeter Wasser gibt als Plankton. Die immensen Mengen an Kunststoffmüll gelangen vornehmlich über China, Indien und viele Länder Südostasiens und Afrikas vom Land ins Meer – einfach, weil dort die Entsorgungssysteme unzureichend sind oder gar fehlen. 

Kunststoffmüll birgt verschiedene ökologische Probleme in sich: In größeren Teilen können sich Tiere verfangen und daran verenden. Ein Teil des Plastikmülls wird über Jahrzehnte oder Jahrhunderte unter Einwirkung von UV-Strahlung und von Wasserbewegungen zu Mikroplastik umgewandelt. Mikroplastik kann von Wasserorganismen wie Plankton aufgenommen werden, wodurch es sich über die Nahrungskette anreichert. Schadstoffe wie Weichmacher, Flammschutzmittel oder Schwermetalle gelangen so schließlich zu uns zurück. Wissenschaftliche Untersuchungen stehen hierzu jedoch erst am Anfang.

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Die geniale Idee von Boyan Slat

Untersuchungen zur Dichte von pelagialem Kunststoffmüll in den Garbage Patches haben ergeben, dass die meisten Kunststoffe in einer Wassertiefe von bis zu drei Metern schweben. Um die Kunststoffe aus dieser Wassertiefe herausholen zu können, entwickelten Slat und seine Mitarbeiter einen schwimmenden Käscher – den Prototyp System 001: An einem etwa 600 m langen schwarzen Schwimmkörper, der einer überdimensionierten Schwimmnudel ähnelt, hängt ein Vorhang aus dicht gewebten Kunststofffäden bis zu drei Metern tief ins Wasser. Durch Wind, Wellen und Meeresströmung angetrieben soll diese U-förmige Konstruktion den im Meer treibenden Müll zusammenschieben, sodass der Müll im Anschluss über Netze in Schiffe geladen und in Richtung Festland transportiert werden kann. Das System aus Schwimmnudel und Vorhang bewegt sich dabei aufgrund der größeren Fläche und der größeren Masse schneller durch das Meer als der Kunststoffmüll. Dadurch wird das Zusammenschieben des Mülls möglich.

The Ocean Cleanup
The Ocean Cleanup Bild: The Ocean Cleanup

Fische und andere Wasserlebewesen seien nach Aussagen von Slat nicht beeinträchtigt, dass diese unter dem Käscher hindurchschwimmen könnten. Das Müllsammelsystem sei zudem autark, da alle elektronischen Geräte über Solarpanels mit Strom versorgt werden. Auch ein Transport zum Einsatzort ist nicht nötig, da die Schwimmnudel mit der Strömung transportiert wird.

Bisher wurde das System erfolgreich im Pazifik getestet – etwa 500 km vor der Küste Kaliforniens. Aktuell ist das System 001 noch gut 1000 Seemeilen vom Zielort – dem Great Pacific Garbage Patch entfernt. Unter dem folgenden Link kann man die Position feststellen: https://www.theoceancleanup.com/system001/

Slat hat sich dabei hohe Ziele gesetzt. In den nächsten fünf Jahren sollen bis zu 60 dieser Systeme in allen Müllinseln im Meer eingesetzt werden. Bis 2040 will er 90 % des pelagialen Plastikmülls auf diese Weise aus dem Meer gefischt haben. Doch es bleiben viele Fragen offen: Was ist mit dem Plastikmüll am Meeresboden, der gut 70 % des Kunststoffmülls im Meer ausmacht? Wie erfolgt das Recycling des nicht sortenreinen Kunststoffs? Bis zu welcher Korngröße lassen sich Kunststoffpartikel mit dem System entfernen?

Slat´s Projekt ist genial, doch auch begrenzt. Aber immerhin ist es einer von vielen nötigen Wegen, das Problem Kunststoffmüll im Meer zu bekämpfen. An erster Stelle steht dabei die Müllvermeidung – und damit kann jeder von uns anfangen.

https://www.theoceancleanup.com

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