Jürgen Menthe und Peter Düker

Schülervorstellungen sind entscheidend

Bewertungskompetenz, Nanotechnologie
Schülerlabor „NanoScience“ – Ferrofluid im Magnetfeld, © Jürgen Menthe und Peter Düker

Jürgen Menthe und Peter Düker

Bewertungskompetenz als Bildungserfahrung

Im Unterricht zur Förderung von Bewertungskompetenz sind zwei Arten von Schülervorstellungen zu unterscheiden: jene, die sich auf den Gegenstand der Bewertung beziehen (z.B. Gentechnik, Nanotechnologie, Atomkraft) und jene, die sich auf den Prozess des Bewertens beziehen. Letztere kommen implizit in der Art und Weise der Bewertung zum Ausdruck, können aber explizit gemacht werden. Erstere sind inhaltlicher Natur und dem Bewusstsein unmittelbar zugänglich.
Bewertungskompetenz zu fördern (vgl. auch [1]), bedeutet daher (a) Vorstellungen der Schülerinnen und Schüler zum Gegenstand aufzugreifen und sie über geeignete Lehr-Lernsettings zu begründeten Urteilen über den Gegenstand gelangen zu lassen, sowie (b) den Lernenden die Reflexion impliziter Bewertungsvorgänge und die systematische Anwendung von Bewertungsstrategien zu ermöglichen. Dabei zu erwartende Irritationen auf Lernendenseite können und sollen als Ausgangspunkt von Bildungserfahrungen fruchtbar gemacht werden.
Es sollen drei Lehr-Lern-Settings vorgestellt werden, die sich zur Förderung wesentlicher Aspekte kompetenten Bewertens eignen. Zunächst werden wir uns jedoch mit der Komplexität menschlichen Entscheidens auseinandersetzen, um auf dieser Basis die unserer Ansicht nach wesentlichen Aspekte von Bewertungskompetenz theoriegeleitet zu entwickeln. Die wissenschaftliche Begleitung der Lehr-Lern-Settings erlaubt es uns, jeweils die Bedeutung der Schülervorstellungen zu identifizieren.
Schülervorstellung und Schülerurteil
Zwischen Schülerurteilen und klassischen Schülervorstellungen gibt es eine auffällige Parallele: Beide erweisen sich häufig als sehr stabil und hartnäckig. So bestätigen zahlreiche Untersuchungen, dass Lernende weder ihre Erklärung für ein bestimmtes fachliches Phänomen, noch ihre Beurteilung einer bestimmten Technologie oder eines bestimmten Getränkes einfach so aufgeben, wenn sie neue Informationen erhalten. Wird wie in der Schule für eine solche beharr-liche Vorstellung eine rationale Erklärung eingefordert, so kann das zum Hinterfragen der Entscheidung (oder des Konzepts) führen, es kann aber auch einfach die Suche nach alternativen Begründungsfiguren in Gang setzen, um an der Vorstellung oder Entscheidung festhalten zu können.
Die Bedeutung solcher häufig unbewussten Prägungen wird in prominenten Modellierungen von Bewertungskompetenz wenig abgebildet. Diese folgen meist einem rational-choice-Ansatz (Abb.1 ), in dem die rationale Abwägung als Ideal dargestellt wird [2, 3]. Auch in Fragen der persönlichen Lebensgestaltung soll diese rationale Abwägung „entscheidend sein. Dies führt im Unterricht zu Aufgaben, in denen etwa die Frage der Anschaffung eines Haustiers nach dem Nutzenwertmodell abgearbeitet werden kann. Während es durchaus unterhaltsam sein kann, die Haustierwahl „durchzurechnen, ist zugleich klar, dass diese Frage real völlig anders entschieden würde. Die Lebensweltferne obiger Modellierung besteht gerade darin, dass intuitive Entscheidungsprozesse (und mithin Schülervorstellungen) weitgehend ausgeklammert und nur in der artifiziellen Form standardisierter, skalierter Präferenzen berücksichtigt werden.
Eine bessere Annäherung an reale Entscheidungsprozesse versprechen die in der Entscheidungspsychologie entwickelten Zwei-Prozess-Modelle [4, 5]. Ihre Verfechter postulieren die Existenz zweier unterschiedlicher Entscheidungsmodi, nämlich eines rationalen und eines stets begleitend ablaufenden intuitiven Prozesses. Bei ersterem werden Entscheidungen bewusst, transparent und kriteriengeleitet getroffen. Voraussetzung für das Ablaufen des kognitiv und zeitlich aufwändigen rationalen Entscheidungsprocederes ist, dass kein unmittelbarer Handlungsdruck besteht. Im Unterschied dazu erwachsen intuitive Entscheidungen ad hoc aus erfahrungsgenerierten Mustern. Der Soziologe Pierre Bourdieu hat für diese bereichsübergreifenden...
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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Chemie Nr. 159 / 2017

Schülervorstellungen

Zeitschrift "Unterricht Chemie" Premium-Beitrag Methode & Didaktik Schuljahr 8-12