Christian Zowada, Vânia Gomes Zuin, Nadja Belova und Ingo Eilks

Glyphosat und grüne Pestizide

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Bewertung eines Themas mithilfe des Meinungsstrahls, © Christian Zowada

Christian Zowada, Vânia Gomes Zuin, Nadja Belova und Ingo Eilks

Nachhaltige Chemie und Nachhaltigkeitsbewertung im Chemieunterricht

Pestizide sind in den Medien immer wieder präsent, etwa wenn es um Öko-Landwirtschaft, die Glyphosat-Debatte oder das Bienensterben geht. Der Streit um den Einsatz und dessen mögliche Auswirkungen machen das Thema auch für den Chemieunterricht interessant, insbesondere wenn man dies mit der aktuellen Suche der Chemie nach grünen Alternativen, den sogenannten Green Pesticides, verbindet. Dieser Beitrag beschreibt den fachlichen Hintergrund und einen Unterrichtsvorschlag, der zunächst aufgreift, was Pestizide sind, bevor er auf grüne Pestizide als potentielle Alternative zu konven-tionellen Pestiziden eingeht. Videovignetten von Wissenschaftlerinnen u.a. aus Brasilien begleiten den Unterricht, die aktuelle Aspekte dieser Thematik zusammenfassen. Am Ende sollen Glyphosat als Vertreter konventioneller Pestizide und Orangenöl als Vertreter eines möglichen „grünen Pestizids mittels Spinnennetzdiagrammen verglichen und bewertet werden.
Was sind Pestizide?
Pestizide werden in den Medien oft kritisch dargestellt. Die Mehrheit der Deutschen bewertet das Risiko von Pestiziden höher als ihren Nutzen und denkt, dass keine Pflanzenschutzmittel- bzw. Pestizid-Rückstände in Lebensmitteln enthalten sein dürfen und diese ein großes gesundheitliches Risiko darstellen [1, 2]. Auch werden sie als Umweltproblem angesehen, etwa in der Zeit im Mai 2018 unter der Überschrift „Das große Entgiften Glyphosat, Insektizide, Artensterben die Agrarpolitik steht am Wendepunkt [3], während die Stuttgarter Nachrichten einen Monat später titelte: „Pestizide: Einfach weglassen geht nicht [4]. Pflanzenschutz ist ein vielschichtiges Thema mit Aspekten aus Chemie, Ökologie, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft und einer zum Teil uneinheitlichen Forschungslage, die eindeutig „richtige Entscheidungen schwierig bis unmöglich macht [5].
Auch der Umgang mit den Begrifflichkeiten ist oftmals schwierig. Während Hastik et al. [5] die Begriffe Pestizid und Pflanzenschutzmittel synonym verwenden, unterscheidet die Europäische Union [6] in ihrer Pestizid-Richtlinie Pestizide und Biozide. Die European Food Safety Authority, das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), der BUND und Wikipedia [7 – 10] sehen Pestizid als Oberbegriff, unter dem sich Pflanzenschutzmittel und Biozide subsumieren. Eine andere Unterscheidung scheint einfacher: Die Einteilung von Pflanzenschutzmittel je nach Einsatzgebiet: Insektizide gegen Insekten, Fungizide gegen Pilze und Herbizide gegen Pflanzen.
Die Funktionsweise aller Pestizide und Biozide verläuft über Eingriffe in Stoffwechselprozesse. Ziel ist es, bestimmte Organismen abzutöten, zu vertreiben oder in Vermehrung, Keimung oder Wachstum zu hemmen. Die großindustrielle Nutzung moderner Pestizide wird häufig auf die 1940er-Jahre und den ersten Einsatz neuartiger Pestizide zurückgeführt, wie TEPP und DDT (beides Insektizide) [11]. Spätestens mit dem Buch „The Silent Spring von Rachel Carson [12] begann man jedoch, auch die Risiken des Pestizideinsatzes zu diskutieren. In den folgenden Jahrzenten galt die Suche nach immer selektiveren Mitteln gegen bestimmte Organismen am besten ohne schädliche Nebenwirkungen als primäres Ziel. Heute umfasst Pflanzenschutz eine ganze Reihe verschiedener Optionen, darunter Pflanzen, die so verändert wurden, dass sie gegen Schädlinge resistent wurden [11]. Die Zulassung von Pestizidwirkstoffen wird bei uns durch die EU geregelt und ist ein langer, kostenintensiver Prozess (genaueres hierzu z.B. in [2, 13, 14]).
Im integrierten Pflanzenschutz moderner Landwirtschaft sind Pestizide eine Methode von vielen, wie z.B. mechanisches Unkrautjäten. Noch weiter geht die ökologische Landwirtschaft, in der auf synthetische Pestizide verzichtet wird. Hier schreibt das BMEL allerdings: „Eine 100-prozentige Umstellung auf ökologische...
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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Chemie Nr. 172 / 2019

Nachhaltigkeit

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