Thomas Gerl

Faszination Vogelbeobachtung

Vogelbeobachtung, Birder, Bird Watching, Vögel
Wenn Philipp Herrmann nicht über seine Vogelhotline hilft, streift er auch selbst auf der Suche nach Vögeln durch die Natur., Foto: © Vogelphilipp

Thomas Gerl

Es ist 4 Uhr morgens, als ich mir das Fernglas umhänge. Der Atem kondensiert in der kalten Aprilnacht. Gemeinsam mit meinem Freund und Physikkollegen Johannes Almer bin ich in die Südtiroler Berge gefahren, um zum ersten Mal im Leben Steinhühner in freier Wildbahn zu sehen. Es ist kalt und vor uns liegen 700 Höhenmeter Aufstieg bis zu der Stelle, an der wir die Vögel vermuten. Der Rucksack mit Spektiv und Kameraausrüstung drückt schwer auf die Schultern, als wir im fahlen Schein der Stirnlampen langsam die Serpentinen des Bergpfades nach oben steigen angenehm ist anders. Nach knapp zwei Stunden Aufstieg haben wir noch vor Sonnenaufgang unser Zielgebiet erreicht. Hier sollen die Steinhühner leben. Noch ist es aber zu dunkel, um irgendetwas zu sehen. Wir brauchen Glück und vor allem Geduld.
In unserem Versteck hinter einem Felsen wird es schnell bitterkalt. Gott sei Dank taucht die aufgehende Sonne die Gipfelspitzen schon in orangenes Licht. Bald wird die Sonne auch den Hang erleuchten, auf dem wir die Tiere vermuten. Damit uns die scheuen Hühnervögel nicht entdecken, haben wir unser Versteck am schattigen Gegenhang bezogen. Es ist kalt, richtig kalt, aber wir dürfen uns nicht rühren, wenn wir Erfolg haben wollen. Jede Bewegung könnte uns verraten. Es dauert Stunden. Mit klammen Fingern greife ich immer wieder nach dem Fernglas und suche das Gebiet ab Felsblock für Felsblock, wieder und wieder. Aber es bleibt dabei: keine Steinhühner, überhaupt kein Vogel, nichts.
Nach vier Stunden können wir nicht mehr. Meine Glieder sind taub und die Fingerspitzen so kalt, dass ich sie kaum noch spüre. Spätestens jetzt fragt man sich, was das alles soll. Die einzige Belohnung für die lange Anreise und den anstrengenden Aufstieg waren eisige Temperaturen und kalte Füße (Abb. 1). Wir packen zusammen und wollen nur noch hinüber in die Sonne, in die Wärme. Die Steinhühner haben wir längst abgeschrieben. Mit unsicheren Schritten stolpern wir über die Felsen, als plötzlich zwei Steinhühner direkt vor uns auffliegen! Kaum zwanzig Meter entfernt hatten sich die Tiere unter einem Felsen versteckt perfekt getarnt. Aber jetzt sind sie da und fliegen rasend schnell den Hang hinunter. Johannes und ich reißen unsere Kameras an unsere Augen und drücken blindlings auf die Auslöser. Vom Auffliegen der Steinhühner bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie einige Hundert Meter weiter unten zwischen den Felsen wieder verschwinden, vergehen nur vier bis fünf Sekunden. Auf keinem der von uns gemachten Bilder wird man die Vögel später auch nur annähernd erkennen, doch uns beide durchströmt ein enormes Glücksgefühl. Wir haben sie in freier Wildbahn gesehen! Für mich der Inbegriff von „Faszination Vogelbeobachtung.
Nur zwei von vielen
Sehr gerne erzähle ich in meinen Klassen von diesen kleinen Abenteuern. Vor den Ferien fragen mich viele Kinder, welche Arten denn diesmal auf „der Liste stehen. Viele von ihnen halten mich für ein klein bisschen verrückt. Weil sie aber auch Herrn Almer in Physik haben, sind wir immerhin schon zwei „Narrische unter ihren Lehrkräften und so sind sie daran schon gewohnt.
Tatsächlich gibt es mehr „birder, als man denkt. Entsprechende Gruppen in sozialen Netzwerken haben Tausende Mitglieder. Allein in Deutschland dokumentieren über 60000 Menschen ihre Naturbeobachtungen systematisch in Online-Plattformen, wie naturgucker.net oder ornitho.de.
Doch wie wird man eigentlich zum Naturbeobachter? Der amerikanische Beststellerautor und bekennende Ornithologe Jonathan Franzen ordnet sich selbst der Gruppe der „Lister zu. Ein Lister führt penible Listen über alle Arten, die er im Leben, in diesem Jahr oder in einem bestimmten Gebiet gesehen hat. Diese Menschen haben sich die ausgeprägte Sammelleidenschaft ihrer Kindheit auch bis in ihr Erwachsenenalter erhalten. Sie wissen genau, welche Arten sie gesehen haben und welche ihnen noch fehlen, um zum Beispiel in den Club300 aufgenommen zu werden, der...

Friedrich+ Deutsch

Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Jetzt ganz einfach mit F+ weiterlesen

  • 30 Tage kostenloser Vollzugriff
  • 5 Downloads gratis enthalten

30 Tage kostenlos testen

Mehr Informationen zu Friedrich+ Biologie

Fakten zum Artikel
aus: Biologie 5-10 Nr. 32 / 2020

Die Welt der Vögel

Friedrich+ Kennzeichnung Fachwissen Schuljahr 9-10