Thomas Gerl

Aussterbende Artenkenntnis!Vogelarten kennenlernen

Gänsesäger, Artenschutz, Artenkenntnis, Vögel
Gänsesäger-Weibchen transportieren ihre Küken mitunter auf dem Rücken., Foto: © Monikasurzin/stock.adobe.com

Thomas Gerl

Ein beliebtes Ziel unserer Wandertage ist der Chiemsee. Mit einem Eis in der Hand und den Füßen im warmen See schaue ich meinen Schülerinnen und Schülern aus der 6. Klasse beim Toben am Ufer zu. Ganz in der Nähe treibt eine Gruppe Tafelenten um eine Gänsesäger-Familie (Abb. 1). Am Bootssteg betteln Stockenten nach Brotresten und auf einem abgestorbenen Baum sonnt sich ein Kormoran mit ausgebreiteten Flügeln. Wie viele Vogelarten meine Schülerinnen und Schüler wohl kennen?
Gemeinsam mit meinem Kollegen Johannes Almer entwickelte ich den BISA-Test, der Vogelartenkenntnis abfragt. Der Name BISA stand dabei ursprünglich für „Birds in School Assessment und sollte an den PISA-Test erinnern. Aus ursprünglich einer Klasse wurden schnell einige Tausend bayerische Kinder, die an unserer Online-Umfrage teilnahmen. Das Ergebnis war wie befürchtet: Die Artenkenntnis ist nicht besonders gut. Sie konnten in diesem Test im Schnitt gerade einmal 6 von maximal 15 Punkten erreichen. In Noten ausgedrückt wäre die Artenkenntnis somit mangelhaft. Schlimmer ist jedoch, dass wir mit diesen Zahlen statistisch belegen konnten, dass die Artenkenntnis seit 2007 um rund 20 Prozent gesunken ist (Gerl u.a. 2018). Die Artenkenntnis gehört also auf die Rote Liste des vom Aussterben bedrohten Fachwissens. Dagegen wollten wir etwas tun und so wurde aus dem einmaligen „Birds in School Assessment das „Biodiversität im Schulalltag-Projekt, mit dem wir Kindern unter dem Motto „Outdoor & Online die heimische Flora und Fauna näherbringen wollen. Doch wie lehrt man eigentlich Artenkenntnis?
Der Weg zur Artenkenntnis
Die meisten Freundinnen und Freunde der Artenkenntnis haben sich ihr taxonomisches Wissen durch wiederholte Übungen und ausführliche Naturbeobachtungen erworben. Diese verspürten aus sich selbst heraus die Motivation, sich intensiv der Natur zu widmen. Das ist bei meinen Schülerinnen und Schülern meistens nicht der Fall. Deshalb muss ich ein fachdidaktisch strukturiertes und methodisch abwechslungsreiches Unterrichtsprogramm erstellen, mit dem die Lernenden durch die Thematik geführt werden. Dabei hat sich die in Abb. 2 dargestellte unterrichtliche Abfolge bewährt, die ich im Klassenzimmer durchlaufe, bevor die Kinder die Arten im Freiland entdecken dürfen. Vielleicht überrascht es viele, dass ich nicht mit einer echten Naturbegegnung starte, weil das Erlebnis, ein Tier zu sehen, sehr motivierend wirkt. Allerdings ist es mit meinen Klassen sehr schwierig, eine ausreichend große Anzahl an Vögeln im Freiland zu beobachten, weil diese tendenziell scheu sind. Auch zeigen sie sich in der Regel während meiner Unterrichtsstunden nicht in der von mir gewünschten Artenvielfalt.
Erstbegegnung
Zunächst stehe ich vor der schwierigen Entscheidung, welche Vogelarten meine Schülerinnen und Schüler kennenlernen sollen. Die Auswahl sollte an die Region angepasst sein und vor allem die Arten berücksichtigen, die die Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit im Freiland sehen werden. Das können die Vögel des Wattenmeeres genauso sein wie die flinken Singvögel im Garten. Ich wähle für meine Klasse Wasservögel aus, weil wir die sehr gut am Chiemsee beobachten können. An meiner Schule gibt es leider keine Sammlung an guten Stopfpräparaten. Deswegen nutze ich für die Erstbegegnung Medien. Statt Fotos von den Tieren zu verwenden, habe ich mir kleine Bilderrätsel ausgedacht (AB 1), die die Kinder mit der Think-Pair-Share-Methode lösen müssen. Sollte man in einer Tablet-Klasse unterrichten, kann man auch ein interaktives Aufgabenformat nutzen.
Unterscheidungsmerkmale
Wie sehen die Vögel hinter den Namen aus und worin unterscheiden sie sich von anderen Arten? In arbeitsteiliger Gruppenarbeit lasse ich meine Klasse digitale Steckbriefe erstellen (AB 2). Hierfür nutze ich die App „Book Creator. Sie ist auf Apple-Geräten standardmäßig installiert und für andere Betriebssysteme als Browser-Version frei zugänglich. Jede...

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Fakten zum Artikel
aus: Biologie 5-10 Nr. 32 / 2020

Die Welt der Vögel

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 5-6