Karl-Martin Ricker

Wie intelligent sind Vögel?

Spatzen, Vögel, Intelligenz
Spatzenhirn? Von wegen!, Foto: © nataba/stock.adobe.com

Karl-Martin Ricker

Kognitive Fähigkeiten der Vögel im Vergleich zum Menschen betrachten

„Du Spatzenhirn! Das denke ich manchmal, wenn ein Mitmensch allzu dummes Zeug redet. Er hätte erst einmal nachdenken sollen, bevor er spricht. Doch diesen Gedanken werde ich mir künftig nicht mehr erlauben. Denn inzwischen habe ich nicht nur vor Spatzen Respekt, sondern vor vielen Vogelarten, deren Intelligenzleistungen ich bei der Vorbereitung dieser Unterrichtseinheit kennengelernt habe.
Faktor: Gehirngewicht
Das Gehirn einer erwachsenen Frau wiegt durchschnittlich 1245 Gramm und eines Mannes 1375 Gramm. Aus dieser Differenz lässt sich jedoch kein Unterschied in der Intelligenz ableiten. Das gerade erwähnte Spatzenhirn, also das Gehirn eines Haussperlings (Passer domesticus), ist noch leichter. Es wiegt weniger als 1 Gramm. Lange Zeit war selbst unter Biologinnen und Biologen die Ansicht weit verbreitet, dass dieser große Unterschied ein Zeichen für verringerte kognitive Fähigkeiten bei Spatzen ist. Schließlich erscheint das Verhalten der kleinen Vögel auf dem Dach und in den Sträuchern nicht gerade sehr intelligent: viel Gezwitscher und Gezänk um nichts!
Intelligenz bei Vögeln? Kein Thema
Während meines Biologiestudiums Anfang der 80er-Jahre hatten wir im Frühjahr die Möglichkeit, um 5:30 Uhr auf Vogelexkursion zu gehen. Dazu konnte ich mich als Student nur selten aufraffen, so frühmorgens! Im zoologischen Großpraktikum sezierten wir ein Hühnchen und ich lernte die Anatomie der Vögel genauer kennen. Im Ethologiekurs wurden uns gut untersuchte Beispiele von angeborenem und erlerntem Verhalten vorgestellt. Das Verhalten von Vögeln wurde vor allem als angeborenes Reiz-Reaktionsschema dargestellt. Singvögel füttern ihre Jungen nur, weil diese ihnen die weit geöffneten roten oder gelben Rachen entgegenstrecken. Silbermöwen füttern ihr Küken, wenn diese auf den roten Punkt am Schnabel des Elternvogels picken. Rotkehlchen balzen einen roten Federbusch an, den sie für eine attraktive Partnerin halten alles angeborene Auslösemechanismen. Wir schauten uns auch alte Filme über Konrad Lorenz und seine Graugänse an. Wir lernten, dass es nach dem Schlüpfen der jungen Gänse nur ein kurzes Zeitfenster für die Prägung auf die Elterntiere gibt. Als Eltern werden Menschen und auch bewegte Bälle akzeptiert. Lernverhalten von Tauben wurde mit der Skinnerbox untersucht. Diese Form des Lernens erschien mir sehr eingeschränkt und gar nicht flexibel. Über intelligentes Verhalten von Vögeln sprachen wir damals nicht. Dabei hatte sich schon Konrad Lorenz mit der erstaunlichen Lernfähigkeit der Dohlen befasst und dazu etliche Studien durchgeführt und niedergeschrieben. Achtung vor den Fähigkeiten der Vögel stellte sich bei mir damals allenfalls ein, wenn es um die erstaunlichen Flugeigenschaften mancher Vogelarten ging. Besonders beeindruckte mich die Küstenseeschwalbe, die jährlich zweimal 20000 Kilometer zwischen den Sommerrevieren in Grönland oder Alaska und dem Winterquartier in der Antarktis zurücklegt.
Neue Forschungsergebnisse
Viele wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich das Verhalten der Vögel keineswegs auf angeborene Reiz-Reaktionsschemata beschränkt. Viele Vogelarten sind sehr lernfähig und können auf neue Situationen flexibel reagieren. Diese Erkenntnis setzte sich in den letzten 30 Jahren in der Wissenschaft immer mehr durch und konnte auch durch neurologische Erkenntnisse über Vogelgehirne gestützt werden (Info 1).
Info 1|Keine Frage der Größe
Info 1|Keine Frage der Größe
Die Kognitionsforschung der letzten Jahrzehnte an verschiedenen Vogelarten, wie Rabenvögeln, Papageien und Singvögeln, zeigt, dass viele Vogelarten zu komplexem und flexiblem Handeln und Lernen fähig sind. Zunächst war unklar, wie Vögel, trotz ihres kleinen Gehirns und ihrer äußerlich einfachen Gehirnstrukturen, dazu in der Lage sind.
Die beiden Forschenden Suzana Herculano-Houzel aus Nashville (USA) und Pavel Nemec...

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Fakten zum Artikel
aus: Biologie 5-10 Nr. 32 / 2020

Die Welt der Vögel

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 7-8