Jürgen Langlet

Verhalten ist individuell

Mäuse mit identischen Genen zeigen individuelle Bewegungsmuster und Merkmale.
1: Mäuse verhalten sich individuell unterschiedlich., Foto: © Slowmotiongli/istockphoto.com

Jürgen Langlet

Tiere einer Art verhalten sich nicht gleich

Gibt es innerhalb der Tiere einer Art „Tierpersönlichkeiten oder verhalten sich alle Tiere einer Art gleich? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, setzten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vierzig weibliche Mäuse (Mus musculus f. domestica) (Abb. 1) mit identischen Genen im Alter von vier Wochen in ein reich strukturiertes Gehege und beobachteten diese mithilfe angehefteter Chips und Antennen drei Monate lang (Freund u.a. 2013). Alle Bewegungen der Mäuse wurden ganztägig aufgezeichnet. Zunächst verhielten sich alle Mäuse nahezu gleich. Nach drei Monaten bildete sich aber für jede Maus ein stabiles und charakteristisches Bewegungsmuster heraus: Manche Mäuse waren überall im Gehege anzutreffen, andere hielten sich vornehmlich an bestimmten Orten auf. Etliche Mäuse zeigten ein Bewegungsmuster, das zwischen den beiden Extremen lag.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München konnten sogar persönlichkeitsstabile Merkmale bei Mäusen identifizieren und diese mit deren unterschiedlicher Genexpression analogisieren (Forkosh u.a. 2019).
Bis vor Kurzem existierte noch die Vorstellung, dass Tiere einer Art ein gleiches, instinktives, genetisch gesteuertes, arterhaltendes Verhalten besitzen und individuelle Unterschiede kaum vorhanden sind. Diese Vorstellung hält sich hartnäckig, obwohl wir unseren Haustieren individuelle Namen geben und ihnen selbstverständlich Individualität zuschreiben. Aber inzwischen erkennt die Verhaltensforschung derartige „Tierpersönlichkeiten für viele Tiere an: Nicht nur jeder Schimpanse, sondern auch jede Maus oder jede Kohlmeise unterscheidet sich im Verhalten von ihren Artgenossen, selbstverständlich immer im Zusammenspiel mit der Umwelt.
Der Schritt, den die Verhaltensbiologie in den letzten Jahren gegangen ist, ist die Entdeckung der Individualisierung im Tierreich. Das ist auch das Thema dieses Heftes: „Verhalten ist individuell!
Pränatale Einflüsse bereiten den Nachwuchs auf die Umwelt vor
Dass ein Sozialpartner für die Entwicklung sozialen Verhaltens entscheidend ist, wissen wir seit den Versuchen von Harlow an Rhesusaffen (Blum 2010), die heute aus tierethischen Gründen nicht akzeptabel wären, sowie den Untersuchungen von Bowlby (2006). Neu ist, dass es pränatale Einflüsse gibt, die den Nachwuchs auf die zu erwartende Umwelt vorbereiten.
Weibliche Meerschweinchenjungtiere (Cavia aparea f. porcellus), deren Mütter (Abb. 2 ) während der Tragzeit in einer instabilen sozialen Umwelt leben, entwickeln männliches Verhalten (Kaiser/Sachser 2005). Eine instabile Umwelt entspricht dabei den Bedingungen in einer natürlichen Umwelt bei einer hohen Populationsdichte. Bestimmte Hirnareale und der Testosteronhaushalt der weiblichen Jungtiere sind deutlich maskulinisiert. Erstaunlicherweise sind die Effekte bei jungen Männchen anders. Diese weisen weniger Rezeptoren für Testosteron im Gehirn auf und zeigen ausgeprägtes Spielverhalten. Dies wird auch Infantilisierung genannt. Ursache ist die Bildung von Hormonen wie Cortisol oder Adrenalin bei den trächtigen Weibchen. Die Hormone beeinflussen die Hirnentwicklung der Föten, wie Befunde bei Mäusen, Ratten, Schweinen und Affen zeigen. Derartiges weibliches und männliches Verhalten erscheint adaptiv in Bezug auf die Populationsdichte: Robuste, durchsetzungsfähige weibliche Jungtiere haben bei hohen Populationsdichten einen höheren Fortpflanzungserfolg. Heranwachsende männliche Jungtiere vergeuden dagegen ihre Ressourcen nicht in der Konfrontation mit starken Alpha-Männchen, sondern lassen die Zeit durch Bindung an ein Weibchen für sich arbeiten. Durch direkte, hormonphysiologische, also proximate Wirkzusammenhänge bei der Mutter werden also funktionale Verhaltensweisen des Nachwuchses gesteuert. Natürlich gilt dies auch für spätere Lebensphasen, wie zum Beispiel in der Adoleszenz. Das Verhalten der Tiere ist dabei immer im Zusammenspiel mit der Umwelt zu sehen....

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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Biologie Nr. 459 / 2020

Verhalten ist individuell

Friedrich+ Kennzeichnung Fachwissen Schuljahr 5-13