Karl-Martin Ricker

Expedition in die Welt der Kraniche

Ultraleichtflugzeug, Kraniche, Flug, Artenschutz, Operation Migration, Schreikraniche
Fliegen mit den Kranichen: 2001 wurden die ersten Jungkraniche im Rahmen des Projekts „Operation Migration“ mit einem Ultra-leichtflugzeug in den Süden geführt., Foto: B. Weßling

Karl-Martin Ricker/Bernhard Weßling

Das Verhalten der Kraniche entschlüsseln und Projekte zum Artenschutz kennenlernen

Ein Sonntag Ende April: Es ist 5 Uhr früh und ich bin auf dem Weg ins Brenner Moor bei Bad Oldesloe. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Nebel liegt über der Niederung. Es ist ziemlich kalt. Kaum über null Grad Celsius. Ich hätte mir eine wärmere Jacke anziehen sollen! Hoffentlich lohnt sich das frühe Aufstehen. Leise schreite ich auf dem Weg voran, lausche. Es ist außergewöhnlich still. Kein entfernter Autobahnlärm wie an Wochentagen. In den alten Eschen beginnen ein paar Amseln mit ihrem Morgenkonzert. In einiger Entfernung steht ein Reiher im flachen Wasser. Plötzlich fliegen ein paar Graugänse krächzend und schnatternd auf. Dann ist es wieder ruhig. Ich könnte jetzt noch schön im warmen Bett liegen
Dann ertönt plötzlich ein erster Ruf. Ich bin mir nicht sicher: War das eine Gans oder doch ein Kranich? Wegen der Kraniche bin ich hier. Ich habe gehört, dass sie hier ihren Schlafplatz haben. Da, noch ein Ruf! Dieses Mal ist er richtig laut. Ein hoher Rufton und ein tieferes, leicht zeitversetztes Begleitgeräusch, schwer zu beschreiben. Das müssen zwei Kraniche sein, ein Duettruf eines Kranichpaares! Darauf habe ich gehofft. Ich gehe vorsichtig ein paar Meter weiter und bleibe hinter einem Gebüsch stehen. Ich weiß, Kraniche sind sehr scheu. Meistens halten sie einen Abstand von mindestens 300 Metern zu den Menschen. Die nächsten Duettrufe lassen nicht lange auf sich warten. Es könnten sogar zwei oder mehr Paare sein, denn die Duettrufe unterscheiden sich ein wenig. Zur Sicherheit nehme ich die nächsten Laute mit meiner App „Naturblick auf. „Grauer Kranich bestätigt mir die App. Super! Ich lausche weiter und es gelingt mir, mehrere Rufe aufzunehmen. Langsam kriecht die Kälte an meinen Beinen hoch und unter meine Jacke, aber ich bin glücklich! Langsam wandere ich durchs Moor, in dem das Morgenkonzert seiner Bewohner einsetzt. Gegen 5:45 Uhr ertönen mehrere Kranichrufe nacheinander. Dann folgen ein paar leisere Geräusche. Plötzlich sehe ich sie: Insgesamt elf Kraniche fliegen auf! Sie überqueren das Moor und suchen auf den Feldern der Region nach Futter. Ich genieße noch den Sonnenaufgang über der Trave, bevor ich nach Hause ins Warme gehe. Schöner kann ein Sonntag nicht beginnen!
Dr. Bernhard Weßling und die Kraniche
Zu dieser frühmorgendlichen Exkursion hat mich das Buch „Der Ruf der Kraniche von Bernhard Weßling inspiriert. Im Duvenstedter Brook im Norden Hamburgs beobachtet er seit fast 40 Jahren regelmäßig die faszinierenden Kraniche. Jetzt kann ich verstehen, wie ihn diese Vögel in ihren Bann gezogen haben. Am nächsten Tag darf ich ihn zu Hause besuchen, um ein Interview mit ihm zu führen. Seit zwei Jahren wohnt er ganz in der Nähe des Duvenstedter Brooks. Kaum haben wir auf der sonnigen Terrasse Platz genommen und uns ein wenig bekannt gemacht, ertönen in einiger Entfernung Kranichrufe. Diese Klänge werden uns bis zum frühen Abend als Hintergrundkulisse begleiten. Das Interview nehme ich mit meinem Smartphone auf, um es später, angereichert mit passenden Film- und Fotoaufnahmen der Kraniche, in den Unterricht einzubinden. Die daraus entnommenen Informationen aus erster Hand eignen sich wunderbar für die Schülerinnen und Schüler für eine Recherche zum Unterrichtsthema. Zum Glück scheint heute die Sonne, es ist warm und fast windstill.
Bernhard Weßling ist eigentlich Chemiker. Bis vor einigen Jahren leitete er eine eigene kleine Chemiefirma und betrieb dort Polymerforschung.
Kranichbeobachtungen und Forschung im Duvenstedter Brook
Die Kraniche entdeckte Weßling Anfang der 80er-Jahre eher zufällig bei einem Spaziergang durch das Naturschutzgebiet Duvenstedter Brook im Norden von Hamburg. Fasziniert von diesen wunderschönen Vögeln mit ihren charakteristischen Rufen engagierte er sich schon bald für ihren Schutz. Denn im Duvenstedter Brook gab es brütende...

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Fakten zum Artikel
aus: Biologie 5-10 Nr. 32 / 2020

Die Welt der Vögel

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 9-10