Thomas Gerl

Der Vogelzug – eine faszinierende Reise

Thomas Gerl

Nutzung von digitalen Daten zur Aufklärung chronobiologischer Phänomene

Mit der jährlich stattfinden Reise der Zugvögel in ihre Winterquartiere und zurück bietet sich bereits in der Sekundarstufe I ein spannendes Feld für chronobiologische Überlegungen. Die vorgestellte Unterrichtseinheit bietet für Lernende nicht nur die Möglichkeit, einheimische Zugvögel kennenzulernen, sondern vor allem den naturwissenschaftlichen Erkenntnisweg nachzuvollziehen, um herauszufinden, wodurch das Zugverhalten ausgelöst wird.

Der Vogelzug ist eine der spektakulärsten Migrationsbewegungen der Tierwelt. Jährlich verlassen weltweit Milliarden Vögel in z.T. gewaltigen Schwärmen von mehreren Tausend Individuen ihre Brutgebiete, um die ungünstige Zeit in Regionen mit besserem Nahrungsangebot zu überstehen. Die erstaunlichen physiologischen Angepasstheiten der Vögel erlauben es z.B. einer Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea), von ihren arktischen Brutgebieten jedes Jahr einmal um die Welt in die Antarktis auf der anderen Seite des Globus zu fliegen. Auch kleinere Vögel, wie der Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe, Abb. 1 ) oder die Rauch-Schwalbe (Hirundo rustica, Abb. 2 ) fliegen an die 30.000km pro Jahr.
Dabei zeigen Vögel ein erstaunliches Orientierungsvermögen, das es ihnen nach einem Tausende Kilometer langen Flug erlaubt, zum selben Nistplatz zurückzukehren. Auch wenn bekanntlich eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, faszinierte die Menschen seit jeher die zeitliche Präzision, mit der die Arten z.T. auf den Tag genau aus ihren Überwinterungsgebieten zurückkehren.
Bereits Aristoteles versuchte, den Vogelzug mithilfe seiner Transmutationstheorie zu erklären. Nach dieser Vorstellung wandert das Rot des Brustgefieders eines Rotkehlchens im Winter in die Schwanzfedern. Zu diesem Schluss kam er, weil Rotkehlchen im Winter Griechenland verlassen und dafür Rotschwänzchen aus dem Norden Hellas erreichen. Da dies aber nur „das Verschwinden der Rotkehlchen erklären konnte, bildeten sich in der Folge weitere Hypothesen, die u.a. davon ausgingen, dass Vögel im Winter zum Mond flögen.
Als viele Jahrhunderte später Reisende von Weißstörchen aus Afrika berichteten, begann sich die Vorstellung einer Wanderungsbewegung durchzusetzen, die sich durch die bahnbrechende Idee der Beringung von Vögeln durch den dänischen Lehrer (!) Christian Mortensen endlich beweisen ließ.
Durch die Nutzung von Radartechnologien und vor allem der Entwicklung miniaturisierter GPS-Sender, die Tiere mit sich führen können, ergaben sich neue Daten zum Zugverhalten, die jedermann z.B. durch die Animal Tracker App des Max-Planck-Instituts zur Verfügung stehen. Mithilfe moderner Technik konnten neue Zugrouten aufgeklärt und unbekannte Überwinterungsgebiete entdeckt werden. Ethologische Experimente mit entsprechenden Kreuzungsversuchen halfen die zumeist endogen bedingten Auslöser für die Zugunruhe aufzuklären und geändertes Zugverhalten als Evolutionsprozess zu identifizieren.
Berthold (2001 a,b) geht in seiner Theorie zur Evolution des Vogelzugs davon aus, dass die Migrationsbewegung ein stammesgeschichtlich altes Merkmal ist und in praktisch allen Vogelpopulationen Individuen auftreten, deren genetische Ausstattung sie zu „Ziehern macht. Aus diesem vererbten Verhaltensmuster ergibt sich ein Angriffspunkt für Selektionsprozesse, die aus einer Population von Standvögeln innerhalb von wenigen Generationen Zugvögel machen können.
Biologiedidaktische Bezüge
In der Sekundarstufe I stehen allerdings das Phänomen an sich (Gerl, 2005) sowie die Leistungen der Vögel und der Aufbau von Artenkenntnis durch spielerische Übungen im Zentrum. In der hier vorgestellten Unterrichtssequenz für die Jahrgangsstufe 5 oder 6 bietet der Vogelzug durch die Verknüpfung modernster Forschungsmethoden in Kombination mit dem Einsatz digitaler Medien eine besonders reizvolle Möglichkeit, um nicht nur Fachinhalte zu vermitteln, sondern Schülerinnen und...
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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Biologie Nr. 451 / 2020

Chronobiologie

Beitrag aus Zeitschrift Unterricht Biologie Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 5-6