Wolfgang Ruppert

Übergewicht durch Stress?

Wolfgang Ruppert

Emotionales Essen als stressbedingte Nahrungsaufnahme beschreiben

Übergewicht gilt als globale Epidemie. Um evidenzbasierte Präventions- und Behandlungsmaßnahmen zu entwickeln, müssen die Ursachen geklärt sein. Ein völlig neuartiger Erklärungsansatz für den Zusammenhang von Übergewicht und Stress ist die Theorie vom egoistischen Gehirn. Es sorgt mit oberster Priorität für seine Versorgung mit Glukose auch auf Kosten der anderen Organe.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und viele Wissenschaftler sehen im Übergewicht (BMI>25) eine globale Epidemie. Weltweit haben sich die Zahlen seit 1980 verdoppelt. Derzeit wird von knapp 2 Milliarden übergewichtigen Erwachsenen ausgegangen, das entspricht fast einem Drittel der erwachsenen Weltbevölkerung. Davon gelten über 600 Millionen als fettleibig (adipös, BMI>30) (http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs311/en).
Übergewicht und Adipositas sollen mit einem erhöhten Risiko für diverse Folgekrankheiten einhergehen. Dazu gehören (nach Keller 2002): Metabolisches Syndrom, Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall), Diabetes mellitus Typ 2, Fettstoffwechselstörungen, Nichtalkoholische Fettlebererkrankung, Krebs und Gelenkschäden (Arthrose). Die medizinische Behandlung dieser Folgeschäden belastet sowohl das Gesundheitssystem, als auch die Betroffenen finanziell nicht unerheblich. Anstrengungen zur Verhinderung und Bekämpfung von Übergewicht stehen daher hoch im Kurs. Neben unzähligen Büchern, Zeitschriften, Fernsehsendungen und Websites zu diesem Thema gibt es mindestens ebenso viele wissenschaftliche Theorien zu den Ursachen. Die Klärung der Ursachenfrage ist aber zentral, da nur so evidenzbasierte Präventions- und Behandlungsmaßnahmen abgeleitet werden können.
Aus energetischer Perspektive ist die Ursachenzuschreibung denkbar einfach: Übergewicht kann nur entstehen, wenn die Nahrungszufuhr den Verbrauch übersteigt. Ebenso einfach lauten auch die gängigen Ratschläge, um Übergewicht zu bekämpfen oder zu verhindern: weniger essen, mehr bewegen. Wer schon einmal den Versuch unternommen hat, überflüssige Pfunde auf diese Weise loszuwerden und dauerhaft zu stabilisieren, weiß wie mühsam und wenig erfolgversprechend das ist. Wissenschaftler bezweifeln mittlerweile sogar, dass Bewegung und Sport einen Einfluss auf das Körpergewicht haben, und behaupten: Man kann schlechter Ernährung nicht davonlaufen! Wenn Menschen abnehmen wollen, müssen sie einfach weniger essen (Malhotra u.a. 2015).
Die Regulation der Nahrungsaufnahme ist ein komplexer physiologischer Prozess, an dem eine Vielzahl von neuronalen und hormonellen Signalen aus dem Verdauungssystem, dem Stoffwechsel und dem Gehirn beteiligt sind (vgl. Basisartikel). Biologisch geht es darum, einen homöostatischen Zustand (die Versorgung der Körpers mit Nährstoffen) aufrechtzuerhalten. Speziell zu Beginn der Nahrungsaufnahme können aber nicht-homöostatische Motive die physiologischen Signale überlagern. Eines der häufigsten nicht-homöostatischen Essensmotive ist die Bewältigung von Stress (Scott/Johnstone 2012). Nur etwa 20% der Menschen verändern ihr Essverhalten bei Stress nicht, 40% geben dagegen an, weniger zu essen und etwa ebenso viele essen mehr (Dallman 2010). Während Untergewichtige dazu neigen, weniger zu essen, ist bei Übergewichtigen die Neigung ausgeprägter, bei negativen Emotionen mehr zu essen (Geliebter/Aversa 2003). Und auch was gegessen wird, ändert sich: Es werden v.a. süße und fettreiche Nahrungsmittel bevorzugt (Zellner u.a. 2006). Das Paradebeispiel ist Schokolade: Schokolade liefert v.a. Fett und Zucker. Das kurbelt die Insulinsekretion an. Insulin beschleunigt die Aufnahme der Aminosäure Tryptophan ins Gehirn. Aus Tryptophan entsteht Serotonin und das sorgt im Gehirn für Ruhe theoretisch, denn es ist ungewiss, ob die aufgenommenen Mengen an Tryptophan dafür ausreichend sind (Donner 2005).
Stressbedingtes Essverhalten...

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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Biologie Nr. 433 / 2018

Verdauung

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 11-13