Annabell Dittmar | Dörte Ostersehlt

Salziges Tötungsdelikt

Annabell Dittmar | Dörte Ostersehlt

Ein vierjähriges Kind wird zur Strafe zum Verzehr eines Puddings gezwungen, der etwa zwei Esslöffel Kochsalz enthält. Es stirbt daran. Des Mordes angeklagt, beteuert die Stiefmutter ihre Unschuld: Warum kann Kochsalz tödlich sein? Dieser Fall bildet den Kontext für die unterrichtliche Behandlung der Themen Diffusion, Osmose und Regulation des Wasserhaushalts im menschlichen Körper.

Kann man einen Menschen tatsächlich mit Kochsalz vergiften? Im Jahr 2004 ist es so geschehen: Ein kleines Mädchen wurde mit einer Hypernatriämie, einem erhöhten Natriumserumspiegel (> 145  mmol/l; Gerok u.a. 2007), in ein Krankenhaus eingeliefert und ist kurz darauf gestorben (Material 1 ). Die Stiefmutter gab zu, dass sie das Kind zur Strafe zum Verzehr eines Puddings gezwungen hatte, den es selbst versalzen hatte. Sie wusste anscheinend nicht, dass der Verzehr von 0,5 –1  g Salz pro Kilogramm Körpermasse für ein Kind lebensgefährlich sein kann. Die kleine Angelina wog damals 15  kg und hatte die doppelte Menge der tödlichen Dosis zu sich genommen.
Soviel Salz nimmt kein Mensch freiwillig zu sich. Die Aufnahme großer Salzmengen löst Würgen und später Erbrechen und Durchfall aus. Bei mehr als 1  g Salz pro Kilogramm Körpermasse lässt sich die lebensbedrohliche Situation nicht einmal durch Zufuhr von viel Flüssigkeit abwenden.
Doch warum ist eine hohe Salzaufnahme so gefährlich? Normalerweise wird durch die Nierentätigkeit eine Homöostase zwischen intra- und extrazellulärer Flüssigkeit erreicht. Bei hohem Salzkonsum ist die Elektrolytkonzentration im Blutplasma jedoch höher als in den Blutzellen. Diese Hypertonie wird von Osmorezeptoren im Hypothalamus registriert (Abb. 1 ). Als Folge wird die Umwandlung von Angiotensin I (aus der Leber) zu Angiotensin II erhöht. Dieses Gewebshormon löst Durstempfinden aus und stimuliert die Freisetzung des Antidiuretischen Hormons (ADH, Vasopressin) aus dem Hypophysenhinterlappen (HHL).
ADH bewirkt eine vermehrte Rückgewinnung von Wasser aus dem Primärharn: Es bindet an G-Proteingekoppelte Rezeptoren im Sammelrohr der Niere und fördert dadurch die Bildung von Aquaporinen. Durch diese Kanäle diffundiert nun Wasser entsprechend des durch die Henle-Schleife aufgebauten osmotischen Gradienten aus dem Lumen der Sammelrohre in die Epithelzellen und weiter ins Blut (Gerok u.a. 2007). Damit erhöht sich das Blutvolumen. Wird diese Zunahme von Dehnungsrezeptoren im rechten Herzvorhof registriert, sezernieren die Herzmuskelzellen Atriales Natriuretisches Peptid (ANP, Atriopeptin). Es stoppt das Durstgefühl und senkt die ADH-Sekretion. Außerdem steigert das ANP die Na+-Ausscheidung durch die Niere (Natriurese) und hemmt die Na+-Resorption aus dem Sammelrohr. Dadurch wird das Blutplasmavolumen wieder reduziert (Abb. 1; Silbernagl/Despopoulos 2007).
Die Zufuhr so hoher Elektrolytmengen wie im Fall des vergifteten Mädchens können die Nieren nicht ausgleichen. Das Salz kann weder kurzfristig ausgeschieden werden noch kann genügend Wasser ins Blut diffundieren. Die veränderte Osmolarität stört den Stoffaustausch an den Kapillaren im Gewebe: Wasser diffundiert aus den Körperzellen in die hypertone extrazelluläre Flüssigkeit bzw. aus den Blutzellen ins Blutplasma.
Der Wasserverlust beeinträchtigt die Funktionen der Erythrozyten. Das Blutvolumen steigt schnell, der Blutdruck ebenso. Wird der Druck in den Gefäßen zu hoch, wird Wasser in das Gewebe zurückgedrückt und es bilden sich Ödeme.
Bei einer Hypernatriämie kommt es häufig zu Bewusstseinsstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit: Aufgrund des hohen osmotischen Drucks der extrazellulären Flüssigkeit tritt Wasser aus den Gehirnzellen. Die Dehydration lässt das Gehirn schrumpfen, was oft mit Blutungen verbunden ist.
Eine Hypernatriämie erfordert eine sofortige orale und/oder intravenöse Zufuhr hypotoner Flüssigkeit, deren Konzentration an gelösten Teilchen genau auf den Patienten abgestimmt ist. Anderenfalls...

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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Biologie Nr. 409 / 2015

Kriminalbiologie

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 8-10