Thomas Gerl

Wald erleben

Thomas Gerl

Bestseller wurden über ihn geschrieben. Maler verewigten ihn in Meisterwerken. Menschen suchen in ihm Ruhe oder nutzen ihn als Kulisse für sportliche Betätigungen. Vielen dient der Wald als Symbol für intakte Natur, die es gegen jene zu verteidigen gilt, die nur seinen wirtschaftlichen Nutzen vor Augen haben. Kaum ein Ökosystem liegt uns Menschen so am Herzen, berührt uns so tief in unserem Innern wie der Wald.

Mit den berühmten Worten „Der Wald steht schwarz und schweiget …“ beschreibt der Dichter Mathias Claudius 1779 in seinem „Nachtlied die damals typische Vorstellung vom Wald: eine düstere, undurchdringliche Wildnis, eine für Menschen gefährliche Umgebung. Doch spätestens seit der Romantik wird der Wald zur Zuflucht, die Freiheit und Natürlichkeit verspricht. Übrigens nicht nur bei den waldverrückten Deutschen, sondern zum Beispiel auch in den USA, wo Henry David Thoreau mit seinem Werk „Walden im 19.Jahrhundert zahlreiche Waldjünger zu einem nachhaltigen, an den Abläufen der Natur orientierten Lebensstil bekehrte. Apropos nachhaltig, auch dieses vielfach überstrapazierte Schlagwort wurde im Wald geboren, als der sächsische Forstgelehrte Hans Carl von Carlowitz seine angehenden Förster dazu anhielt, „nachhaltig zu wirtschaften, das heißt in jedem Jahr nur genau so viel Holz einzuschlagen, wie in derselben Zeit nachwächst.
Fast jeder von uns kann über ein Walderlebnis berichten. Vielleicht sind es Erinnerungen aus der Kindheit, als man mit den Märchen vom dunklen Wald im Ohr seine Schritte mit einer gehörigen Portion Respekt durch die vielen Bäume lenkte. Immer darauf bedacht, den Weg nicht zu verlieren, wo doch hinter jedem Dickicht ein Hexenhäuschen drohte. Doch immer häufiger sind es Erlebnisse der Ruhe, Kontemplation und Inspiration in der sauerstoffreichen Luft fernab von der Hektik des urbanen Lebens, welche die Menschen mit dem Wald verknüpfen. Aus dem schwarzen Niemandsland des Mittelalters wurde ein grüner Sehnsuchtsort.
Mensch und Wald eine schwierige Beziehung
Die meisten von uns spricht der Wald emotional positiv an. Das hindert uns allerdings nicht daran, ihn massiv umzugestalten, um ihn, vor allem ökonomisch, besser nutzen zu können. Dabei unterscheiden die Forscherinnen und Forscher der Waldwissenschaften vier Aufgaben, die der Wald erfüllen soll (Abb. 1 ), sich jedoch zum Teil gegenseitig widersprechen.
In dem Spannungsfeld aus ökonomischer Nutzung und Schutz vor Naturgefahren, aus einem frequentierten Erholungsgebiet für Menschen und einem Habitat für selten gewordene Wildtiere entwickelt sich das Ökosystem Wald zum großen Teil unter dem Einfluss des Menschen in seiner heutigen Form. So finden sich nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz natürliche, das heißt vom Menschen weitgehend unbeeinflusste Wälder in Deutschland nur noch auf 0,6 Prozent der Fläche. Auch wenn sich die Bundesrepublik Deutschland bis zum Jahr 2020 zum Ziel gesetzt hat, diesen Anteil an Wäldern, die sich natürlich entwickeln können, auf 5 Prozent anzuheben, gehen wir bei einem Waldspaziergang in den seltensten Fällen „in die Natur. Vielmehr betreten wir eine seit Jahrhunderten von Menschen geprägte Kulturlandschaft.
Bis in die Gegenwart hinein steht dabei der ökonomische Nutzen der wertvollen Ressource Holz im Zentrum des forstlichen Interesses. Nutzten die Menschen vor ein paar Jahrhunderten Holz als Brennstoff bei der energieaufwendigen Produktion von zum Beispiel Salz, Glas oder Metallen, so wandert heute das Nutzholz vor allem in Pelletheizungen, in die Bau- und Möbelindustrie und in die Papierproduktion. Um diese Nachfrage befriedigen zu können, setzen die Forstwirte auf möglichst schnell wachsende Arten mit einem geraden, wenig ästigen Stamm. Diesem Ideal entsprach die Fichte (Picea abies) am besten. Von ihrem ursprünglichen Lebensraum, den feuchten Berglagen, eroberte diese Art durch gezielte Aufforstungsmaßnahmen immer größere Gebiete. So sind heute viele Wälder vom...
Biologie 5-10
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Fakten zum Artikel
aus: Biologie 5-10 Nr. 30 / 2020

Wald erleben

Beitrag aus Zeitschrift Biologie 5-10 Fachwissen Schuljahr 5-10