Michael Hänsel

Parasitismus als Lebenskonzept

Kuckuck, Brutparasit, Rotkehlchen
Dem Größenunterschied zum Trotz nimmt der Wirt (hier Rotkehlchen) den Brutparasiten (hier junger Kuckuck) als zu versorgenden Nachkommen an., Foto: © J. C. Salvadores/stock.adobe.com

Michael Hänsel

Lebewesen zeichnen sich durch die Merkmale Stoffwechsel, Fortpflanzung, Reizbarkeit, Wachstum und Bewegung aus. Grundvoraussetzung dafür ist Energie. Bei der großen Gruppe der Pflanzen geschieht dies durch Umwandlung energiearmer Stoffe mithilfe der Sonnenenergie in energiereiche Stoffe (Fotosynthese). Daher stellen sie in den Nahrungsbeziehungen eines Ökosystems die Produzenten dar. Die heterotrophen Organismen dagegen müssen sich ihre Nahrung erwerben, wobei mit Ausnahme der Pflanzenfresser sehr häufig größere Räuber kleinere Beutetiere fressen. Beim Parasitismus sind die Verhältnisse umgekehrt: Kleinere Parasiten entziehen dem größeren Wirt viele verschiedene Stoffe, ohne diesen direkt zu töten. Parasitismus kann viele verschiedene Formen annehmen (Abb. 1 ). Parasiten finden sich bei Tieren, Pilzen, Bakterien und Pflanzen.
Was ist ein „Parasit?
Der Begriff Parasit ist häufig negativ konnotiert, lebt hier doch ein Lebewesen ohne eigene Leistung auf Kosten eines Wirtes. Diese Sichtweise kommt auch im griechischen Wort parasitos (para für „bei/„neben und sitos für „essen) zum Ausdruck. Parasiten waren in der Vergangenheit menschliche Vorkoster. Sie probierten die Speisen für die Adeligen und sollten diese so vor Vergiftung schützen. Dafür wählte man arme Menschen aus. Diese erhielten so zwar Nahrung, brachten sich aber auch in Gefahr, vergiftet zu werden. Betrachten wir die Parasiten im Tier- und Pflanzenreich, so stoßen wir auf hoch spezialisierte Lebewesen, die sich in einem ständigen Kampf ums Überleben befinden. Wir teilen sie in zwei große Gruppen ein: Ekto- und Endoparasiten.
Ektoparasiten
Der aktuelle Kenntnisstand zum Parasitismus zeigt zwei voneinander unterscheidbare Gruppen an Schmarotzern (synonyme Bezeichnung für Parasiten). Die stammesgeschichtlich ursprünglichste Form stellen die Ektoparasiten dar. Sie sitzen an der Oberfläche ihres Wirtes. Ein klassisches Beispiel sind Stechmücken und Flöhe, die ihren Wirt ausschließlich zum Blutsaugen aufsuchen, ansonsten aber von diesem getrennt leben. Wir klassifizieren sie als temporäre Ektoparasiten. Stationäre Parasiten verbringen dagegen ihr ganzes Leben auf dem Wirt, ernähren sich von ihm und durchlaufen dort auch die gesamte Individualentwicklung. Ein bekanntes Beispiel sind Läuse, die, einmal einen Wirt befallen, durchgängig auf diesem leben. Ektoparasiten haben stark spezialisierte Mundwerkzeuge und ein auf die Lebensweise am Wirt ausgelegtes Verdauungssystem. Blattläuse beispielsweise schmarotzen an Pflanzen, indem sie Phloem-Leitungsbahnen mit ihrem Mundwerkzeug punktieren und den stark zuckerhaltigen Saft trinken. Ihr Verdauungssystem nimmt aus dem Pflanzensaft alle notwendigen Nahrungsbestandteile, jedoch nicht den gesamten Zucker auf, sodass ihr Kot stark zuckerhaltig ist und so beispielsweise Ameisen als Nahrung dient.
Endoparasiten
Aus Ektoparasiten, welche in der Evolution in Körperhöhlen oder den Darm eines Wirtes gelangt sind, haben sich nach Meinung der Wissenschaft die Endoparasiten entwickelt. Diese dringen in den Wirts-organismus ein und verbleiben entweder dauerhaft oder für eine bestimmte Entwicklungsphase in einem Wirt und wechseln diesen anschließend. Ein Beispiel für einen Parasiten mit nur einem Wirt (monoxener Parasit) stellt Entamoeba histolytica, der Erreger der Amöbenruhr (Entamoebiasis) dar. Dieser Einzeller wird über verunreinigtes Trinkwasser aufgenommen, siedelt sich im Darm des Menschen an, vermehrt sich dort und gibt Zysten über den Kot des Wirtes ab. Die gesamte Entwicklung der Amöben findet also im Körper des Menschen statt. Lediglich eine Zustandsform verlässt diesen und befällt daraufhin einen anderen Wirt derselben Art.
Parasitosen mit mehreren Wirten
Sehr häufig finden Parasitosen mit mehr als einer Wirtsart statt. Solche Parasiten bezeichnen wir als heteroxen (mehrwirtig). Bandwürmer (Cestoda) sind ein bekanntes Beispiel, die in ihrem Lebenszyklus von einem Zwischen-...

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Fakten zum Artikel
aus: Biologie 5-10 Nr. 31 / 2020

Plagegeister des Menschen

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