Thomas Hoffmann

Geographie trifft Poesie: Fausts Osterspaziergang

Landschaft mit Sonnenuntergang
Der Taunus gehörte zu Goethes unmittelbarer Lebenswelt, da er in Frankfurt/Main aufwuchs, © Jan Wehnert/shutterstock.com

Thomas Hoffmann

Eine geographiespezifische Analyse

Sachanalyse
Aufgewachsen in Frankfurt am Main und seit 1775 dauerhaft in Weimar lebend, bildeten für Johann Wolfgang (von) Goethe (1749 –1832) die nahe gelegenen Mittelgebirge Taunus und Thüringer Wald bzw. das Thüringer Schiefergebirge einen Teil seiner unmittelbaren Lebenswelt und damit auch seiner Alltagserfahrung. Dieser Alltag war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in einer aus heutiger Sicht geradezu leeren und vorindustriellen Welt, in der in einem sehr viel größeren Deutschland lediglich 20 Millionen Menschen lebten, deutlich stärker von einem Leben mit der Natur geprägt, als wir uns heute vorstellen können. Die Wahrnehmung der jahreszeitlich bedingten Veränderungen der Natur und der für den landwirtschaftlichen Erfolg richtige Umgang damit war von existenzieller Bedeutung. Dies galt umso mehr, als die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts Durchschnittstemperaturen aufwies, die im Vergleich mit dem zweiten Jahrtausend um etwa 0,4 ° C geringer waren. Die seit dem 15. Jahrhundert in Europa herrschende „Kleine Eiszeit war zwar bereits im Abklingen begriffen, aber immer noch wirksam.
Zwar waren im 18. Jahrhundert die sporadischen Eintragungen außergewöhnlicher Wettererscheinungen in die mittelalterlichen Chroniken längst durch regelmäßig geführte Witterungsjournale abgelöst worden, aber auch diese ließen nur begrenzte meteorologische Erkenntnisse zu. Standardisierte und systematisierte Wetteraufzeichnungen, mit denen ein deutlich größerer Erkenntnisgewinn einherging, sind in Mitteleuropa erst seit den 1880er-Jahren etabliert.
Vor dem Hintergrund dieser Rahmenbedingungen ist die Entstehung des Osterspaziergangs als Teil von Goethes Faust zu sehen.
Gedicht
Gedicht
„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche,
durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
im Thale grünet Hoffnungsglück;
der alte Winter, in seiner Schwäche,
zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
ohnmächtige Schauer körnigen Eises
in Streifen über die grünende Flur;
aber die Sonne duldet kein Weißes.
Johann Wolfgang von Goethe: Faust Eine Tragödie. Tübingen 1808 „Osterspaziergang
Naturforscher Goethe
Dass Goethe nicht nur Dichter, sondern immer auch Naturforscher war, spiegeln seine mineralogisch-geologische Sammlung als Verantwortlicher für den herzoglichen Bergbau, vor allem aber seine vielfältigen Arbeiten, die er zwischen seinem 35. und 60. Lebensjahr veröffentlichte. Dazu zählen „Über den Granit (1784), „Über den Zwischenkiefer der Menschen und der Tiere (1786), „Beiträge zur Optik (1791/92) und natürlich „Zur Farbenlehre (1810) – allesamt Arbeiten, die von der zeitgenössischen Fachwissenschaft anerkannt wurden.
Der zentrale Ansatz von Goethes naturwissenschaftlicher Forschung war seine ganzheitliche, den Menschen in die Natur einbeziehende Betrachtungsweise. Der abstrakten und zunehmend isolierten Analyse natürlicher Phänomene und Prozesse, wie sie sich mit der Herausbildung spezialisierter Naturwissenschaften an der Wende 18. zum 19. Jahrhundert entwickelte, stand er hingegen distanziert gegenüber.
Sein naturwissenschaftliches Interesse und seine damit einhergehenden intellektuellen Erkenntnisse integrierte Goethe immer wieder in sein literarisches Werk. So sind diese auch an verschiedenen Stellen in seinem Hauptwerk „Faust zu finden, in dem er etwa die Metamorphose der Pflanzen ebenso anspricht wie die Abfolge von Sedimentgesteinen. Auch seine intensive Korrespondenz mit den zu seiner Zeit führenden Naturwissenschaftlern Alexander von Humboldt und Charles Darwin belegt sein großes naturwissenschaftliches Interesse. Insbesondere beeindruckte ihn Alexander von Humboldt, über dessen 1827/28 in der Berliner Sing-Akademie gehaltene Kosmos-Vorlesungen er in den „Wahlverwandtschaften notiert: „Wie gern möchte ich nur einmal Humboldten erzählen hören.
Kennengelernt hatte Goethe Alexander von Humboldt bereits Mitte der...

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Fakten zum Artikel
aus: Geographie heute Nr. 347 / 2020

Räumliche Konflikte

geographie heute Kennzeichnung Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 9-13