Karl-Martin Ricker

Die zehn biblischen Plagen

Biblische Plagen, Frösche, Altes Testament
Als zweite biblische Plage wandern Frösche in Massen ans Land., Grafik: © istock.com/ZU_09

Karl-Martin Ricker

Die Bibelgeschichte mithilfe eines Dokumentarfilms naturwissenschaftlich analysieren

Dass ich da nicht gleich drauf gekommen bin! Schließlich bin ich auch Religionslehrer! Während unserer Ideensammlung für diese Ausgabe fallen uns alle möglichen Plagegeister des Menschen ein: Flöhe, Mücken, Bandwürmer, Krähen und Co. Tage später denke ich noch einmal über den Hefttitel nach: Den Begriff „Plagen kenne ich vor allem aus zwei Zusammenhängen: 1) Meine Eltern mussten sich bei der schweren Feldarbeit plagen. 2) Das Alte Testament im Buch Exodus (2. Buch Mose) beschreibt, wie der Gott der Israeliten, Jahwe, mit Mose und Aaron als Vermittler den Pharao Ägyptens mit zehn verheerenden Plagen zwingt, das Volk der Israeliten in die Freiheit zu entlassen. Denn diese wurden von den Ägyptern zur Sklavenarbeit beim Bau der Vorratsstädte Rhamses und Pithom gezwungen. jahrzehntelang mussten sie sich bei der unvorstellbar harten Arbeit unter brutalen Aufsehern tagtäglich plagen. Damals war ich fasziniert von der Macht Gottes, der für Gerechtigkeit sorgt und das geknechtete Volk befreit. Später erschien mir die Geschichte jedoch sehr unrealistisch zu sein. Wie sollte sich zum Beispiel das Nilwasser in Blut verwandeln? Warum sollten plötzlich Millionen Frösche aufs Land bis in die Häuser wandern? Auch die verheerende Wirkung des Hagels schien mir maßlos übertrieben. Berichte über gefräßige Heuschreckenschwärme hatte ich im Fernsehen gesehen. Aber was verdunkelt den Himmel drei Tage lang? Und schließlich: Warum sollten ausgerechnet alle erstgeborenen Kinder der Ägypter in einer Nacht sterben? Kaum zu glauben, zumal Mose und Aaron wie Zauberer wirken, die mit ihrer Hand und ihrem Stab all diese Plagen auslösen können. Auch das Bild, das von Jahwe, dem Gott der Israeliten, gezeichnet wird, ist aus heutiger Sicht betrachtet äußerst brutal. Er bestraft ein ganzes Volk für die Politik seiner Herrscher, er vergiftet die Tiere, schickt Seuchen, Heuschreckenschwärme, verwüstet die lebensnotwendige Ernte und tötet auch noch alle erstgeborenen Kinder (Abb. 1 ). Was für ein Monster! Offenbar deuteten die Menschen damals Naturkatastrophen und persönliches Leid als Strafen der übermächtigen Götter. Andere Erklärungen dafür gab es nicht.
Bibeltexte = historische Quellen?
Biblische Texte sind zwar uralte historische Quellen, sie wurden aber erst nach langer, mündlicher Überlieferung schriftlich fixiert. Sie beanspruchen zu keiner Zeit, historische Ereignisse und Naturphänomene wissenschaftlich exakt festzuhalten und zu erklären. Die naturwissenschaftliche Erforschung der natürlichen Phänomene, der Aufklärung von Ursache und Wirkung, nimmt erst mit Beginn der Neuzeit in der Renaissance an Fahrt auf. Außergewöhnliche Wetterphänomene und Naturkatastrophen werden in biblischen Zeiten als Eingriffe mächtiger Gottheiten in das irdische Geschehen gedeutet. Auch der Gott der Israeliten ist ursprünglich wahrscheinlich ein mächtiger Wettergott. Die Geschichte der Plagen beruht noch auf einer sehr archaischen Gottesvorstellung. Das Hauptanliegen dieser Erzählung ist es, zu zeigen, dass der eine Gott, Jahwe, nicht nur stärker ist als der Pharao, sondern auch viel mächtiger als die vielen Götter der Ägypter. Diese Erzählung ist also in erster Linie ein Glaubenszeugnis. Seine zentrale Botschaft: Auf diesen Gott kann sich das Volk Israel in allen Lagen des Lebens unbedingt verlassen. Er führt sein Volk aus der Knechtschaft in die Freiheit.
Der historische Kern der Geschichte kann auf die Tatsache der Knechtschaft von Völkern und Sippen aus Vorderasien in Ägypten und auf ihre Befreiung zurückgeführt werden. Die menschlichen Erfahrungen und damit verbundenen Emotionen müssen so stark und prägend gewesen sein, dass sich die Israeliten noch jahrhundertelang davon erzählten, bis sie schließlich mythologisch verklärt schriftlich fixiert und zusammengefasst wurden.
Glaube und Naturwissenschaft
Die Methode der Entmythologisierung...

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Fakten zum Artikel
aus: Biologie 5-10 Nr. 31 / 2020

Plagegeister des Menschen

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 9-10
  • Thema: Ökologie
  • Autor/in: Karl-Martin Ricker