Karl-Martin Ricker

Forschendes und entdeckendes Lernen mit offenen Aufgaben

Forschungsuhr, Methode, Phasen, Unterricht
Die Forschungsuhr zeigt die aktuelle Phase des Unterrichts an., Grafik: nach K-M. Ricker

Karl-Martin Ricker

Im Lehrerberuf stehen wir tagtäglich vor unseren eigenen „offenen Aufgaben. In einer Woche werde ich zum Beispiel in der sechsten Klasse mit einer neuen Unterrichtseinheit zum Thema „Bau und Funktion des menschlichen Körpers beginnen. Die Klasse ist jedoch sehr heterogen und es sind alle Leistungsniveaus vertreten. So können sich etliche Kinder in der Klasse noch nicht lange konzentrieren, sind manchmal unmotiviert und stören dann gern den Unterrichtsverlauf. Andere sind fleißig, aber eher still. Manche mögen nicht gern schreiben, beteiligen sich aber mündlich gut. Ein paar der Schülerinnen und Schüler sind stets engagiert bei der Sache, informieren sich selbstständig und bearbeiten schriftliche Aufgaben gern. So bringt bereits die Ausgangssituation eine Herausforderung mit sich. Also stelle ich mir selbst eine Forscherfrage: „Wie kann ich bei der gesamten heterogenen Klasse das Interesse am neuen Thema wecken und gleichzeitig die Lernbereitschaft und Konzentration aufrecht erhalten? Meine Antwort darauf: Eine offene Aufgabe für die Schüler.
Gestaltungsfreiheit nutzen
Die fachlichen Lerninhalte sind klar: Bau und Funktion der Lunge, des Herz- und Kreislaufsystems, des Skeletts und der Muskeln und Sehnen. Die Verdauungsorgane und ihre Grundfunktionen sollten die Schülerinnen und Schüler auch kennenlernen. Dafür steht uns im NaWi-Unterricht ein Viertel des Schuljahres mit drei Wochenstunden zur Verfügung.
Im Biologiebuch sind die einzelnen Themen in überschaubaren Texten beschrieben und mit ansprechenden Illustrationen angereichert. Auf jeder Doppelseite gibt es Aufgaben, die dazu dienen, eigene Erfahrungen einzubringen, die Fachinhalte noch mal abzufragen und auf neue Situationen anzuwenden. Damit ließe sich mein Unterricht rasch vorbereiten à la „Heute lesen wir Seite 28 und 29.. Ich bin allerdings sehr skeptisch, ob ich meine Klasse damit wirklich begeistern könnte. Außerdem stünde in solch einem Unterricht das Lernen im Sinne des Memorierens und nicht des naturwissenschaftlichen Entdeckens und Forschens im Vordergrund. Also lege ich das Biologiebuch zur Seite und entwickle einen eigenen Plan.
Eine offene Aufgabe vorbereiten
Zuerst brauche ich einen Einstieg, der Interesse weckt. Ich entscheide mich für einen Klassiker. Die Tischgruppen sollen den Umriss einer Person auf eine weiße Tapete zeichnen, um dann dort die vermutete Lage der Organe alternativ das Skelett einzutragen. Die Vorstellungen der Kinder vom Aufbau des eigenen Körpers werden vermutlich sehr unterschiedlich sein. Das kommt uns in diesem Fall aber zu Gute, da wir darüber gut ins Gespräch kommen und dabei viele Fragen notieren können.
In den Heften Biologie 510 Nr. 17 und Nr. 23, der IQSH-Themenmappe „Ich und andere Menschen und anderen Kopiermaterialien finde ich viele Anregungen für prak-tische Aufgaben, die den Kindern sicher viel Spaß bereiten und zudem das Verständnis fördern. Diese möchte ich nach und nach zum Einsatz bringen. Dumm nur, dass wir in der Sammlung nur ein Skelett, einen Torso, zwei Herzmodelle und ein Lungenfunktionsmodell haben. Das veranlasst mich, die Kinder in Gruppen an verschiedenen Themenschwerpunkten arbeiten zu lassen. Nach meiner Erfahrung fördert es die Lernbereitschaft enorm, wenn die Gruppen ihr Thema selbst wählen dürfen. Also stelle ich für jedes Gruppenthema eine paar Anregungen zusammen: für den Bau eines Modells, die Erprobung von Funktionsmodellen, die Erkundung von Modellen aus der Sammlung und für die Durchführung von Versuchen. Biologiebücher stelle ich zum selbstständigen Recherchieren ebenso zur Verfügung wie eine Kiste mit Anatomiebüchern für Jugendliche aus der Bücherei.
Jetzt fehlt noch die Aufgabenstellung bzw. die Zielsetzung. Sie soll für alle Gruppen gleich lauten. Ich bervorzuge eine Produkt-orientierung, da sie den Kindern hilft, von Anfang an ein Ziel vor Augen zu haben. Die Klasse könnte zum Beispel eine Ausstellung mit Plakaten und eigenen...

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Fakten zum Artikel
aus: Biologie 5-10 Nr. 27 / 2019

Potenzial von Aufgaben

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