Sven Sommer

Ein Science Center auf dem Schulflur: die „Miniphänomenta“

Experimente, Schule, Schulflur, Science Center, Projektwoche
Exponate laden zum Forschen und Nachbauen ein., Foto: S. Sommer

Sven Sommer

Laborkittel und Brille gehören zum Forschen und Entdecken im Labor dazu. Also gehören sie doch auch in den schulischen NaWi-Unterricht, oder? Nicht zwangsläufig! Um Naturwissenschaften und Technik zu erleben und dabei Tätigkeiten eines Forschers ausführen, braucht es überhaupt kein Labor, nicht einmal ein Klassenzimmer. Die Miniphänomenta macht es vor, mit dem Lernort „Schulflur!
Der Alltag ist voller Phänomene
Schon der Physikdidaktiker Martin Wagenschein beschrieb im letzten Jahrhundert die Missverhältnisse, wenn es um das Forschen und Entdecken im Physikunterricht geht. Er stellte den Laborphänomenen die Alltagsphänomene voran. Wagenschein verstand unter Phänomenen Erscheinungen aus Naturwissenschaft und Technik, die uns ins Staunen versetzen. Dazu gehören schon die kreisrunden Sonnenflecken auf einem Waldboden, die gar nicht zu den unförmigen Löchern im Blätterdach passen wollen. Auch die Nebenflammen einer Kerze faszinieren, die wir sehen, wenn wir die Flamme durch einen engen Spalt betrachten. Kurzum: gerade in Physik, Chemie und Technik gibt es zahlreiche Erscheinungen, die uns erstaunen und begeistern und statt im Labor direkt in unserem Alltag entstehen. Warum finden nun solche Alltagsphänomene nicht andauernd Raum im naturwissenschaftlichen Unterricht? Als Freihandversuch oder als Demonstrationseinstieg könnten sie doch gerade die oft beschriebenen Interessendefizite dieser Fächer ausgleichen.
Den Phänomenen Raum geben
Mutmaßlich sind es drei Dinge, die dem entgegenstehen: Raum, Zeit und das Wissen um diese Phänomene. Gerade an Raum und Zeit mangelt es. So lassen sich trotz Wissen viele Phänomene nicht einfach enthüllen oder in eine konventionelle Lehrplanstunde einbauen. Wagenschein selbst empfahl daher Prinzipien, wie das genetisch-sokratisch-exemplarische Lernen [Info 1]. Einfach ausgedrückt, ist dies ein Lernen, das sich exemplarisch an einem beliebigen Phänomen entwickelt („Genese). Es setzt sich dabei, in Anlehnung an Sokrates, aus Fragen und die gemeinsame Arbeit an dem Phänomen zusammen. So ist für ihn der Lernvorgang viel wichtiger als der Lerngegenstand und somit Methodenkompetenz das Ziel. Wie soll dies nun aber im Unterricht mit seiner klassischen Taktung und den zahlreichen Kompetenzvorgaben und Leistungserhebungen funktionieren? Gar nicht! Muss es auch nicht! Es funktioniert ganz nebenbei auf dem Schulflur.
Info 1|Mit einem genetisch-sokratischen Gespräch ein Phänomen entschlüsseln
Info 1|Mit einem genetisch-sokratischen Gespräch ein Phänomen entschlüsseln
Lernen wie in der Miniphänomenta geht auch mit einem genetisch-sokratischen Gespräch. Das genetisch-sokratische Lernen geht auf den Fachdidaktiker Martin Wagenschein zurück.
Rolle der Schülerinnen und Schüler
Zu Beginn des Gesprächs finden sich die Schülerinnen und Schüler zu einem Stuhlkreis aus 525 Personen um ein Exponat, Experiment oder Phänomen zusammen. Dieses sollen sie selbstständig entschlüsseln, indem sie gemeinsam das Wissen darüber entwickeln („Genese). Methodisch tauschen die Lernenden, wie Sokrates, in der Runde Fragen und Ideen zum Objekt bzw. Phänomen aus. Jeder darf seine Ideen frei äußern oder mit anderen Ideen vergleichen. Alle Schülerinnen und Schüler dürfen in die Runde Fragen stellen, um Erklärung bitten oder das Objekt ausprobieren. Nach den ersten unruhigen Minuten werden die schnellen und ungeduldigen Schülerinnen und Schüler bald von den ruhigen und nachhakenden Lernenden abgelöst, ein Gesprächsklima, welches in üblichen Unterrichtsdiskussionen fehlt. Die Schülerinnen und Schüler verbinden ihre Alltagssprache zu tieferen Konzepten und ruhige und aktive Phasen wechseln sich ab. Sind die Schülerinnen und Schüler geübt und motiviert, werden sie die geäußerten Ideen kritisch hinterfragen, Thesen falsifizieren und gegebenenfalls sogar Messungen durchführen.
Rolle der Lehrkraft
Während des gesamten Gesprächs tritt die Lehrkraft als Moderator bzw. Moderatorin auf, ohne sich...

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Fakten zum Artikel
aus: Biologie 5-10 Nr. 27 / 2019

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