Thomas Gerl/Lea Mair/Monika Aufleger

Bestimmungsmethoden 4.0

Screenshots der App Flora Incognita
Nutzung der App „Flora Incognita“ zur automatischen Identifikation einer Pflanzenart, Screenshots (3): © Patrick Mäder, T. Gerl

Thomas Gerl/Lea Mair/Monika Aufleger

Mit digitalen Tools die Artenkenntnis erweitern

Artenkenntnis? Brauchen wir das noch? Laut dem jüngsten IPBES-Bericht sind weltweit circa eine Million Arten vom Aussterben bedroht (Díaz u.a. 2019). Doch nicht nur die Anzahl der bedrohten Arten wächst, auch die Artenkenntnis selbst droht auszusterben. Gerl u.  a. (2018) zeigten, dass bayrische Gymnasiasten im Jahr 2017 zwanzig Prozent weniger Vogelarten erkannten als noch zehn Jahre zuvor. Für einen wirksamen Schutz der Biodiversität ist deren Kenntnis eine unabdingbare Voraussetzung. So definiert zum Beispiel die nationale Strategie zum Erhalt der Artenvielfalt den gezielten Aufbau von Artenkenntnis in ihrem Aktionsfeld C14 als ein zentrales Ziel (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit 2015). In Deutschland fanden diese Forderungen Eingang in die nationalen Bildungsstandards für den mittleren Schulabschluss. In diesen ist die fachgemäße Arbeitsweise „Bestimmen als Teil des Kompetenzbereiches „Erkenntnisgewinnung aufgeführt (Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder 2004) und somit auch in zahlreichen Lehrplänen verpflichtend vorgeschrieben. Dabei sollte der Weg zur Artenkenntnis bei ökologischen Fragestellungen beginnen (z.B.: Welche Pflanzen wachsen auf der Wiese?), bis mit zunehmender Artenkenntnis von selbst der Wunsch nach Ordnung in der Vielfalt entsteht. Auf diese Weise erschließt sich ein Weg ins systematische Denken der Taxonomie. Dies ist nicht nur für die Einteilung von Lebewesen von Nutzen, sondern findet auch im Alltag praktische Anwendungen, wie zum Beispiel beim Aufbau einer Verzeichnisstruktur für Computerdaten.
Neben der ökologischen Notwendigkeit und der schulischen Pflicht, sollte der Biologieunterricht vor allem Freude an der Naturbeobachtung und der Identifikation von Lebewesen wecken. Die Nutzung digitaler Endgeräte im Freiland kann dabei eine stark motivierende Wirkung ausüben (Schaal 2013). Legen wir den unterrichtlichen Fokus auf die Erweiterung von Artenkenntnis, ist die Auswahl einer geeigneten, das heißt sowohl motivierenden als auch treffsicheren Bestimmungsmethode der Schlüssel zum unterrichtlichen Erfolg. Abb. 1 gibt einen Überblick über gebräuchliche Varianten, um den Artnamen eines Lebewesens zu ermitteln.
Im Folgenden werden verschiedene Bestimmungsmethoden beschrieben und der Einsatz der digitalen Variante im Hinblick auf den potenziellen Mehrwert in verschiedenen Unterrichtssituationen beleuchtet. Dabei wird auf fachspezifische Aspekte fokussiert und der Mehrwert nach dem SAMR-Modell von Puenterura (2006) beurteilt. Allgemeine oder rein mediendidaktische Aspekte werden vernachlässigt. Die Auswahl der hier beschriebenen digitalen Werkzeuge ist eine Momentaufnahme eines sich dynamisch entwickelnden Marktes und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Alle hier vorgestellten Apps sind frei verfügbar.
Erfahrene Ansprechpartner
Begleitet eine Expertin oder ein Experte den Unterricht, so fällt die Bestimmung nicht schwer. Er beziehungsweise sie benennt die Art und macht auf wesentliche Merkmale aufmerksam. Diese instruktionale Methode ist jedoch meist wenig nachhaltig. Die Schülerinnen und Schüler sehen die Arten oft aus größerer Entfernung und hören den entsprechenden Namen.
Durch die Möglichkeiten, in sozialen Netzwerken Kontakt zu einer großen Anzahl an zeitlich und räumlich unabhängigen Expertinnen und Ex-pterten aufzunehmen, ergeben sich neue Möglichkeiten (Abb. 2 ). Neben den organisatorischen Vorteilen ist für eine Bestimmungsanfrage in einem Forum eine Bild- oder eine Audiodatei der Art nötig. Die Lernenden müssen die Art also selbst wahrgenommen haben, um die relevanten Merkmale digital festzuhalten. In den meisten Fällen ist an das Hochladen der Dateien eine Angabe von Fundort und -datum geknüpft, sodass sich die Lernenden intensiver mit der Art auseinandersetzen müssen. Nach dem SAMR-Modell darf das...

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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Biologie Nr. 453 / 2020

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