Pflanzenzüchtung

Ist CRISPR/Cas Gentechnik?

Der Europäische Gerichtshof hat am 25. Juli 2018 entschieden, dass Nutzpflanzen, die mit dem neuen Züchtungsverfahren CRISPR/Cas hergestellt werden, genauso aufwendig genehmigt und kontrolliert werden müssen wie Pflanzen, die mit klassischer Gentechnik erzeugt wurden. Damit wird CRIPRS/Cas mit klassischer Gentechnik in einen Topf geworfen. Das Urteil hat ein ungewöhnlich heftiges Presseecho hervorgerufen.

Maisfeld
CRISPR/Cas revolutioniert die Pflanzenzüchtung. Foto: Skitterphoto, pixabay.com, CC0 Creative Commens

Ertragreicher Mais für die Lebensmittelherstellung

Auf Versuchsfeldern in den USA wird ein neuer, ertragreicherer Wachsmais angebaut. Er ist äußerlich von herkömmlichem Mais nicht zu unterscheiden. Wirtschaftlich interessant ist an diesen Pflanzen die Zusammensetzung der Stärke: Normale Gelbmaisstärke besteht zu etwa 25% aus Amylose und zu etwa 75% aus Amylopektin. Wachsmaisstärke besteht dagegen zu 99% aus Amylopektin und zu 1% Amylose. Dadurch besitzt sie wertvolle Eigenschaften für die Lebensmittelherstellung.

Bisher galt der Anbau von Wachsmais als unrentabel, weil die Erträge zu gering waren. Im neuen Mais wurde mittels CRISPR/Cas-Technologie ein bestimmtes Gen zielgenau ausgeschaltet, das die Amylose-Produktion steuert. Entwickelt wurde der neue Mais in Zusammenarbeit zwischen dem Agrarkonzern DuPont Pioneer und dem kalifornischen Technologieunternehmen Caribou Bioscience, das von der CRIPSR/Cas-Mitentdeckerin Jennifer Doudna gegründet wurde.

In einigen Jahren soll der Mais auf den Markt kommen

Besondere gesetztliche Hürden werden dabei nicht zu überwinden sein, denn für die US-Landwirtschaftbehörde fällt das Herstellungsverfahren nicht unter das amerikanische Gentechnik-Regulierungssystem. Das veränderte  Gen sei lediglich verändert (editiert) worden, enthalte also kein Genmaterial aus einem fremden Organismus.

Genau das sieht der Europäische Gerichtshof anders. Genetisch veränderte Organismen (GVO) seien solche, die durch Verfahren und Methoden der Mutagenese gewonnen werden, die auf natürliche Weise nicht möglich sind. Auf sie ist die Freisetzungsrichtlinie aus dem Jahr 2001 (!) anzuwenden. Davon ausdrücklich ausgenommen sind allerdings die klassischen Mutagenese-Verfahren mittels Strahlung und Chemikalien. Von ihnen gehe keine Gefahr für Umwelt und Gesundheit aus.

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Bewertung des Urteils in den Medien

Während Gentechnik-Kritiker und -Gegner das Urteil auslobten, waren aus der Presse andere Töne zu hören. „Die Angst vor der Gentechnik hat gewonnen“ kommentierte die Süddeutsche. Den Richtern wurde vorgeworfen, ein populistisches Urteil gefällt zu haben, das den Ängsten in der Bevölkerung mehr Recht einräume als wissenschaftlichem Sachverstand. In diese Richtung zielte auch der Kommentar im Spiegel Abschied von den Fakten.

Auch Spektrum argumentierte im Beitrag Der lange Schatten der Ideologien, dass das Urteil aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht einleuchte und sah die argumentative Akrobatik, zu der sich das Gericht hatte hinreißen lassen, um selektiv die molekularbiologischen Verfahren einzuschränken, als Indiz dafür, wie stark ein ideologischer Konflikt hinter dem Rechtsstreit stecke. Das Urteil trage der diffusen Ablehnung Rechnung, die der Gedanke an Gentechnik bei vielen Menschen auslöse – unabgängig von den konkreten Eigenschaften der veränderten Organismen.

Angesichts des Urteils wird die Befüchtung geäußert, dass Überregulierung und damit verbundene Kosten und Verzögerungen die Entwicklung und den Einsatz dieser innovativen und präzisen Züchtungsmethode in Europa verhindern werden. Das wird die internationale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Züchter beeinträchtigen, insbesondere der kleinen und mittelständischen Unternehmen. Wieder werden die internationalen Agrarkonzerne das Rennen machen.

Emmanuelle Charpentier, die andere Mit-Entdeckerin des CRISPR/Cas-Verfahrens, aüßerte sich in einem Interview in der Zeit gelassen: Sie glaube nicht, dass das Urteil auf die Forschung mit CRISPR eine bedeutende Auswirkung haben wird. Der EuGH mag zwar entschieden haben, dass alles, was gentechnisch verändert wird, unter die GVO-Richtlinie fällt. Aber in anderen Regionen, in denen die Regularien weniger streng sind – etwa in den USA oder in Asien – würden die Anwendungen trotzdem weiterentwickelt.


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