Wolfgang Ruppert

Survival of the Fastest – ein Mythos?

Wolfgang Ruppert

Selektionstheorien vergleichen

Seit Jahren dominieren Sprinter aus Jamaica und anderen Karibik-Inseln Lauf-Meisterschaften. Die ultimate Erklärung dazu lautet: Alle schnellen Läufer seien Nachfahren von Sklaven westafrikanischer Herkunft, die die brutalen Selektionsbedingungen der Sklaverei überlebt haben. Proximat werden Trinukleotid-Polymorphismen im Gen für den Androgen-Rezeptor verantwortlich gemacht. Seit geraumer Zeit allerdings stehen Sprinter aus Jamaika unter Doping-Verdacht. Alles nur ein Mythos?

Im Michael Johnson. Ive won four Olympic golds in sprinting. At this level of my sport, nearly all the athletes are black. But there is another connection, a hidden and more disturbing bond. Almost every one of us is descended from slaves. Is that coincidence? (zitiert nach Hughey 2014, S. 56). Sprinter aus Jamaika und anderen Karibik-Inseln dominieren seit etwa zehn Jahren Weltmeisterschaften und Olympische Spiele allen voran Usain Bolt, der mit seinen 9,58 sek auf 100 Metern derzeit als der schnellste Mann der Welt gilt. Was ist das Geheimnis dieser unglaublichen Erfolgsgeschichte?
Michael Johnson, in den 1990er-Jahren der schnellste Mann der Welt über 200 und 400 Meter, ist dieser Frage kurz vor den Olympischen Sommerspielen 2012 in London in einer teilweise sehr persönlichen BBC-Dokumentation (https://www.youtube.com/watch?v=oD2pbpibmlg) nachgegangen. Die Schlussfolgerung seiner Recherche lautet: Alle erfolgreichen Sprinter mit dunkler Hautfarbe sind Nachfahren von Sklaven aus Westafrika, die aufgrund brutaler Selektionsbedingungen über eine besondere genetische Ausstattung verfügen, die sie für solche Höchstleistungen prädisponiert.Der extremste Beleg für seine Theorie sei das 100-Meter-Finale bei den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking: Von den acht Sprintern kamen zwei aus den USA und der Rest von den Karibik-Inseln Jamaika, Trinidad und Tobago sowie den Niederländischen Antillen (Tabelle 1 ; Abb. 1 ). Alle acht seien Nachfahren von Sklaven!
Die Sklaven-These ist hoch kontrovers, vor allem, weil sie gegen die political correctness verstoße: Ihr wird eine Wiederbelebung des Rassismus mit umgekehrten Vorzeichen vorgeworfen (Hughey 2014). Dabei sind die historischen Fakten unzweifelhaft: Die Zeit des Sklavenhandels und der Sklaverei war eine der brutalsten und unmenschlichsten Epochen in der Menschheitsgeschichte. Die aus ihrer Heimat verschleppten Einwohner Westafrikas wurden während ihrer Rekrutierung, während der Schiffsreise in die „Neue Welt und auf den Plantagen, auf denen sie arbeiten mussten, wie Untermenschen oder Vieh behandelt. Wenn es dabei eine Selektion gegeben hat, woran nicht zu zweifeln ist, dann in allen drei Phasen (Material 1 ).
Die Frage, ob es sich dabei um natürliche oder künstliche Selektion gehandelt hat, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Künstliche Selektion wird als vom Menschen gesteuerte Zuchtwahl verstanden. Das trifft am ehesten auf die Fortpflanzungspraktiken auf den Plantagen zu (vgl. Material 1). In allen anderen Fällen handelt es sich um natürliche Selektion unter dem Einfluss des Menschen.
Neben biologischen müssen auch soziale Faktoren in Betracht gezogen werden. Trainer und Athleten aus Jamaika verweisen auf ihre Lauf-Kultur und ihr hervorragendes Trainingssystem. Jamaika gilt als Sprint-Fabrik der Welt. Leichtathletik ist an den meisten Schulen Teil des Lehrplans. Die jährlich ausgetragene „National Boys and Girls Championship mit zuletzt über 3000 Teilnehmern ist das Event für die Talentsuche. Außerdem motivieren die Aussichten auf ein Stipendium an einer amerikanischen Hochschule den Ehrgeiz (Reinisch 2008). Der zu erwartende soziale Aufstieg beflügelt zusätzlich.
Johnsons Vermutung, er stamme von westafrikanischen Sklaven ab, wird sowohl durch historische Dokumente als auch durch eine Genanalyse bestätigt, die er bei der jamaikanischen Genetikerin Rachael Irving (University of the West Indies,...

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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Biologie Nr. 435 / 2018

Variabilität und Angepasstheit

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 11-13