Hendrika van Waveren/Wiebke Rathje

Kohl – verwandtes Gemüse

Hendrika van Waveren/Wiebke Rathje

Die Züchtung von Kohlsorten als Evolutionsmodell

Durch Pflanzenzucht ist aus wenigen Arten eine Vielzahl von Sorten entstanden. Am Beispiel des formenreichen Kohls werden im Unterricht verwandtschaftliche Verhältnisse und damit Züchtungswege auf der Merkmals- sowie der genetischen Ebene geklärt. Die Lernenden erstellen Stammbäume aufgrund morphologischer Kriterien.

Die kulturelle Leistung des züchterischen Eingriffs in das Genom von Arten ist nahezu aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein verschwunden. Dabei verdanken wir die Tatsache, dass wir Lebensmittel bequem im Supermarkt kaufen können, ertragreichen und -sicheren Kulturpflanzen: Mit den jeweiligen Wildformen wäre die Menschheit nicht zu ernähren. Bereits seit Jahrtausenden wird Pflanzenzüchtung betrieben, indem der Mensch aus natürlich vorkommenden Pflanzen diejenigen mit gewünschten Eigenschaften ausliest. Wildformen sind jedoch auch heute noch interessant als „genetische Reserve, z.B. in der Resistenzzüchtung. Deshalb ist es von Interesse, Verwandtschaften zu klären so können Züchtungswege nachvollzogen werden.
Die Züchtung domestizierter Arten kann als Evolutionsmodell genutzt werden. Dies tat auch Charles Darwin in seinem Buch On the Origin of Species (1859), welches er mit der Beobachtung der großen Variabilität domestizierter Pflanzen und Tiere und den Unterschieden zu ihren ursprünglichen wilden Arten eröffnet. Seine Untersuchungen zur Zuchtwahl durch die Züchter halfen ihm, seine Theorie zur Evolution durch natürliche Selektion zu entwickeln. Da es kaum eine andere domestizierte Pflanzenart mit einem ähnlich großen Sortenreichtum wie den Kohl gibt und unterschiedlichste Zuchtformen des Kohls ganzjährig zur Verfügung stehen, eignen sich die Kultursorten des Kohls besonders gut, diese Sachverhalte anschaulich zu vermitteln.
„Kulturelle Sortenbildung
Voraussetzung für den Formenreichtum einer Kultursorte ist das genetische Potenzial der Wildart. Oft wird gezielt mit Mutanten weitergezüchtet, die in der Wildbahn keine oder nur eine geringe Überlebenschance hätten. Darum verlieren verwilderte domestizierte Formen wieder ihre gezüchteten Eigenschaften oder verschwinden ganz. Durch Zucht greift der Mensch also stark in das Genom einer Art ein.
Bei der Kreuzung zweier Pflanzenlinien wird versucht, deren aus Sicht der Menschen positiven bzw. nützlichen Eigenschaften in der Nachkommenschaft zu vereinen. Diese Form der Pflanzenzüchtung wird auch als Kombinationszüchtung bezeichnet. Häufig folgt nach der Kreuzung zweier Pflanzen wiederum eine Selektionszüchtung in der Nachkommenschaft.
Die meist homozygoten Zuchtlinien sind stets genetisch ärmer als ihre Wildformen und darum in ihrer Variabilität stark eingeschränkt. Dies führt bei Nutzpflanzen unter anderem zu einer synchronen Entwicklung und damit zu einer Vereinfachung der Ernte.
So kommt es zu einer „kulturellen Sortenbildung: Der Mensch hält Zuchtlinien genetisch getrennt aufrecht, die sich unter natürlichen Bedingungen wieder vermischen. Alle Kohlsorten sind untereinander fertil kreuzbar.
Kohl Wildformen und Kultursorten
Die bereits in der Antike angewandte Selektionszucht hat zu starken Veränderungen im Bau der Kohlpflanzen geführt. Eine Ursprungsform der heutigen Kohlsorten ist nicht mehr bekannt. Bei den vom Mittelmeerraum bis Helgoland vorkommenden Wildarten bzw. Rassen, handelt es sich vermutlich um verwilderte Formen der Kultursorten. Nach heutiger Auffassung gehen unsere Kohlsorten wahrscheinlich auf zwei ursprüngliche Kohlarten zurück: Brassica oleracea ist eine zwei- oder mehrjährige Staude und stirbt nach der Blüte ab. Erst im zweiten Jahr bildet sich ein 0,5 – 1,5 m hoher Stängel, der sich häufig in mehrere Äste verzweigt. Seine befruchteten Blüten bilden Früchte, die als Schoten bezeichnet werden. Die andere ursprüngliche Art, Brassica cretica, von der vermutlich der Blumenkohl abstammt, blüht bereits im...
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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Biologie Nr. 421 / 2017

Geschichte und Verwandtschaft

Beitrag aus Zeitschrift Unterricht Biologie Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 8-10