Lars Jahnke/Jutta Lumer

Lavendel – eine Heilpflanze gegen Angst

Lars Jahnke/Jutta Lumer

Schon die Römer kannten die beruhigende Wirkung von Lavendel. Zur Vertreibung der Angstgefühle wurden vor jeder Schlacht Lavendelsträuße an die Legionäre verteilt. Lange waren die dafür verantwortlichen (neuro)physiologischen Vorgänge ungeklärt. Doch mittlerweile weiß man, dass verschiedene spannungsabhängige Calciumionenkanäle in dem Geschehen eine wesentliche Rolle spielen.

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Westeuropa (Zwanzger & Deckert 2007, Wittchen, 2002). Angst ist ein angeborener Überlebensinstinkt. Begegnet uns z.B. unerwartet eine Schlange, dann gelangt diese Information von unseren Sinnesorganen zum Thalamus und weiter zur Amygdala. Die Amygdala versetzt den Körper in erhöhte Alarmbereitschaft.
Angst kann aber auch erlernt, sozial vermittelt und kulturell geformt werden. So lassen sich z.B. Prüfungsängste erklären (Morschitzky 2009). In diesem Fall aktiviert ein Gedanke die Amygdala, die ihrerseits Bereiche im Kortex aktiviert, wodurch die Angst bewusst wird. Eigentlich sollte der präfrontale Cortex (PFC) die Situation logisch analysieren und zu dem Schluss kommen, dass es kontraproduktiv sei, sich (unnötig) nervös zu machen. Idealerweise wirkt der PFC dann über hemmende GABAerge Bahnen auf die Amygdala ein und schaltet diese ab. Allerdings ist die erregende Verbindung von der Amygdala zum PFC stärker ausgeprägt als die hemmende Verbindung vom PFC zur Amygdala. Die Erregung der Amygdala kann durch das Nachdenken über die „Angst daher noch verstärkt werden. Der Körper reagiert mit Stress. Es kommt zu einem übermäßigen Einstrom von Calciumionen in die präsynaptische Endigung. Das führt zu einer vermehrten Freisetzung erregender Neurotransmitter wie Noradrenalin und Glutamat. Erregende und hemmende Neurotransmitter geraten so zunehmend aus dem Gleichgewicht. Die bereits vorhandene innere ängstliche Unruhe wird verstärkt. Letztendlich kommt es so zu einem Teufelskreis aus ängstlicher Unruhe und Einschlafschwierigkeiten, aus dem sich ohne Behandlung eine besonders starke Form ängstlicher Anspannung entwickeln kann (Essinger 2014, Bender 2011, Schuwald u.a. 2013, Musazzi u.a. 2011, Roth 2001, Rost 2005, LeDoux 1996).
Wie wirken synthetische, angstlösende Medikamente?
Angstlösende Medikamente wie Benzodiazepine oder Pregabalin (Substanzgruppe: Antikonvulsiva) wirken, indem sie in die Neurotransmitterregulation eingreifen und so die übermäßige Erregung reduzieren. Benzodiazepine erleichtern die Bindung von GABA an den Rezeptor. Chloridionenkanäle lassen sich so leichter öffnen. Einströmende Chloridionen hyperpolarisieren dann die postsynaptische Membran. Pregabalin wirkt dagegen, indem es an spannungsabhängige Calciumionenkanäle bindet und verhindert, dass sich diese bei Depolarisierung der präsynaptischen Membran öffnen. Pregabalin reduziert so die Fortleitung von „Angst, indem es die Freisetzung erregender Neurotransmitter wie Glutamat reduziert (Stahl 2013).
Was leisten Lavendelöl-Präparate?
Zunehmende Beachtung zur Behandlung von Ängsten gewinnen Präparate aus der Heilpflanze Lavendel (Koulivand u.a. 2013). Sie enthalten Lavendelöl, das mithilfe von Wasserdampfdestillation aus getrockneten Lavendelblüten (Lavandulae flos) des Echten Lavendel (Lavandula angustifolia, Abb. 1 ) gewonnen wird. Diese werden kurz vor der völligen Entfaltung geerntet (Schulz & Hänsel 2013). Untersuchungen bestätigen solchen Präparaten eine angstlösende Wirkung (z.B. Perry u.a. 2012). So lässt sich z.B. durch Lavendelduft die Angst von Zahnarztpatienten reduzieren (Kritsidima u.a. 2010) und die Prüfungsangst von Studierenden vor einem Examen lindern (McCaffrey u.a. 2009). Insbesondere ein spezieller Lavendelöl-Extrakt (Silexan der Firma Dr Willmar Schwabe GmbH & Co. KG, Handelsname Lasea®), der oral eingenommen wird, steht im Fokus des Forschungsinteresses. Seine angstlösende Wirkung konnte in verschiedenen klinischen Untersuchungen...

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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Biologie Nr. 415 / 2016

Pflanzen helfen und heilen

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 10-12