Rote Karte für Nervensägen

Wie Schüler zu Unterrichtsstörern werden und was man dagegen tun kann

Wie kommt es, dass sich Schülerinnen und Schüler im Unterricht laut, frech, egozentrisch und rücksichtslos verhalten und damit Lehrenden das Unterrichten so schwer machen? Lesen Sie hier, warum die Erziehung am besten gelingt, wenn Lehrkräfte und Eltern zusammenarbeiten.

Stop-Schild in der Mitte der Straße
Unterrichtsstörungen zu unterbinden stärkt die ganze Klasse - die rote Karte kann ein nützliches Mittel sein Foto: Mwabonje/pexels

Gute Schulen entwickeln ihre Schulkultur unter demokratischer Beteiligung ihrer Schülerschaft. Wenn es nicht gelingt, Individualisierung, Motivierung, Schülerorientierung und Partizipation im Schulalltag erlebbar zu machen, läuft die Leitvorstellung „demokratische Schulkultur“ Gefahr, zu einer Sprechblase zu werden. In den letzten Jahren sind gesellschaftspolitische Gründe hinzugekommen, die Schulen veranlassen können, gerade ihre demokratische Grundhaltung stärker zu betonen, zu schulen und zu pflegen.

Orientierung bieten

Kinder und Jugendliche aus kriegs- und krisengeschüttelten Herkunftsländern, von denen inzwischen Zehntausende Schulen in Deutschland besuchen, benötigen spezifische Orientierungen, denn die deutsche Schule befremdet sie und ihre Eltern. Freizügigkeit und Liberalität sind ihnen aus ihren Herkunftsländern oft unbekannt – wenn sie dort überhaupt Gelegenheit zum Schulbesuch hatten. Seit in deutschen Regionen rechtslastige Gruppierungen wie Pegida Zulauf haben, seit wir politischen Extremismus im Parteienspektrum als Bedrohung unserer demokratischen Grundordnung erleben, hat sich mehr denn je erwiesen, wie wichtig die Belehrung und wie noch wichtiger persönlich erfahrene politische Bildung ist.

Beide Zugänge:

  • erfordern den Fokus auf Mitverantwortung in Freiheit des Denkens und die Selbstwirksamkeit des einzelnen Menschen
  • ermöglichen aktive Beteiligung/Einflussnahme.

Demokratieverständnis stärken

Belehrung in Verbindung mit persönlich erfahrener politischer Bildung kann den Unsinn transparent machen, wenn für politische oder wirtschaftliche Fehlentwicklungen eine unverstandene Sprache, eine andere Hautfarbe oder eine fremde Religion herhalten sollen. Neben curricularen Vorgaben, die auf der Grundlage von Lehrplänen und Schulgesetzen erfüllt werden müssen, können Schulleben und schulische Angebote demokratisch gestaltet werden, auch der Umgang mit Vielfalt und Unterschiedlichkeiten – zum einen als Querschnittsthema, dem sich der Lehrkörper fach- oder fächerbezogen widmet, zum anderen als bedarfsorientierte, speziell zugeschnittene Arbeitsgemeinschaften oder Wahlpflichtfächer, die geeignet sind, allen Schülern Demokratie als Gesellschaftsform plausibel zu machen und ausdrücklich zu Beteiligung auf geeigneten schulischen Feldern aufrufen. Diese Form der Beteiligung meint mehr als die jährliche Organisation von Klassensprecher- und SV-Wahlen und kann schon in der Grundschule stattfinden.

Beispiel: Konfliktbearbeitung

  • im Klassenrat
  • im Schülerparlament
  • in der Streitschlichtung
  • in Dilemma-Debatten
  • durch Feedbackverfahren
  • durch soziale Kompetenztrainings
  • durch Kurse, in denen man fair und konstruktiv streiten lernt
  • durch systematische Schulung kommunikativer Kompetenzen
  • durch Buddies, die ihre Augen offen halten, gegebenenfalls eingreifen oder Hilfe organisieren
  • durch Paten, die besonders jüngeren Schülerinnen und Schülern persönlich bekannt sind.

Mehr Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Schülern

„Es wäre sogar ausgesprochen klug von unseren Lehrern“, formulierte einmal ein SV-Schüler, der an einer SchiLF-Veranstaltung seines Lehrerkollegiums teilnehmen durfte, „wenn sie uns bei der Konfliktbearbeitung beteiligen würden: Wir wissen sowieso schon immer viel eher als unsere Lehrer, wenn was Prickeliges stattfindet!“ Neu erlernte Sprechformen sollten die Schülerinnen und Schüler im schulischen Kontext erproben und auswerten können. Diesbezügliche Entwicklungen bzw. Verbesserungen, auch Verantwortlichkeiten, gehören konzeptionell und verbindlich ins Schulprogramm.

Verantwortung übernehmen

Wenn Partizipation im Rahmen einer demokratisch entwickelten Schulkultur verankert ist, bleibt es nicht dem Zufall überlassen, dass sich Kinder und Jugendliche in einem selbstwirksamen Modus erfahren können. Als Erwachsene übernehmen vermutlich diejenigen gern Verantwortung, die schon als Schüler Erfahrung mit ihrer Selbstwirksamkeit machen konnten. Eines Tages erkannte ein Lehrer im Türsteher vor einem Nachtlokal einen ehemaligen Schüler wieder, den er zum Streitschlichter ausgebildet hatte. Er hatte ihn als kommunikativ sehr begabt in Erinnerung und war spontan enttäuscht, dass dieser Junge nicht mehr aus sich gemacht hatte. Doch der beruhigte ihn: „Keine Sorge, Herr S., ich studiere Jura. Aber hier kann ich jede Nacht anwenden, was ich mal bei Ihnen gelernt habe!“


Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch:
Gabriela Kreter: Rote Karte für Nervensägen. Wie Schüler zu Unterrichtsstörern werden und was Eltern und Schule gemeinsam dagegen tun können.
ISBN: 978-3-7727-1320-0
136 Seiten, Verlag: Klett Kallmeyer 2019,
17,95 Euro

Redaktionell bearbeitet von A. Junge, 12.09.2019, Hannover.