Im Gespräch mit einem Schulpsychologen

Tipps zur Prävention: Unterrichtsstörungen vorbeugen

Ein Lärmpegel, der jedes Unterrichten unmöglich macht. Schüler, die über Tische und Bänke gehen. Unterrichtsstörungen können den Alltag von Lehrern Schülern sehr beschwerlich machen. Wie groß ist das Problem „Unterrichtsstörung“ und vor allem: Was lässt sich dagegen unternehmen?

Eine Frau steht vor einer Tafel und kneift die Augen zusammen.
Welche Konsequenzen folgen bei Regelübertretungen? Lehrer sind häufig überfordert, wenn sie bei einer Regelübertretung spontan entscheiden müssen. Foto: contrastwerkstatt/fotolia.com

Herr Kowalczyk, Sie sind Leiter der Schulpsychologischen Beratungsstelle in Paderborn. Können Sie uns sagen, was Unterrichtsstörungen überhaupt  sind? 

Dr. Walter Kowalczyk: Im weitesten Sinne sind es beeinträchtigte Lehr- und Lernprozesse. Was aber jemanden beeinträchtigt und stört, ist individuell sehr unterschiedlich. Das zeigt schon das Beispiel "Unruhe in der Klasse". Die kann den einen Lehrer stören und ihn aus der Konzentration bringen, während das für einen anderen Lehrer überhaupt kein Problem ist. Letztendlich geht es darum, ob sich jemand durch eine bestimmte Situation belastet fühlt oder nicht. 

Wer verursacht die Störungen? Sind es die "schwierigen Schüler"? 

Dr. Walter Kowalczyk: Es wird in dem Zusammenhang gern von schwierigen Schülern gesprochen. Aber was ist ein schwieriger Schüler? Auch hier gibt es Lehrer, die mit den "schwierigen Schülern" gut umgehen können, die keine Probleme haben und andere haben Probleme. Also: Es sind immer beide Seiten, die eine Rolle spielen. Deswegen spreche ich lieber von schwierigen Unterrichtssituationen. Das kann bedeuten, dass die Schwierigkeiten vom Lehrer ausgehen, von einzelnen Schülern oder auch von Schülergruppen. 

Sind Unterrichtsstörungen ein großes Problem im Schulalltag? 

Dr. Walter Kowalczyk: Eine Untersuchung hat gezeigt, dass im Durchschnitt von einer normalen Unterrichtsstunde rund 15 Minuten darauf verwendet werden, überhaupt einen geordneten Unterricht hinzubekommen. Das ist viel verlorene Zeit: ein Drittel des Unterrichts! 

Da drängt sich die Frage auf: Werden Lehrer gar nicht auf den Umgang mit Störungen vorbereitet? 

Dr. Walter Kowalczyk: Classroom-Management, also der Umgang mit schwierigen Unterrichtssituationen, ist tatsächlich erst in den letzte Jahren stärker ins Bewusstsein der Lehrerausbildung gerückt. Viele Lehrer wurden nicht darauf vorbereitet. Aber das lässt sich nachholen: durch Weiterbildungen, Fallbesprechungen und gegenseitige Unterrichtshospitationen. So bekommen Lehrer frühzeitig Rückmeldungen über schwierige Situationen und können – auch gemeinsam – Strategien entwickeln, um diese Situationen künftig besser zu bewältigen. 

Gilt der Spruch "Vorbeugen ist besser als heilen" hier auch? 

Dr. Walter Kowalczyk: Ja. Aber leider hat sich eine professionelle Lehrersicht noch nicht überall durchgesetzt. Professionell bedeutet, die Unterrichtssituation aktiv zu gestalten und die Klassengemeinschaft zu stärken. Viele Lehrer reagieren zwar auf Störungen, aber eben im Nachhinein. Effektiver sind aber Planungen im Vorfeld, damit der Unterricht in einer vernünftigen Art und Weise läuft. 

Klassengemeinschaft stärken – was heißt das konkret? 

Dr. Walter Kowalczyk: Für ein gutes Kennenlernen zu sorgen. Schließlich ist ja unbestritten: Je besser man sich gegenseitig kennenlernt und je mehr Facetten man vom anderen kennt, desto mehr Rücksicht nimmt man auch. Schulen sind in dieser Hinsicht auch aktiv und machen zum Beispiel Einführungstage. Dabei bleibt es allerdings häufig. Doch das Kennenlernen in der Klassengemeinschaft ist ein kontinuierlicher Prozess, für den Lehrer immer wieder sorgen müssen. 

Was gehört noch zur Prävention? 

Dr. Walter Kowalczyk: Ein ganz wichtiger Rat in unseren Weiterbildungskursen ist: Feedback einholen. Das heißt, die Klasse zu bestimmten Zeitabschnitten – etwa vor den Ferien – zur Qualität des Unterrichts und der Zusammenarbeit zu befragen. 

Begibt sich der Lehrer damit nicht auf gefährliches Glatteis? 

Dr. Walter Kowalczyk: Ich kann natürlich als Lehrer die Fragen ganz offen stellen. Etwa: Was könnte am Unterricht geändert werden? Ich kann aber auch ganz konkret fragen: Ich mache mit euch Gruppenarbeit, ich mache mit euch einen Lehrervortrag und ich mache das und jenes – was hilft euch von diesen Methoden am meisten, damit ihr gut lernen könnt? Das heißt, der Lehrer gibt ein bestimmtes Repertoire vor, aus dem die Schüler auswählen. Er bewegt sich so noch auf relativ sicherem Terrain. Dann ist es für ihn leichter, umzusetzen, was von den Schülern erhofft und erwartet wird. Es geht immer darum, eine Kurskorrektur zu ermöglichen, wenn es notwendig ist. 

Was tun, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, wenn sich der Lehrer also in einer schwierigen Unterrichtssituation befindet? 

Dr. Walter Kowalczyk: In vielen Klassenräumen, in denen ich gewesen bin, hängen Plakate mit Regeln. Aber es fehlt meist das ergänzende Plakat: Welche Konsequenzen folgen bei Regelübertretungen? Lehrer sind häufig überfordert, wenn sie bei einer Regelübertretung spontan entscheiden müssen: "Was mache ich jetzt?" Das muss vorher klar sein. Auch, was durchsetzbar ist. Denn etwas anzukündigen oder gar anzudrohen, was sich hinterher gar nicht umsetzen lässt, ist kontraproduktiv. Damit begibt sich der Lehrer in eine schwache Position. Diese Konsequenzen werden sich von Schule zu Schule unterscheiden und sollten schulintern abgesprochen werden. Wichtig ist, dass der Lehrer mit der Sicherheit in die Klasse geht: Wenn es Konflikte gibt, mache ich das und das. 

Wie viel Prävention ist nötig, um Unterrichtsstörungen in den Griff zu bekommen oder bestenfalls zu vermeiden? 

Dr. Walter Kowalczyk: Drei Viertel der Maßnahmen sind präventiv. Dazu gehören Regeln, eine Feedback- Kultur, die Pflege der Klassengemeinschaft. Ganz entscheidend ist, früh mit den Schülern zu sprechen, um die Gründe für Unterrichtsstörungen zu erfahren und um Einfluss nehmen können. Auch Unterstützung sollte frühzeitig gesucht werden: im Kollegium, beim Beratungslehrer oder beim Schulpsychologen. Und das heißt nicht, dass ein Lehrer sich als Versager outet, sondern dass er weiß, es ist in der Regel erfolgreicher, wenn vier Augen auf eine Situation gucken, als wenn man sie nur mit zwei Augen betrachtet. 

Quelle. bildungsklick.de