Psychospiele im Klassenraum

Lassen Sie sich nicht ärgern!

Ist die Beziehung zwischen Lehrkraft und Schülerinnen und Schülern gestört, sind Probleme unvermeidlich. Die Praktiken und Arbeitsmaterialien der Schemapädagogik können jedoch helfen, typische Kommunikations-Teufelskreise und störende Psychospiele zu durchschauen und besser zu handhaben.

Ein blondes Mädchen mit Zopf streckt die Zunge raus.

Der Begriff Psychospiele ist in der Alltagssprache geläufig und auch im Kontext Schule präsent. Etwa wenn es sinngemäß einmal im Klassenraum heißt: „Leon, lass das! Spiel keine Spielchen mit mir!“ Im Folgenden sprechen wir fachgemäß von Psychospielen im Klassenraum, um der tiefenpsychologischen Dynamik solcher Arrangements gerecht zu werden.

Es handelt sich in solchen Fällen um hochmanipulative Interaktionsstrategien, die stets nach demselben Muster ablaufen, quasi die Königsdisziplin der Manipulation. Sie werden aktiv inszeniert vom Spieler. Der Interaktionspartner spielt unfreiwillig, genauer gesagt schemagetrieben, mit. Psychospiele sind aber nicht nur Schülersache. Jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens eigene entsprechende Strategien durch Versuch und Irrtum entworfen, um Interaktionspartner zu einer erwünschten zwischenmenschlichen Reaktion zu animieren. Es geht immer um die Erfüllung von Grundbedürfnissen!

Auch Lehrer praktizieren solche Strategien. Es schadet nicht, sich einmal seiner eigenen Psychospielkultur zu stellen. Im Praxis­feld Schule finden wir eine Anhäufung von typischen Psychospielarten seitens der Schülerschaft vor. Es ist im Rahmen schema­pädagogischen Denkens unumgänglich, diese zu kennen und direkt mit ihnen effizient im Klassenraum arbeiten zu können. Dafür müssen sie der Lehrkraft aber vor allem inhaltlich präsent sein.

Der Klassiker: "Na, los. Versetz mir doch eins!"

Nach meiner Erfahrung gibt es einen wahren Psychospiel-Klassiker, auf den viele Lehrkräfte jedes Mal aufs Neue hereinfallen. Und der geht so: Beim sogenannten Arrangement „Versetz mir eins“ offenbart ein Teenager im Unterricht typischerweise folgendes Verhalten (nur eine unter sehr vielen Varianten): Zu Beginn der Stunde stört er tröpfchenweise und erst unscheinbar den Ablauf, so, als würden sich die Unterrichtsstörungen ganz zufällig und ohne Absicht ergeben: „Wieso sollen wir das jetzt abschreiben? Ist das wichtig?“ bzw. „Ist Ihre Hose neu, die hat ja schon zwei Löcher!“ Die anderen Schülerinnen und Schüler folgen gespannt dem Geschehen. Erwartungsgemäß wird der Spieler von der Lehrkraft dann kurz und knapp ermahnt bzw. zurechtgewiesen. Was sollte sie auch sonst anderes tun, sie muss ja reagieren: „Leon, konzentriere dich bitte!“ Der Heranwachsende versichert nun, dass er ab jetzt voll und ganz am Unterricht aktiv teilnehmen wird: „Alles klar! Easy. Chillen Sie doch mal!“ Wenig später nimmt er jedoch sichtlich unbeeindruckt wieder das Projekt „Versetz mir eins“ auf – nur noch kreativer bzw. provokanter. „Sorry, ja, mein Handy klingelt gerade, ich weiß! Na und! Ich hatte vergessen, es auszuschalten! WAS KANN ICH DENN DAFÜR?“ Wieder ermahnt die Lehrkraft den Schüler. „Will der mich aufziehen?“, denkt sie sich jetzt. Recht hat sie im Prinzip.

Das Spiel geht eine Zeit lang so weiter, wobei der emo­tionale Stress seitens der Lehrkraft schrittweise ansteigt: „Ihr Tafelschriftbild sieht aus wie von nem Behinderten gemalt!“ Zwei Minuten später dann: „Gehen wir danach in der Pause zusammen noch eine Kippe rauchen?“ Entsprechende Reaktionen mit Androhungscharakter seitens der Lehrkraft erfolgen in diesem Stadium bereits auf höherer Ebene. Das Stressniveau steigt. Am Ende des Geplänkels, kurz vor der Pause, wird der Spieler dann endlich rausgeworfen. Aber nicht einfach so. In Zeitlupe packt er seine Sachen zusammen und geht langsam, aber lächelnd, aus dem Saal und zwinkert dabei einigen seiner Mitschüler zu. Die nicken einvernehmlich. Man versteht sich. Die restliche Klasse insgesamt ist sichtlich amüsiert. Es fand in dieser Doppelstunde wenig Unterricht statt.

Stress für beide Seiten

Die Lehrkraft geht stark gestresst in die Pause. Und von dort aus in die nächste Doppelstunde. Nicht selten findet ein solches (oder ähnliche) Geplänkel regelmäßig in Klassenzimmern statt. Der Grund ist, dass Lehrkräfte mitspielen, ohne es zu merken! Sie sind sozusagen bereits ab Start mittendrin im Spiel. Schemapädagogisch gesprochen: in einer typischen Modus­aktivierung. Für den Jugendlichen gilt das in der Regel auch. Der Schüler offenbart während eines Spiels wie erwähnt den „Manipu­lierer-Modus“, die Lehrkraft den Ich-Zustand „sanktionierende Eltern“. Wie gesagt: ein Klassiker.

Vorbeugende Maßnahmen

Vor Publikum sieht so ein Prozedere aus Sicht der Heranwachsenden sehr ansehnlich aus. Es ist gewissermaßen eine willkommene Abwechslung. Für die Lehrkraft bedeutet das nichts anderes als hoch­gradigen Stress auf der Beziehungs­ebene. Erfahrungsgemäß ist es sehr schwierig, Psychospiele, die sich bereits etabliert haben, konstruktiv zu bearbeiten. Grund: Die Lehrkraft hat es ausgiebig versäumt, auf die Psychospiel-Vorboten (Tests) professionell einzugehen. Dann ist es schon fast zu spät. Dennoch sind folgende grundsätzliche Gegen­strategien denkbar, die bei zukünftigen Spieleröffnungen empathisch-konfrontativ kommuniziert werden können:

  • Das Spiel als solches direkt ansprechen und aufdecken („Leon, du willst mit deiner Show hier gerade negative Aufmerksamkeit provozieren – und wie das Ganze letztlich ausgeht, weißt du auch! Also, lass es!“).
  • Den weiteren Spielverlauf vorwegnehmen („Leon, die Nummer hier langweilt nicht nur mich! In zwei Minuten kommt der Spruch mit meiner Hose, zehn Minuten später klingelt dein Handy! Ich lass dir aber noch eine Chance, hier am Unterricht teilzunehmen!“).
  • Den Spieler mit den Kosten seines Verhaltens konfrontieren („Leon, wenn du deine Kreativität für Psychospiele mal in die Mitarbeit investieren würdest, könnte ich dir locker ne 2 geben! Clever genug biste allemal!“).
  • Den Spieler als Person wertschätzen und Verhaltensalternativen einfordern („Leon, du hast es echt drauf, Lehrer an die Wand fahren zu lassen. Das haste zu Genüge bewiesen. Das wissen wir alle. Was kannste mir anbieten, damit ich dir mal bessere Zensuren geben kann? Wäre sonst schade! Spul mal fünf Jahre vor! Wie stehst du dann da?“).

Es gibt gerade bei dieser Interaktions­strategie pädagogische Grenzen. Sobald sich ein Heranwachsender auf eine bestimmte Lehrkraft erfolgreich eingeschossen hat, ist seine Macht schon sehr ansehnlich. Er oder sie weiß sehr genau, wie er seine Lehrkraft auf 180 bringt, es müssen nur die richtigen Knöpfe gedrückt werden.