Im Konfliktfall umdenken

Das Unerwartete tun

Wenn Kinder und Jugendliche zum wiederholten Mal stören, setzt sich oft in der Beziehung zwischen Lernendem und Lehrendem ein eingefahrenes Muster in Gang – beiden Seiten nur allzu bekannt. Da herauszutreten, kann möglich werden, wenn man sich vorab bewusst entscheidet, der Situation neu zu begegnen – das Unerwartete zu tun.

Mosaik aus blauen Fliesen
Aus Alt mach Neu – so einfach ist es im Schulalltag natürlich oft nicht, aber unerwartete und überraschende Reaktionen auf Fehlverhalten können eingefahrene Situationen durchaus entschärfen. Foto: © omphoto/photocase.com

Paul hat sich heute wieder unmöglich benommen. Der macht nur, was er will und ruft jetzt auch noch absolute Respektlosigkeiten in die Klasse rein. Ich muss ständig den Unterricht unterbrechen, komme nicht voran!“ Mein Kollege ist entrüstet. Paul ist Schüler meiner zweiten Klasse, er fällt besonders auf durch starke Ablenkbarkeit und stark provozierend wirkendes Verhalten. Mehrere Kolleginnen und Kollegen kommen in den letzten Tagen auf mich zu und beschweren sich geradezu wütend: „Das geht gar nicht!“

Das Prinzip: „Das Unerwartete tun“

  • Unaufgeregt bleiben und verstehen, was sich hinter dem störenden Verhalten eines Kindes verbergen könnte.
  • Das „Fehlverhalten“ als Ausdruck des Bedürfnisses der Zugehörigkeit sehen.
  • Situativ zwei Handlungsalternativen nennen, innerhalb derer das Kind selbst entscheidet; auf die Einhaltung von Konsequenzen achten.
  • Zeitversetzt dem Kind Möglichkeiten anbieten, sich konstruktiv bzw. kooperativ mit seinem Verhalten in die Klasse einzubringen.
  • Mit dem Kind gemeinsam reflektieren, was ihm an Verhaltensänderung gelungen ist – und was es sich noch weiter vornehmen sollte.

Zunehmend erlebe ich Ärger, das Gefühl von Hilflosigkeit bei Lehrkräften, die mit Paul zu tun haben. Einige von ihnen haben es mit ganz klaren Ansagen und Strafen probiert. Kurzfristig hilft das manchmal, meistens nicht, Paul reagiert dann i. d. R. mit Verweigerungsverhalten oder setzt sein (störendes) Verhalten nach kurzer Pause fort. „Mach das doch!“, sagt er oder „Mir doch egal!“ Ein Kräftemessen um die „Macht“ beginnt, was weder Lehrkraft noch Kind gut vertragen können. Die Reaktion des Kindes wird vermutlich sein, sich nicht unterdrücken zu lassen – durch neue „Respektlosigkeiten“, Störungen, ggf. (seelische) Verletzungen. Ein Kreislauf nimmt seinen Gang – anstrengend für die Lehrkräfte, entmutigend für das Kind. Ja, so geht es tatsächlich nicht. Aber was geht?

Die Störung ist nur die Wirkung

Zwar ist es zunächst eine große Herausforderung für betroffene Kolleginnen und Kollegen, aber es lohnt den Versuch: Möglichst unaufgeregt bleiben und pädagogisch bzw. psychologisch zu verstehen versuchen, was sich hinter dem – störenden – Verhalten eines Kindes und seinen Worten wie „Mir doch egal!“ verbergen mag.

Fast immer ist es Kindern wie Paul nicht egal, wenn sie merken, dass ihre Bezugspersonen ärgerlich mit ihnen sind, wenn sie das Gefühl haben, sich nicht sinnvoll in ihrer Gruppe einbringen zu können, wenn sie sich nicht „gut“ gesehen fühlen. Kinder möchten sich zugehörig fühlen. Sie möchten sich konstruktiv einbringen, nicht destruktiv. Kinder, die sich so verhalten, dass ihre Umgebung dies als störend empfindet, haben oft über einen längeren Zeitraum die Erfahrung gemacht: (Nur) auf diese Weise erhalte ich die Aufmerksamkeit, nach der ich mich sehne. Das ist ein Lernprozess, deshalb muss ein Kind wie Paul mühsam umlernen.

Deshalb lautet die entscheidende Frage: Was kann ich tun, um einem derart entmutigten Kind wie Paul zu helfen, sein störendes Verhalten zu beenden und kooperatives Verhalten (neu) zu lernen? Wenn ein Kind sich störend und mit respektlos wirkenden Äußerungen verhält, kann das ein Zeichen dafür sein, dass es als kräftig, stark und bedeutsam gesehen werden möchte – und sich aktuell so nicht fühlt bzw. nicht gesehen fühlt. Die individualpsychologisch orientierte Pädagogik (Alfred Adler, Rudolf Dreikurs) vermag hilfreiche pädagogische Überlegungen und ein sinnvolles Prinzip pädagogischen Handelns in Konfliktsituationen zu vermitteln: das Prinzip „Das Unterwartete tun“.

Ursachen beheben und Verantwortung übertragen

Ärger und Strafen liegen für viele Kinder im Bereich des Erwartbaren, wenn ihr Verhalten sehr störend oder verletzend bzw. verweigernd ist. Aber können sie dem Kind helfen, zur Einsicht zu kommen und ihr Verhalten im Sinne des Zieles „Zugehörigkeit“ vernünftig ändern zu wollen? Oft setzen Kinder ihr Verhalten – nach einer kurzen Pause des Erschreckens – fort und äußern Sätze wie „Mir doch egal“.

Unerwartete Reaktionen der Lehrkräfte hingegen vermögen das gewohnte System aus (Stör-)Aktion und (Disziplinierungs-)Reaktion zu durchbrechen und dem Kind zu helfen, sich ungewohnt verantwortungsvoll zu verhalten. Kinder, deren Verhalten unangenehm auffallend ist, können bemerken, dass sie gesehen werden – mit ihren Möglichkeiten und mit ihrer Fähigkeit, sich bedeutsam, konstruktiv, „gut“ einzubringen. Unerwartet ist, dass einem Kind, dessen Verhalten störend, verärgernd, provozierend oder auch verweigernd wirkt, Verantwortung gegeben und zugemutet wird. Dahinter steckt eine wesentliche pädagogische individualpsychologisch begründete Grundüberzeugung: Kinder setzen ihr Verhalten für Ziele ein. Das wichtigste Ziel eines Kindes ist es, sich zugehörig zu fühlen. Verantwortungsübernahme ist gleichsam der Schlüssel dafür, dieses Ziel erreichen zu können.

Wenn Kinder aber die Erfahrung gemacht haben, durch konstruktives Verhalten ihr Ziel der Zugehörigkeit nicht erreicht zu haben, wenden sie laut Adler/Dreikurs sogenanntes „Fehlverhalten“ an. Es gibt vier Formen des Fehlverhaltens:

  • Aufmerksamkeit erregen
  • Unfähigkeit ausdrücken
  • Rache zeigen durch verletzendes Ver- halten
  • Macht und Überlegenheit verlangen

Um zu ermitteln, welcher Art das „Fehlverhalten“ ist, ist es sinnvoll, sich zunächst des eigenen Gefühls bewusst zu werden.

  • Bin ich nur verärgert?
  • Spüre ich, dass ich mich in einem „Machtkampf“ befinde?
  • Fühle ich mich innerlich verletzt?
  • Fühle ich Mitleid mit dem Kind?

Die Tabelle weiter unten zeigt Möglichkeiten, auf die verschiedenen Formen von Fehlverhalten zu reagieren. Ist die Art des „Fehlverhaltens“ geklärt, kann pädagogisch sinnvoll reagiert werden.

Einem Kind, welches seine Unfähigkeit zum Ausdruck bringt, können kleinere, angemessene Aufgaben übertragen werden, die ihm – trotzdem – zugetraut und zugemutet werden. Mit einem Kind, das wiederholt durch lustige Bemerkungen oder anderes Verhalten Aufmerksamkeit erregt, kann z. B. gemeinsam überlegt werden, welches Thema es einmal gut vorbereiten und seiner Klasse bewusst präsentieren kann. Einem Kind, mit dem ein „Machtkampf“ droht, lässt sich – unerwartet – kurzfristig Mitverantwortung beim Stoppen der Störungssituation übertragen. Es gelingt oft, wenn dem Kind dafür zwei akzeptable Handlungsmöglichkeiten genannt werden, idealerweise mit Aufzeigen der Konsequenzen, von denen eine – verantwortlich – durch das Kind auszuwählen ist. Entscheidend wird es sein, dass die von dem Kind entschiedene Handlung dann auch zeitnah und konsequent realisiert wird.

Ein Notizzettel zur Abweichung von Gewohnheiten
Nicht nur, wenn es um negative Verhaltensweisen geht, sind „unerwartete“ Reaktionen hilfreich; auch wir selbst können solche produktiven Brüche brauchen. aus: Susanne Niemeyer (2015). In: Wandeln. Mein Fasten-Wegweiser 2015, Hamburg: Andere Zeiten e.V., S. 20

Den Machtkampf ins Leere laufen lassen

Beispielformulierungen:„Wenn du so laut (…) mitten in den Unterricht rufst, wirkt das sehr störend. Ich möchte, dass wir in Ruhe arbeiten können. Entscheide bitte: Kannst du jetzt mitarbeiten? Dann freue ich mich und du kannst an deinem Platz bleiben. Oder fällt dir das Mitarbeiten zurzeit zu schwer, weil du nicht ruhig werden kannst? Dann arbeite bitte im Gruppenraum weiter.“ …

Entscheidet sich das Kind für Mitarbeit, stört aber weiter, sagt man in möglichst ruhigem, sachlichen Tonfall: "Du rufst weiter in den Unterricht, arbeite nun bitte im Gruppenraum weiter."

Besonders wirkungsvoll sind ergänzende – unerwartete – pädagogische Reaktionen, die zeitversetzt erfolgen, nach Beruhigung der Situation, und dem Kind eine verantwortliche Aufgabe für die Klassengemeinschaft geben. Solche können z. B. sein: die Planung eines Festes oder eines anderen Vorhabens, ein Amt oder das Kümmern um ein anderes Kind, wenn es Hilfe benötigt.

Wichtig ist, dass die pädagogischen Erwartungen und Vorschläge angemessen sind und Aussicht auf Erfolg haben. Um Paul Verantwortung zu geben, eine
realistische – Erwartung an ihn zu stellen und ihm zu ermöglichen, seine Stärken ermutigend zu spüren, habe ich ihn am Ende der Woche seines extrem auffallenden Störverhaltens gefragt, ob er den Klassenrat leiten möchte. Er wollte. Und er konnte. Er hat Vertrauen statt Misstrauen und eine positive Erwartung an sein Verantwortungsgefühl gespürt. Und es ist ihm gelungen, zu leiten, zuzuhören, respektvoll im Umgang mit Mitschülerinnen und -schülern zu sein, an Regeln zu erinnern und sich selbst daran zu halten. Paul hat Verantwortung übertragen bekommen, als er den Machtkampf initiierte und es ist ihm gelungen, verantwortlich zu handeln. Eine Leistung, die ihm sichtbar gut getan hat. Erhält Paul nun mehrere – realistische – Möglichkeiten, sich verantwortlich in und für seine Lerngruppe zu verhalten, wird er sein störendes Verhalten vermutlich im Laufe der Zeit ändern. Wichtig ist, dass Kinder wie Paul – realistische – Erwartungen an das eigene Verhalten und auch an ihre Fähigkeit, das störende Verhalten zu ändern, spüren: „Ich traue dir zu, dass du dich auch anders verhalten kannst. Ich erwarte es von dir! Und ich habe eine Idee für dich, wie du es zeigen kannst.“Ganz wichtig ist, dass in regelmäßigem Abstand in einem persönlichen Gespräch gemeinsam reflektiert wird:

  • Was hat sich geändert?
  • Was gelingt dir jetzt schon gut/womit bist du zufrieden?
  • Worauf müssen wir – gemeinsam –
  • weiter achten?

„Das geht gar nicht!“

Doch, es kann gehen. Auch Kinder, deren Verhalten störend oder verweigernd ist, wollen sich zugehörig und gesehen fühlen. Trauen wir es ihnen zu, mit uns gemeinsam dafür Verantwortung zu tragen, dass es gelingt. Dann kann „das Unerwartete“, die Mitverantwortung, auch erwartbar werden.

Zusatzmaterial: Umgang mit Fehlverhalten

Ziel

Beispiele

Ermutigung (Unerwartetes Tun)

Aufmerk- samkeit

unterbrechen, herumalbern, Aufgaben nicht erledigen

ignorieren, wenn möglich; Erwartungshaltung nicht bedienen

Aufmerksamkeit zu einem anderen Zeitpunkt geben beachten und rückmelden, wenn das Kind konst- ruktiv arbeitet

Macht

Wutanfall, Forderungen, hartnäckige bzw. de- monstrative Verweige- rungshaltung

sich nicht auf Streit und Machtkampf einlassen sich sinnvolle Wahlmöglichkeiten überlegen, diese benennen und das Kind auswählen lassen (inkl. Konsequenzen)

grundsätzlich (zu einem anderen Zeitpunkt) das Kind kooperieren lassen

Rache

verletzendes Verhalten und / oder Ausdrücke, Gewaltanwendung, ver- letzende Blicke

und / oder Körper- haltung

sich distanzieren

nicht verletzt oder beleidigt reagieren grundsätzlich: fair sein; kooperatives Verhalten beachten und rückmelden; dem Kind helfen, sich geliebt zu fühlen

Unfähigkeits- beweis

Aufgaben gar nicht erst versuchen

oder schnell aufgeben

sich distanzieren nicht kritisieren

auf alle kleinen Leistungen achten und diese rückmelden

 

Literatur

Dreikurs, R., Grunwald, B.B. , Pepper, F.C. (1995): Lehrer und Schüler lösen Disziplinprobleme. Hrsg. v.
H.J. Tymister. 8. Aufl. Weinheim, Basel: Beltz. Dinkmeyer, D. St ., Mc Kay, G. D. , Dinkmeyer,
D. Jr. (2004): STEP. Das Elternbuch. Kinder ab 6 Jahre.
Kühn, T. , Petcov, R., Pliska, L. (Hrsg.). Weinheim, Basel: Beltz.