Kindern erfolgreich und nachhaltig Grenzen setzen

Verhaltensgrenze überschritten? Stop!

Grenzen fördern soziale Kompetenz - doch wie dringen Sie damit zu Ihren Schülern durch? Der Schritt vom reinen "Recht haben" hin zur gegenseitigen Achtung der Grenzen ist eine Herausforderung. Hier zeigen wir Ihnen, wie sie gemeistert werden kann

Kind reckt die Fäuste in die Luft
Es macht keinen Sinn, in zugespitzten Situationen auf Aggressionen genauso aggressiv zu reagieren, weil sich dann eine Spirale der Destruktion in Gang setzen kann. Foto: bady gb/unsplash

Grenzen setzen Kindern gegenüber hat inzwischen einen fast „religiösen Status“ erlangt. „Kinder brauchen Grenzen“ war lange Zeit einer der meist gelesenen Erziehungsratgeber. Besonders kriegerisch wird es in der Pubertät, man glaubt, eine Kampfzone betreten zu haben, wenn man z. B. die Buch-Titel in einer Stadtbibliothek sichtet:

  • „Warum sie so seltsam sind“,
  • „Baustelle Pubertät – betreten verboten“,
  • „Die härtesten Jahre“,
  • „Das können doch nicht meine sein“,
  • „Das ultimative Überlebenshandbuch“ usw.

Grenzsetzung bedarf klarer Motivation

Auch bei Grenzsetzungen stellt sich die Frage nach der zugrundeliegenden Ethik und nach der Zielsetzung, also nach dem „Wozu“? Geht es um Unterordnung oder um Disziplin als Selbstzweck – oder geht es um Abgrenzung zur Bewahrung der eigenen Integrität oder der von anderen und damit auch um die Werte der Institution? Grenzen können ein Gefängnis oder Lager einschließen, und dessen Insassen werden alles daran tun, die Mauern zu überwinden. Wird ein schöner Garten begrenzt, dann dient der Zaun vielleicht dem Schutz vor Hunden und Wildschweinen, und die im Garten Verweilenden werden sich innerhalb der Grenze wohl und sicher fühlen.

Grenzen mit Positivem verbinden

Auch die Beschaffenheit der Grenze ist von Wichtigkeit: Ist es ein Stacheldrahtzaun mit Selbstschussanlagen oder eine stabile, aber optisch ansprechende Abgrenzung, an der sich niemand verletzt? Die Übersetzung dieses Bildes in den Schulalltag lautet also: Interagiere ich vorwiegend mit Verboten, Einschränkungen und Anordnungen und bringe ich diese vielleicht auch noch in einem abwertenden Ton vor? Oder zeige ich meine Grenzen in der Überzeugung, dass sie für meine Integrität und die der anderen unbedingt notwendig sind?

Ein Stop-Schild
Interagiere ich vorwiegend mit Verboten, Einschränkungen? Oder zeige ich meine Grenzen in der Überzeugung, dass sie für meine Integrität und die der anderen unbedingt notwendig sind? Foto: Michael Mroczek/unsplash

Gelassenheit bewahren

Das große Kunststück besteht darin, beides zusammenzubringen: einen wertschätzenden Umgang mit SchülerInnen zu pflegen und Grenzen setzen zu können. So macht es keinen Sinn, in zugespitzten Situationen auf Aggressionen von SchülerInnen genauso aggressiv zu reagieren, weil sich dann eine Spirale der Destruktion in Gang setzen kann. Hier klar und ruhig zu bleiben und Gelassenheit zu wahren, wird viel eher zu Klärung beitragen als Kampf um jeden Preis. Bei Grenzsetzungen kommt es auch auf die Schwere der „Grenzverletzung“ an. Ist diese relativ klein, kann man „mild und freundlich“ reagieren, geht es um massive Angriffe, sind klare körperliche Präsenz und eine konfrontative Sprache (z. B. „Stopp! Ich lasse das nicht zu!“) vielleicht das einzige, was verstanden wird. Konfrontatives Verhalten von Lehrenden kann dazu dienen, die Grenzen zu schützen, darf aber nicht dazu dienen, einen Angriff über die Grenze hinweg auf die Persönlichkeit des anderen zu starten.

Kinder in Grenzsetzung einbeziehen

Hilfreich ist dabei die mentale Unterscheidung zwischen dem momentanen Verhalten von Kindern, das ich nicht akzeptieren kann, und ihrer Person, die ich grundsätzlich achte. Optimal wäre es, wenn etwa ein Schüler in dem, was er vom Lehrer über sich hört, zugleich eine Vision erkennt, die ihm vermittelt, er sei zu etwas Besserem fähig (vgl. Bauer 2008, S. 85). Auch das „Nein“ Kindern gegenüber kann eine von Achtung geprägte Qualität gewinnen. Wieder war es Jesper Juul, der darauf hinwies, dass ein Nein die liebevollste Antwort sein kann, die man Kindern geben kann. Das Nein zum anderen sei oft notwendig, um Ja zu sich selbst zu sagen. Das Nein sei besonders dann überzeugend, wenn es ohne schlechtes Gewissen gesagt wird (vgl. Juul 2008).

Ein Beispiel

Kurz vor Ende meiner Lehrertätigkeit fragte mich eine Klasse, ob ich mit ihr eine Lesenacht machen würde. Ich fand die Idee gut, erklärte ihnen aber, dass ich aufgrund von Gelenkschmerzen und Schlafstörungen nicht mehr auf dünnen Matten in unruhiger Umgebung übernachten wolle, da mich das tagelang beeinträchtigen würde. Die Klasse war entrüstet („andere Lehrer in Ihrem Alter machen das auch noch“ – mein Antwort: „Ich bin aber ich, und die haben meine Schmerzen vielleicht nicht!“), bis ich das Angebot machte, ich würde gern den Abend mitgestalten und auch gern vorlesen, aber dann vor Mitternacht gehen. Entweder würde das Programm dann zu Ende sein oder sie müssten einen anderen Lehrer fragen, ob der die Übernachtung mitmache. Diese Lösung wurde akzeptiert.

Fazit

Es kommt also darauf an, für die eigenen Bedürfnisse Sorge zu tragen, ohne die SchülerInnen deshalb herabzusetzen und ihre Bedürfnisse schlecht zu reden. Hierbei muss man solche Bedürfnisse von spontanen Wünschen unterscheiden („Können wir nicht mal rausgehen?“, „Können wir heute mal einfach nur erzählen?“ usw.). Wenn wir diesen spontanen Wünschen immer nachgeben, geben wir unsere Führungsverantwortung ab. Juul schlägt z. B. Eltern vor, die Frage „Worauf hast du Lust?“ durch die Frage: „Was willst du?“ zu ersetzen (vgl. Juul 2008, S. 66). Das obige Beispiel zeigt auch, dass gerade bei älteren SchülerInnen ein Nein erläutert werden und auch verhandelbar sein sollte, wobei Bedingung ist, dass es zu einem vernünftigen Dialog und nicht zu Erpressungsversuchen kommt. Wenn wir es ernst damit meinen, soziale Kompetenz von Jugendlichen fördern zu wollen, müssen wir davon ausgehen, dass es auch vorkommen kann, dass sie – vor allem als Gruppe – gewichtige Argumente haben. Sich von dem besseren Argument überzeugen zu lassen, zeigt mehr Autorität als Rechthabenwollen um jeden Preis.


Quelle: Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Fachbuch: Klaffke, T. (2013):
Klassen führen - Klassen leiten. Beziehungen, Lernen, Classroom ManagementS. 93-95, bearbeitet von Abelina Junge, 17.06.2019, Hannover.