Ein stiller Paradigmenwechsel

Aufstellungsarbeit im Klassenzimmer

Jeder, der schon einmal eine Schule betreten hat, kennt nonverbale Kommunikation. Das Heben des rechten Armes bedeutet: „Ich möchte etwas sagen!“ Und damit ist der gesamte bewusste und professionelle Einsatz nonverbaler Kommunikationstechniken im Unterricht bereits ausgeschöpft. Leider.

Ein Junge meldet sich.
Das Melden mit dem Zeigefinger oder zu Verdeutlichung, dass jemand etwas sagen möchte, ist wohl die bekannteste nonverbale Kommunikationstechnik. Foto: © Dr. Martin Kramer

Dabei gehört das „Melden“ nicht gerade zu den schönsten und originellsten Methoden. Aber es ist ein Beispiel für das Nonverbale, sozusagen ein „nonverbales Wort“ das jeder kennt und das den Einstieg in nonverbale Kommunikationstechniken auf leichte Weise ermöglicht.

Der Junge auf dem Bild erhebt seinen Zeigefinger. Würde er seinen Mittelfinder erheben, wäre dies eine ganz andere Äußerung. Es ist wichtig, dass jeder Anwesende das nonverbale Zeichen verstehen kann – wie bei allen Kommunikationssystemen, seien die Zeichen aufgeschrieben oder verbal geäußert.

Kommunikation wird sichtbar – alle sehen alles

Verbale Kommunikation verwendet das Erzittern der Luft, um etwas mitzuteilen. Das ist ein eindimensionaler Kanal. Wenn nur eine Person spricht, ist bereits der gesamte verbale Kommunikationsraum belegt. Die Regel, dass „alle schweigen, wenn einer spricht“, hängt schlichtweg mit der Physik des Sendens und Empfangens zusammen. Nonverbale Kommunikation nützt statt der Akustik die Optik, was ein zweidimensionales Bild auf der Netzhaut abbildet. Das ermöglicht die Gleichzeitigkeit von Äußerungen. Während bei verbaler Kommunikation nur ein Gesprächskanal in lediglich einer Richtung (vom Sender zum Empfänger) verwendet werden kann, mag ein nonverbaler Austausch über viele Kanäle nahezu gleichzeitig geschehen.

Ein systemischer Ansatz

Die Anzahl der Kommunikationsachsen wächst schnell mit der Anzahl der Gesprächsteilnehmer. Bei zwei Personen im Raum gibt es nur eine Kommunikationsachse, bei dreien sind es bereits drei, bei vier Teilnehmern sechs.

In einer Klasse mit 28 Schülern existieren zwischen den Schülern demnach 1 + 2 + 3 + … + 27 = 378 Achsen. Die folgende Skizze zeigt die Wirkung des explosionsartigen Zuwachs der Kommunikationskanäle. Es wurden wegen der Übersichtlichkeit nur von drei Schülern die Achsen eingezeichnet, ebenso wurde in der Darstellung auf Pfeile (Gleichzeitigkeit der Äußerung beider Kommunikationspartner) verzichtet. Man sieht also nur einen kleinen Anteil der 378 Kommunikationsachsen.

Um ein Gefühl für die Größenordnung zu bekommen: Wenn jeder in der Klasse mit jedem sprechen soll, ohne dass gleichzeitig gesprochen wird, beträgt in einer Schulstunde (45 Minuten) die durchschnittliche Gesprächszeit nur 3,6 Sekunden (!), zumindest, wenn alle drankommen wollen.

Gebärdensprache und Aufstellungsarbeit

Die nächstliegende Möglichkeit einer nonverbalen Mitteilung geschieht durch den Körper und entspricht im weitesten Sinn der Gebärden- bzw. Zeichensprache. Hier wird einer Gebärde, einer Geste oder einer Haltung eine Bedeutung zugeschrieben. Es ist eine direkte Art und Weise, wie etwas mitgeteilt werden kann.

Die zweite Möglichkeit ist indirekt. Hier wird nicht der körperliche Ausdruck kodiert, sondern die Umgebung. Bestimmte Orte werden mit Aussagen belegt. Es spielt in diesem Setting daher keine Rolle, wie jemand dasteht, sondern vielmehr, wo jemand steht. Es geht dabei sowohl um absolute Orte als auch um relative Entfernungen zu bestimmten Standpunkten. So kann durch die Veränderung eines Ortes (z. B. der Umgang mit Material oder einer Geschwindigkeitsänderung) eine Äußerung getätigt werden. Die zweite Kommunikationsmöglichkeit ist die mächtigere, da sie alle im Raum zueinander in Beziehung setzt.

Aufstellungsarbeiten enthalten in natürlicher Weise eine Datenaufbereitung. Wenn Sie beispielsweise in einer Schulklasse herumfragen, wie ausgeschlafen sich jeder fühlt, so könnten sich natürlich alle der Reihe nach verbal äußern. Aber das wäre erstens langatmig und zweitens wäre das Gesamtbild nicht mit einem Blick erfassbar.

Wenn hingegen eine Aufstellung entlang einer räumlichen Skalierung erfolgt, erfasst jeder im Raum mit einem Blick nicht nur die Daten an sich, sondern auch, wie die „Daten“ verteilt sind und wo der Schwerpunkt liegt. In beiden Skizzen handelt es sich um dieselbe Daten, nur im unteren sind sie aufbereitet.

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Dr. Martin Kramer, Theaterpädagoge (Bundesverband Theaterpädagogik) mit Zusatzausbildung in Kommunikationspsychologie (Schulz von Thun) hat dazu ein Fachbuch geschrieben, das im März 2019 im Friedrich Verlag erscheint und aus dem dieser Textauszug stammt.

Zum Fachbuch "Aufstellungsarbeit im Klassenzimmer"

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