Individualisierung des Unterrichts an einer Dortmunder Grundschule

Lernen im eigenen Tempo

In zunehmend gemischten Klassenverbänden setzen Lehrkräfte auf die Individualisierung des Unterrichts. In der Praxis ist es aber nicht immer einfach, den Unterricht individuell zu gestalten. Eine Grundschullehrerin aus Dortmund kennt die Fallstricke und erklärt, wie es dennoch klappt

Individuell lernen, aber nicht allein: In heterogenen Lerngruppen steigt die Motivation der Schüler, Neues auszuprobieren – angeleitet etwa durch „Expertenkinder“ © Ihor – stock.adobe.com ©Ihor - stock.adobe.com

Eine 17-jährige Frau nähert sich Bettina Achenbach, 41 Jahre, die seinerzeit noch Lehrerin an der Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund ist. Als ehemalige Schülerin von Bettina Achenbach gibt sich die junge Frau zu erkennen. Sie bewirbt sich um ein Schülerpraktikum an ihrer ehemaligen Grundschule. Die 17-Jährige sagt, dass sie vieles in guter Erinnerung an ihre Grundschulzeit habe. Vor allem aber, dass sie bei Achenbach „in ihrem eigenen Tempo“ habe lernen können. Nun bereitet sie sich auf das Abitur vor. Im eigenen Tempo lernen können: Voraussetzung dafür ist die Individualisierung des Unterrichts. Den Grundstein dafür legt Bettina Achenbach als Lehrkraft für Deutsch, Mathematik, Englisch und Kunst: „Ich lege die Basis, auf der die weiterführenden Schulen aufbauen.“ Heute unterrichtet sie als Konrektorin an der Diesterweg-Grundschule in Dortmund.
Nicht nur für die weiterführenden Schulen legt Bettina Achenbach den Grundstein. Gewissermaßen leistet sie auch die Basisarbeit für die Gesellschaft der Zukunft. Denn parallel zur Individualisierung des Unterrichts an Schulen ist Individualisierung auch der Megatrend des beginnenden 21. Jahrhunderts, zumindest in den westlichen Gesellschaften. Laut dem Zukunftsinstitut, einer Denkfabrik für Zukunftsforschung in Frankfurt am Main, sind Selbstbestimmung, Freiheit der Wahl und die Pluralisierung von Lebensstilen mächtige Treiber der Individualisierung.

Die Anforderungen steigen

Doch die Individualisierung der Lern- und Lebenswelt ist nicht nur schön bunt. Sie kann in der Praxis mitunter anstrengend sein. Und diese Basisarbeit in der Schule wird mit den Jahren wichtiger, denn die Klassen werden zum Beispiel vor dem Hintergrund von Migration und Fluchterfahrungen ihrer Schüler*innen zunehmend heterogen  –  und die Lebenswelten der Kinder und ihrer Familien differenzieren sich vor dem Hintergrund der Digitalisierung immer mehr aus.
Die Individualisierung des Unterrichts geht von Lernvoraussetzungen aus, die von Kind zu Kind anders sind: Individuelles Leistungsvermögen, Motivation, Interessen und unterschiedliche Grade der Selbstständigkeit werden in Betracht gezogen. Lerntempo, Lerninhalte, Lernwege, Lernorte und Sozialformen werden auf die jeweiligen Bedürfnisse der Kinder abgestimmt. „Die Kinder lernen bei mir individuell, aber nicht allein. Sie lernen mit- und voneinander in heterogenen Lerngruppen“, erläutert Achenbach. Sehr wichtig sei es, die Motivation der Kinder zu stärken, die Freude am Lernen zu unterstützen und die Kinder dazu bringen, etwas Neues auszuprobieren.

Nicht im Gleichschritt testen

Zu den Zutaten der Individualisierung des Unterrichts in der Schulwelt gehören die Gestaltung der Klassenräume, feste Regeln und Rituale, Diagnostik und Lernzielkontrollen, individualisierte Methoden und Dokumentationen. Ferner ein Menschenbild, das zur Individualisierung passt: „Meine Motivation ist es, Kinder zu eigenständigen, selbstbewussten und kooperationsfähigen Menschen zu erziehen, die sich in der komplexen Welt gut zurechtfinden.“ Zu den Rahmenbedingungen der Individualisierung sagt Bettina Achenbach: Im Klassenraum gibt es Ecken für Fächer wie Deutsch und Mathematik, die durch Farben sichtbar gekennzeichnet sind. In der Mitte des Klassenraums liegt ein Teppich in einem fest eingerichteten Sitzkreis für Gruppenspiele, Einführungen, Reflexionen und andere pädagogische Aktivitäten. Es gibt ferner Gruppentische und einen kleinen Tisch für die individuelle Förderung.
Regelmäßige Diagnostik ist für die Grundschullehrerin aus Dortmund eine Voraussetzung dafür, dass individuelle Förderung gelingt. „Tests sind ganz wichtig. Aber bei mir schreiben nicht alle Kinder am selben Tag den Test.“ Tests würden erst geschrieben, wenn die Kinder das Gefühl hätten, dass sie so weit sind. Dazu müssten sie sich allerdings selbst einschätzen können. „Es ist wichtig, dass man die Kinder zur Selbstständigkeit erzieht und die Lernumgebung so organisiert, dass die Kinder selbstständig auf das Lernmaterial zugreifen können. Die Lehrkräfte sieht sie im Zusammenhang mit der Individualisierung des Unterrichts eher in der Rolle von Lernbegleitern.

Nichts demotiviert mehr als zu schwierige Aufgaben. Darum ist Schaffbarkeit in der Dortmunder Grundschule das wichtigste Mittel für gelingende Individualisierung © gpointstudio/stock.adobe.com ©gpointstudio - stock.adobe.com

„Jedes Kind bekommt Aufgaben, die es schaffen kann“

Für Bettina Achenbach überwiegen die Vorteile der Individualisierung des Unterrichts. „Jedes Kind erhält Aufgaben, die es schaffen kann“, sagt die Lehrerin und Schulbuchautorin. Das ist offenbar ihr Erfolgsprinzip: „schaffbare Aufgaben“. Sie arbeitet gerne mit „Expertenkindern“, die anderen in einem Fachbereich voraus sind und Kindern, die noch nicht so weit sind, in einfachen Worten die Aufgabe erklären können. Doch während sie einzelne Kinder individuell fördert, müssen die anderen Kinder in die Lage versetzt werden, selbstständig Aufgaben zu lösen. Dass ein Kind weiter als ein anderes sei, das sei noch nie zu einem Problem geworden.
Bettina Achenbach erinnert sich an einen stillen und zurückgezogenen Jungen, der im ersten Schulhalbjahr schwach in seinen Leistungen war. „Durch Aufgaben, die für ihn in seinem eigenen Tempo zu schaffen waren, durch kleine Erfolgserlebnisse habe ich sein Selbstvertrauen gestärkt“, erzählt Achenbach. Inzwischen gehöre der Junge zu den Besten der Klasse, was die schulischen Leistungen anbelangt. Ihr Fazit: „Hätte das Kind im Gleichschritt gelernt, wäre der Erfolg nicht eingetreten.“ Damit noch mehr Kinder auf wirksame Weise individuell gefördert werden, braucht es geeignete Räume mit verschiedenen Funktionen sowie personelle Verstärkung. So fände es Bettina Achenbach hilfreich, wenn es in ihrer Klasse jemanden gäbe, die sie unterstützen würde. „Es geht zwar auch so, aber jedes Kind kann eine zusätzliche Lehrkraft gebrauchen, die einfach mal für es da ist.“