Thesen zur aktuellen Ganzstagsentwicklung

Mit Teamwork läufts

Die Frage ist heute nicht mehr, ob wir Ganztagsschulen brauchen, sondern wie sie aussehen sollen. Es geht darum, wie aus vielen Ganztagsschulen viele gute Ganztagsschulen werden – an jedem Ort und für jedes Kind. Der geplante Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuungs- und Bildungsangebote für Grundschulkinder bis zum Jahr 2025 belebt und erweitert die Diskussion um Qualität.

Zwei Mädchen spielen Fangen auf dem Schulhof.
Die ganze Schule, mit allen Räumen und Flächen, muss für gelingenden Ganztag in einen Lebensort verwandelt werden, an dem das Wohlbefinden an erster Stelle steht. Foto: © DKJS

Blitzlicht 1

Die Schulleiterin der Niedschule (Hemmersdorf, Saarland) ist mit der pädagogischen Leitung der Nachmittagsbetreuung und der Koordinatorin des DRK-Kreisverbandes für freiwillige Ganztagsschulen Ende November nach Berlin gereist, um dort Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bundesländern zu schildern, wie Öffnung von Ganztagschule im ländlichen Raum funktioniert und wie erfolgversprechend die Verbindung von Leitlinien und Grundsätzen im Vormittags- und im Nachmittagsbereich ist. Im ländlichen Raum Kooperationspartner zu finden, ist schwierig, da deren Zahl begrenzt und die Nachfrage der Schulen groß ist. Angeregte Diskussionen der interessierten Schulleitungen, Jugendhilfevertreter und Ministeriumsmitarbeiter folgen: Lässt sich so ein Beispiel 1:1 übertragen? Funktioniert das auch, wenn die Schulleitung vor Ort nicht so begeistert ist?

Blitzlicht 2

Schulleitungen, Koordinatoren und Partner von Ganztagsschulen würdigen gegenseitig ihre Arbeit und eröffnen damit den Landeskongresses für Ganztagsschulen in Schleswig-Holstein. Zwei Jahre lang hatten sie zu Themen von Lern- und Schulkultur, Lebensweltorientierung und Kooperation ihre Schulprojekte entwickelt – mit Unterstützung der Serviceagentur „Ganztägig lernen“. Bleibt die Frage: Wie geht es nach dem Ende des Netzwerks an den Schulen weiter? Und was passiert an den Schulen, die nicht im Netzwerk sind? Wie kommt das Wissen der Referenzschulen an andere Schulen?

Blitzlicht 3

„Alles, was Schule anfasst, wird zu Schule. Und das kann doch niemand wollen.“ Vertreter von Jugendhilfe haben immer wieder das Gefühl, dass sie bei der Koope- ration über den Tisch gezogen werden und nur ein Notnagel für das Betreuungsproblem am Nachmittag darstellen. Und die Befürchtung, nicht auf Augenhöhe zu kooperieren, wird durch die bevorstehende Einführung des Rechtsanspruchs nicht gemindert. Es wirkt immer noch wie ein Clash der Kulturen, wenn nun an vielen Orten Schule und Jugendhilfe erstmals aufeinandertreffen. Dabei ist diese Diskussion schon so alt wie die ersten offenen Ganztagsschulen. Wie entstehen tatsächlich mehr und attraktive Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder und Jugendliche? Wie können die Erfahrungen, wie guter Ganztag gelingt, dort helfen, wo nun erstmals neue Partner aufeinandertreffen? – Diese kurzen Blicke in die Praxis veranschaulichen, wie unterschiedlich sich Kooperation und Vernetzung darstellen. Was folgt daraus für die Ganztagsschulentwicklung?

These 1: Die Potenziale sind nicht ausgeschöpft – wir brauchen das Reden und Ringen um gute Praxis vor Ort

Ganztagsschulen sind eine Antwort auf den PISA-Schock und so hoch hängt auch die Latte: Bessere Schulleistungen, Abbau von Bildungsbenachteiligung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Mit der ersten gro- ßen Ganztagsschulinitiative (Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“, IZBB) entstanden 2003 bis 2009 vielerorts Ganztagsschulen. Der Bedarf an Ideen, Handwerkszeug, guten Beispielen und Vernetzung ist nach wie vor groß. Aber wird das Mehr an Zeit, Raum und Bildungsmöglichkeiten tatsächlich für Rhythmisierung, eine neue Lernkultur und multiprofessionelles Arbeiten und der Öffnung in den Sozialraum genutzt? Trotz vieler guter Beispiele in der Praxis, erleben viele Kinder und Jugendliche eine strikte Trennung zwischen Vor- und Nachmittag.

Viele Schülerinnen und Schüler merken gar nicht, dass sie an einer Ganztagsschule sind, weil nur die wenigsten von ihnen am Nachmittag in der Schule sind und den Ganztag mitgestalten. Das trifft leider auch für viele Lehrkräfte zu. Seit der beginnenden Diskussion um den Rechtsanspruch gibt es viele Vertreterinnen und Vertreter in Schule, Jugendhilfe und Wissenschaft, die sich nun erstmals in die Diskussion um Qualität einschalten. Ihre Befürchtungen und Ansprüche an Qualität müssen Platz finden und ernstgenommen werden. Sie müssen eine Chance haben, um gute und erfolgreiche Praxis und das bereits stattfindende Ringen um beste Lösungen kennenzulernen.