Lernentwicklungsgespräche

Reden wir mal über deine Schwächen!

Lernentwicklungsgespräche (LEG) ersetzen bereits seit einigen Jahren in vielen Bundesländern das klassische Halbjahreszeugnis. Doch über das 30- bis 45-minütige Gespräch zwischen Eltern, Lehrer und dem jeweiligen Schüler wird viel diskutiert. Pro und Kontra zum Thema LEG.

Eltern und Kind im Zwiespalt
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Dialog statt Monolog

Die Einführung der Lernentwicklungsgespräche wird geradezu euphorisch begrüßt. Lehrer, Schüler und Eltern treten in einen Dialog und tauschen sich über Probleme und Lernfortschritte aus. Ist das pädagogisch wertvoller als eine schriftliche Mitteilung, die im Wesentlichen an die Eltern adressiert ist? Eine Überforderung der Schüler durch diese Gespräche ist nicht zu befürchten, im Gegenteil, so ein Austausch kann sehr hilfreich sein. Ein solcher Austausch sollte aber immer konstruktiv und wertschätzend sein. Kinder können keine gleichberechtigten Partner sein. Sie brauchen Hilfe, Förderung und Unterstüzung in ihrem Lernprozess.

Bessere Kommunikation

Das LEG kann die häufig mangelhafte Kommunikation zwischen Lehrer, Schüler und Eltern aufwerten – und zwar abseits des Unterrichts und weit entfernt von typischen Schüler-Lehrer-Gesprächen, in denen es nur um die Note geht. Es bietet die Chance für ein vertrauliches, individuelles Gespräch, wie es im Schulalltag nur selten zustande kommt. Während des Unterrichts sind solche Gespräche eher zufälliger Natur und natürlich nicht vorbereitet. Nach dem Unterricht handelt es sich dann meistens um Gespräche, in denen lediglich Probleme angesprochen werden.

Ein LEG geht hingegen über reine Krisengespräche hinaus, denn im Fokus steht, wie der Name schon sagt, die individuelle Lernentwicklung des Schülers. Es sollen eine Bestandsaufnahme des Lernstandes und die Planung der weiteren Lernziele erfolgen. Indem die Schüler dabei ihr eigenes Lernentwicklungsziel formulieren und ihre Entwicklungsschritte planen, nehmen sie ihr Lernen selbstständig in die Hand. Die Eigenverantwortung wird gestärkt. Statt Schulnoten, deren konkrete Aussagekraft eher gering ist, stehen im Lernentwicklungsgespräch neben der fachlichen vor allem auch die fachübergreifenden Kompetenzen der Kinder im Mittelpunkt – etwa die Zusammenarbeit mit anderen Schülern oder die Teilnahme am Unterricht.

Selbstanklage des Schülers

Soweit die unbestrittenen Vorteile des Lernentwicklungsgesprächs. Allerdings wird es auch durchaus kritisch gesehen. LEG-Gegner bemängeln, dass kein Gespräch auf Augenhöhe zustande kommen kann, da das Kind zwei Autoritätspersonen gegenübersitzt, die – gewollt oder ungewollt – Druck aufbauen. Es findet quasi eine Selbstanklage des Schülers statt. Auch wenn Schwächen und Stärken gleichermaßen angesprochen werden sollen, überwiegen doch die Schwächen, denn sie gilt es zu beheben. Und welche das beim jeweiligen Schüler sind, weiß dieser ganz genau, hat ihm doch der Lehrer seine Schwächen über das Schuljahr hinweg zum Beispiel durch Noten und das LEG begleitende Zeugnisse mehr als deutlich vor Augen geführt.

Die Konsequenz ist, dass der Schüler die Schuld allein bei sich sucht, wohingegen andere mögliche Ursachen, die nicht in seiner Macht liegen, ausgeblendet werden. Schließlich ist nicht jeder Pädagoge ein guter Pädagoge. Und natürlich weiß der Schüler auch, welche Ansprüche an ihn gestellt werden, die dann am Gesprächsende in einer Lernvereinbarung schriftlich festgehalten, mitunter sogar vom Schüler unterschrieben werden. Studien belegen zudem, dass auch verbale Beurteilungen nicht gegen Verzerrungseffekte immun sind. Das ist jedoch ein grundsätzliches Problem aller Leistungsbewertungen. Dass es jedoch ausgerechnet in einem Gespräch einem Schüler gelingt, solche Effekte im Beisein des Lehrers und der Eltern auszuräumen, ist mehr als fraglich.

Angesichts dieser Kritik ist es kein Wunder, dass Lehrer und Eltern dem LEG skeptisch gegenüberstehen. Es gibt noch zu viele offene Fragen. „Bei vielen Grundschullehrern erlebe ich eine große Unsicherheit, wie Lernentwicklungsgespräche tatsächlich kindgerecht geführt werden können“, sagt Lerncoach- und Lernberatungs-Expertin Hanna Hardeland. Häufig wird die Beratungskompetenz der Lehrer schlicht vorausgesetzt. „Eltern wiederum wissen oft nicht, was sie im Gespräch erwartet“, sagt Hardeland.