Neues Sprechtag-Format bezieht Kinder aktiv mit ein

Lernberatungsgespräche: Vom Feind zum Freund

Immer mehr Schulen, die ihre Schüler als Individuen in den Mittelpunkt stellen, weichen vom tradierten Modell des Elternsprechtags ab: Nicht nur, dass primär die Kinder dazu eingeladen werden – sie sind in den Lernberatungsgesprächen aktive Dialogpartner. Erfahren Sie am Beispiel der Peter Gläsel Schule in Detmold die Vorteile und Ziele dieses neuen Formats

Drei Schüler im Gespräch mit einem Lehrer, der ein Klemmbrett hält
In Gesprächen auf Augenhöhe erhalten die Kinder ein Gefühl für das eigene Lernen. Anwesende Freunde geben Sicherheit und – auf Wunsch – auch Feedback Foto: © pressmaster/stock.adobe.com

Es ist der Klassiker: Eltern und Lehrer treffen sich zum Gespräch in der Schule und reden unter Abwesenheit des Kindes über dessen Lernfortschritte. Übertragen wir das mal auf die Erwachsenenwelt: Ihr Entwicklungsgespräch bei der Arbeit findet ohne Sie statt, obwohl es doch um Ihre Entwicklung geht. Um so eine unfaire Situation zu vermeiden, hat die Peter Gläsel Schule ein anderes Format entwickelt, um gemeinsam mit den Kindern deren Lernfortschritte zu reflektieren: eine Lernberatung für die Kinder und eine „Zeigung“ des Erlernten für die Eltern.

Zwei Schüler im Gespräch mit einem Lehrer
Sprechtag ohne Eltern – geht das? Die Peter Gläsel Schule hat damit gute Erfahrungen gemacht. Auch die Kinder mögen das neue Format, weil sie sich als handelndes, selbst reflektierendes Subjekt wertgeschätzt fühlen Foto: Peter Gläsel Schule

Gemeinsam Gespräche führen

Dabei werden die Kinder selber zu den Taktgebern, wenn es darum geht, ihr Lernen und ihre erworbenen Kompetenzen zu beleuchten. Deswegen finden Entwicklungsgespräche an der Peter Gläsel Schule mit den Schülerinnen und Schülern auch ohne deren Eltern regelmäßig statt, wobei die Kinder selber entscheiden, ob sie dies wollen und wen sie als Unterstützer gern dabei haben möchten. So können durchaus Freunde in den Beratungsgesprächen mit dabei sein, die das jeweilige Kind als Peers unterstützen und durch ihre Anregungen wiederum einen wesentlichen Beitrag zu einem effektiven Lernerfolg leisten.

Ziel: Selbstreflexion

„Die Kinder freuen sich auf die Gespräche“, sagt Josef Köhler, Mitbegründer der Peter Gläsel Schule: „Es sind Gespräche auf Augenhöhe, die es den Kindern ermöglichen, ein Gefühl für das eigene Lernen zu entwickeln und zu entdecken, wo die Talente schlummern und wo die Lernbegleiter noch besser unterstützen können.“ Schulen, die so verfahren, erfüllen eines der dringendsten Bildungsziele für die Zukunft unserer Gesellschaft: Neben dem Erwerb von Basiskompetenzen wie Lesen und Rechnen geht es vor allem darum, dass die Kinder ihr Lernen selbst reflektieren und aktiv steuern, was gemeinhin gern mit der Fähigkeit zu „lebenslangem Lernen“ tituliert wird. Was in den Lernberatungsgesprächen besonders beeindruckt: Die Kinder schätzen sich durchaus realistisch ein. „Unsere Schüler wissen genau, was sie können und was nicht“, erzählt Josef Köhler. „Das macht sie nicht zu Wunderkindern. Allerdings haben sie sehr viel Selbstvertrauen erworben und können ihre Anliegen sehr deutlich und sicher formulieren.“ Die Freunde unterstützen bei der Einschätzung des Lernens – und das äußerst wertschätzend. Der Lehrer bzw. Lernbegleiter sieht seine Rolle eher als Coach und Berater, nicht als Wertender.

Kind steht vor der Klasse und stellt im szenischen Spiel etwas dar
In der Peter Gläsel Schule gibt es vierteljährlich sogenannte Zeigungen: Die Kinder präsentieren in unterschiedlichsten Darstellungsformen – etwa im szenischen Spiel – ihre neu gewonnenen Erkenntnisse. Dem können auch die Eltern beiwohnen Foto: © contrastwerkstatt/stock.adobe.com

Wertschätzung als Basis

Überhaupt läuft an der Peter Gläsel Schule alles über eine gute Beziehung zwischen Lernbegleitenden und SchülerInnen. Für das Team der Peter Gläsel Schule ist diese wertschätzende Haltung die Grundlage eines nachhaltigen Lernens. Ganz nach dem Motto: Lernen geschieht eh von selbst, auf die Qualität der Beziehung kommt es an, alles andere folgt. Das gilt auch für die Kinder untereinander. „Das soziale Lernen passiert automatisch, weil die Kinder untereinander in ganz verschiedene Beziehung treten können“, erläutert Josef Köhler. „Freundschaften und Beziehungen sind extrem wichtig, um soziales Verhalten zu lernen, damit es eingeübt werden kann. Wir fördern diese Möglichkeiten, indem wir keine Klassen haben, sondern jahrgangsgemischte Gruppen, um eine Basis zu haben, von der man in den spannenden Tag starten kann. Wir lernen alle Voneinander und Miteinander, jeden Tag, jedes Kind und jeder Erwachsene.“

Beitrag zum Wohlfühlen

Die Lernberatung ist für die Kinder ein angenehmes Gespräch. Sie empfinden es als „Quality Time“, mit ihrem Lernberater einmal nur über sich sprechen zu können. Auch die Tipps der Freunde, wie sie sich in etwas verbessern können, nehmen sie gern an. Schließlich ist es nicht von oben diktiert, sondern kommt direkt aus der „peergroup“. Natürlich wollen und sollen die Eltern auch wissen, was die Kinder an der Peter Gläsel Schule machen. Deshalb gibt es regelmäßige Gespräche, jederzeit auch auf Wunsch der Eltern. Zusätzlich gibt es vierteljährlich sogenannte Zeigungen. Die Kinder stellen ihr Schaffen in verschiedenen Darstellungsformen vor. Das kann zum Beispiel durch ein Theaterstück, einen Filmbeitrag, Bilder oder etwas anderes geschehen. Die Eltern haben die Möglichkeit, je nach ihren Wünschen, oberflächlich bis tief in die Materie des Lernens Einblicke zu erhalten. Eine Rückmeldung der Kinder ist für die Lernbegleiter besonders bedeutsam. „Wir fragen sie am Anfang einer Lernberatung immer, wie wohl sie sich an der Schule fühlen, in Prozent ausgedrückt. Viele fragen dann: Geht auch 150 Prozent? Und niemand gibt uns weniger als 100.“

Die Peter Gläsel Schule

... in Detmold ist eine private Ersatzschule. Sie ist 2015 als einzügige Grundschule von der Peter Gläsel Stiftung gegründet worden. Mittlerweile lernen hier 83 Kinder in vier jahrgangsübergreifenden Gruppen nach dem PRRITTI-Bildungsmodell, das künstlerisch-kulturelle Bildung unter Beteiligung der Kinder als zentralen Zugang zum Lernen in den Fokus stellt.
https://pg-stiftung.net