Worin unterscheiden sich Babyboomer, die Generation X, Y und Z in der Schule?

Warum verhalten sich Millennials anders als Babyboomer?

Worin unterscheiden sich Babyboomer, die Generationen X, Y und Z in der Schule? Wie können die unterschiedlichen Generationen motiviert werden und besser zusammenarbeiten? Auf Basis soziologischer Forschung schafft das neue Buch „Wie tickst du? Wie ticke ich?“ von Miriam und Nikola Engelhardt Verständnis für die Unterschiede, für typische Werte und Verhaltensweisen, damit die Zusammenarbeit zwischen Menschen unterschied­lichen Alters besser gelingt. Die Autorinnen Miriam und Nikola Engelhardt im Interview.

Wie tickst du? Wie ticke ich? © Hep Verlag

Wie  gelingt  es  in  der  Schule,  trotz  unterschiedlicher  Generationen  (Lehrkräfte,  Schülerschaft), zielführend und erfolgreich zusammenzuarbeiten?

Generationenunterschiede sind ja kein Manko oder Problem. Das kann lediglich der Umgang damit werden. Wenn es hingegen gelingt, durch Wissen um die Unterschiede wirklich Verständnis für die anderen Generationen zu entwickeln und auch die eigene Generationszugehörigkeit zu reflektieren, dann kann daraus eine sehr bereichernde Zusammenarbeit entstehen. Gerade jetzt in der Corona-Zeit, wo Social Media und digitales Lernen plötzlich so wichtig geworden sind, profitieren wir ja immens von dieser Kompetenz der jungen Generation.

Welche neuen Herausforderungen in der Zusammenarbeit von Lernenden und Lehrkräften sehen Sie aktuell durch die Krisensituation rund um das Coronavirus und den über Nacht erforderlich gewordenen digitalen Unterricht? Welche Chancen ergeben sich daraus in der Zusammenarbeit?

Wenn es auch einerseits für die Schülerinnen und Schüler schön ist, keine Schule mehr zu haben, so spüren doch alle die soziale Isolation. Denn Schule ist beides: Lernen und Gleichaltrige treffen. Im digitalen Unterricht gibt es plötzlich nur noch das Lernen. Für selbstdisziplinierte Lernende ist das wunderbar. Für diejenigen, die Ansprache brauchen, Beziehung und Kontakt, ist digitales Lernen sehr schwer. Das erforderliche hohe Maß an Eigenverantwortung ist gar nicht für alle schaffbar.
Daraus resultieren mindestens drei Herausforderungen: erstens die Unterstützung der mittleren und schwächeren Schülerinnen und Schülern. Denn der Abstand zu den Guten wird sich vergrößern, weil nur sie die nötige Eigenverantwortung aufbringen und vermutlich von zu Hause aus auch mehr Unterstützung bekommen können. Zweitens wird es mit digitalem Lernen nicht gelingen, gleich viel Stoff wie im Präsenzunterricht zu vermitteln. Drittens werden viele Kinder und Jugendliche mit sozialer Einsamkeit zu kämpfen  haben.  Denn  ihr  Generationenmerkmal ist, dass sie sich in beiden Welten bewegen, der virtuellen und der realen. Sie brauchen auch ihre Beziehungen und Kontakte in der realen Welt. Hier können für die Größeren doch Wege gesucht werden, Gruppenarbeiten zu ermöglichen. Mittelfristig, wenn die Schulen wieder öffnen, braucht es Lösungen, damit junge Menschen mit gesundheitlichen Risiken nicht ganz den Sozialkontakt verlieren.
Eine  große  Chance  in  der  plötzlichen  Selbstverständlichkeit von digitalem Unterricht kann darin liegen, dass Generation X und  Babyboomer  ihre  Kompetenzen  im  Umgang mit neuen Medien ausbauen und endlich entsprechend Unterstützung darin bekommen.
Eine weitere Chance – ganz unabhängig von neuen Medien – kann der engere Kontakt zwischen Lernenden und ihrer Lehrperson sein. Wenn diese z. B. regelmäßig mit allen  Telefongespräche  ausmacht.  Dann  muss es nicht nur um die Aufgaben gehen, sondern auch darum, wie es den Kindern und Jugendlichen geht, was sie vermissen oder was ihnen guttut in dieser Zeit. Diese Investition in die Beziehung, die so in Ruhe vielleicht im normalen Schulalltag gar nicht stattfinden kann, ist eine schöne Chance.

Was  können  Schulleitungen  unterstützend tun, um die Generationenkompetenz von Lehrpersonen (und ggf. auch von Ler­nenden) zu verbessern?

Generationenkompetenz unterscheidet sich nicht so sehr von anderen Kompetenzen. Zuerst gibt es das Faktenwissen über die typischen Unterschiede zwischen den Generationen. Da könnte eine Schulleitung entsprechende  Weiterbildungen  ermöglichen. Wir vermitteln z. B. zielgruppenorientiert und praxisnah, was man in unserem Buch vertiefend und mit vielen Beispielen nachlesen kann. Wissen allein genügt jedoch nicht. Die Anwendung im Arbeitsalltag will auch geübt sein. Viele unserer Kunden schätzen  regelmäßig  moderierten  Erfahrungsaustausch oder Weiterbildungszyklen mit kleinen Gruppen, in denen gemeinsam Lösungen für konkrete Fälle erarbeitet werden können.
Es ist viel getan, wenn Schulleitungen ihren Lehrpersonen und den älteren Lernenden Lern– und Reflexionsräume für die Generationenkompetenz eröffnen.

Zuletzt noch ein Blick in die Zukunft: Im Buch wird für jede Generation geschildert, wie prägende Erlebnisse in der Kindheit und Jugend sich auf ihr späteres Verhalten, auf ihre Werte usw. auswirken. Können Sie eine Prognose wagen, welche Auswirkungen die aktuelle Situation auf die nächste Generation haben könnte?

Die  umfassenden  Maßnahmen  im  Zusammenhang  mit  Corona  bedeuten  eine Verlagerung von physischen Kontakten auf  elektronische  Medien.  Während  sich  der  typische  Xler  oder  Babyboomer  im  Homeoffice nervös durch die Anleitung der Videokonferenz quält, finden Yler elektronische Medien ziemlich normal. Und Zler genießen mehrheitlich sogar einen Alltag aus Chatten und Chillen.  Eine kleine explorative Umfrage von uns unter Jugendlichen zeigt, dass die Einschätzung bezüglich des Virus über „na ja, etwas nervig“ und „gefährlich ist es ja nur für Alte“ bisher nicht wirklich hinausgeht. Kurzfristig kann die alles entscheidende Frage nach dem „Was bedeutet das für mich?“ von Generation Z also wohl beruhigend beantwortet werden: momentan unbedeutend.
Sollte  dagegen  eine  grausame  Wirtschaftsrezession folgen, dann wird die Soziologie  rückwirkend  Generation  Z  neu  beschreiben müssen. Denn diese gemeinsame Erfahrung wird die jungen Menschen für ihr Leben prägen. Es wird sich darauf auswirken, was ihnen wichtig ist, also ihre Werte, wie sie denken und sich verhalten. Jede Generation möchte glücklich sein. Und auch diese Generation wird eine Antwort auf diese Herausforderung finden. Wir dürfen gespannt bleiben.

„Ich glaub, ich bin krank”

Work-Life-Balance bedeutet für Generation Y auch, die eigene Gesundheit nicht dem Betrieb zu opfern. Bei Babyboomern und teilweise bei Generation X ist es noch selbstverständlich, sich abzuarbeiten und beispielsweise Rückenschmerzen und Abnutzungserscheinungen als selbstverständlich in Kauf zu nehmen. Ab Generation Y wird das anders. So wie sich das Gesundheitssystem geändert hat und vermehrt auf Prävention setzt, sind bei Generation Y Kurzzeitabsenzen normal. Bei aufkeimender Erkältung bleiben sie zu Hause. Sie verstehen dann auch die älteren Generationen nicht, die noch mit 39 ° Fieber oder dem nicht ganz verheilten Kreuzbandriss zur Arbeit kommen, alle anstecken oder den eigenen Heilungsprozess behindern und auf ihre angebliche Leistungsbereitschaft noch stolz sind. Für Generation Y ist das nur dumm.

Diese weit auseinanderklaffenden Lebenseinstellungen führen oft zu Unverständnis. So berichtet eine Teamleitung vom morgendlichen Anruf eines jungen Mitarbeiters, der sagt: „Ich kann heute nicht kommen, ich glaub, ich werde krank“. Der Teamleiter traut seinen Ohren nicht. Seit wann ist Krankheit Glaubenssache? Von außen betrachtet hören wir deutlich beim Y-ler den Präventionsgedanken heraus. Bei aufkeimender Erkältung gleich im Bett bleiben, dann bin ich morgen wieder fit. Der Teamleiter, der akuten Personalmangel hat, wählt einen Mittelweg. Er fragt sehr wertschätzend nach, wie es dem jungen Mitarbeiter so geht, und versucht eine Ferndiagnose. Dann sagt er: „Komm und versuch es, vielleicht geht es ja. Wenn es nicht geht, kannst du am Mittag nach Hause.“ Tatsächlich kommt der junge Mitarbeitende und sein Zustand ist doch besser als gedacht. Er bleibt den ganzen Tag und wird auch die darauffolgenden Tage nicht krank. Die Bitte „Komm und probier es!“ kann eine sehr gute Lösung sein, wenn Unsicherheit besteht, ob sich jemand leichtfertig krankmeldet.