Freizeit- und Unterrichtslektüre: zwei literarische Parallelwelten

U versus E

Was lesen Jugendliche der 8. und 9. Klasse in der Schule und was würden sie gern im Unterricht
lesen? Das Ergebnis einer neuen Studie zeigt: Die Lesevorlieben der jungen Leute und die
schulische Lektüre haben nur wenig miteinander zu tun. Aber geht es darum in der Schule?

Science-Fiction-Romane gehören zu den Favoriten in der Freizeit jugendlicher Leser. Viele wünschen sich, auch im Unterricht mehr darauf einzugehen. ©Sergey Nivens - stock.adobe.com

Wissenschaftlerinnen der Universitäten Hildesheim und Basel haben in Niedersachsen und der Schweiz im Schuljahr 2016/17 jeweils rund 1.100 Acht- und Neuntklässler verschiedener Schularten mit einem Fragebogen zu ihrer privaten und schulischen Lektüre befragt. Zusätzlich wurden jeweils in rund einem Dutzend Klassen der Unterricht beobachtet und die Jugendlichen ausführlich interviewt. Außerdem wurde mit ihren Lehrerinnen und Lehrern gesprochen. Die Ergebnisse der Studie TAMoLi (Texte, Aktivitäten und Motivationen im Literaturunterricht der Sekundarstufe I) wurden schließlich auf der Tagung der Akademie für Leseförderung Niedersachsen Ende 2019 in Hannover vorgestellt.
In der Freizeit lesen Schülerinnen und Schüler danach am liebsten Science-Fiction und Fantasy (42 Prozent), gefolgt von Abenteuergeschichten (38), Krimis und Spionagethrillern (36), Horror- und Gruselgeschichten (35) sowie Comics (35). In der Schule würden sie am liebsten Science-Fiction, Krimis, Comics und Horrorgeschichten lesen.
Tatsächlich stehen im Deutschunterricht politische und gesellschaftskritische Texte (84 Prozent) an der Spitze, danach kommen Bücher über Probleme von Jugendlichen (36), moderne Romane (28), klassische Literatur (27) und historische Stoffe (25) – alles Inhalte, die bei der Freizeitlektüre nicht mal von jedem fünften Befragten genannt werden. Umgekehrt kommen die Lieblingsstoffe der Jugendlichen mit Ausnahme der Abenteuergeschichten im Unterricht kaum(Science-Fiction, Krimis) oder gar nicht (Horror, Comics) vor.
Allerdings gibt es deutliche Unterschiede bei den befragten Mädchen und Jungen. Jungen würden in der Schule am liebsten über die Lektüre sprechen, der sie auch zu Hause die meiste Zeit widmen: vor allem Comics, gefolgt von Science-Fiction und Fantasy. Mädchen lesen in ihrer Freizeit in erster Linie Science-Fiction und Fantasy sowie Liebesgeschichten. Im Unterricht steht bei ihren Wünschen Science-Fiction und Fantasy an der Spitze, während sie dort keinesfalls Liebesromane behandeln möchten, sondern politische und gesellschaftskritische Stoffe als ihre Nummer zwei angeben.

Parallelen zwischen Niedersachsen und der Schweiz

Bei den Titeln gehören bei den niedersächsischen Schülerinnen und Schülern – in dieser Reihenfolge – „Harry Potter“, „Gregs Tagebuch“, „Tschick“ und „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ zu den Favoriten. Bei den Altersgenossen in der Schweiz stehen die ersten beiden Titel ebenfalls an der Spitze. In der Schule wird in Niedersachsen in dieser Altersstufe vor allem der Jugendroman„Tschick“ gelesen, gefolgt von „Die Welle“, „Löcher“, „Der unvergessene Mantel“, „Abby Lynn“ und „Das Tagebuch der Anne Frank“. In den Schweizer Schulen gibt es folgende Rangfolge: „Die Welle“, „Tschick“, „Der Besuch der alten Dame“, „Der Richter und sein Henker“, „Kleider machen Leute“ und „Der Junge im gestreiften Pyjama.“

Literaturkanon nicht mehr wichtig

„Die Vielzahl der von den Lehrern angegebenen Titel ist heute viel größer als früher. Ein festgelegter Kanon von Büchern, den alle kennen müssen, ist heute nicht mehr so wichtig“, sagt Irene Pieper, Professorin für Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik der Uni Hildesheim. Damit bezieht sie sich auf eine Untersuchung zum Lese- und Medienverhalten von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern in Bayern und Sachsen, die Klaus Gattermaier 1999 im Rahmen seiner Dissertation realisiert hatte. Damals stand bei der Schullektüre mit weitem Abstand Theodor Storm („Der Schimmelreiter“) an der Spitze, gefolgt von Gottfried Keller („Kleider machen Leute“) und Carl Zuckmayer („Der Hauptmann von Köpenick“). Auch vor 20 Jahren sahen die Lieblingstitel der Schülerinnen und Schüler ganz anders aus: „Akte X“, „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von Christiane F. und „Es“ von Stephen King.

Auch nach Geschmack darf entscheiden

Nach welchen Kriterien bestimmen Lehrkräfte, was im Literaturunterricht gelesen wird? An den niedersächsischen Gymnasien sind der Lehrplan und die Ratschläge von Kollegen entscheidend, auch das vermutete Interesse der Schüler ist von größerer Bedeutung. Auf Letzteres wird an Hauptschulen am meisten Wert gelegt, aber auch die Begeisterung der Lehrkraft für ein bestimmtes Buch oder gute Erfahrungen mit einem Stoff im Unterricht werden häufig genannt. Vorschläge von Jugendlichen spielen bei der Auswahl von Autoren und Titeln an allen Schularten so gut wie keine Rolle.
Dazu erklärt Birgit Lönne, Gruppenleiterin beim Ernst Klett Verlag: „Die Frage für Lehrkräfte ist ja immer: Was ist das Ziel und die Aufgabe, die sich mit dem Lesen einer Lektüre verbindet? Ist das bekannt, lässt sich mit älteren Schülern etwa an ‚Der Besuch der alten Dame‘ absolut Spannendes und hochgradig Gegenwart verhandeln. Letztlich hängt die Wahl des Lesestoffes davon ab, wie man was anpackt als Lehrkraft und auch als Verlag. Die Mischung macht’s“, ist sie überzeugt, da viele Interessen und Geschmäcker zum Zuge kommen sollen.

Graphic Novels – etwa der Klassiker „Maus“ oder die „Zamonien“-Geschichten von Moers/Biege – können auch leseferne Schüler zur Beschäftigung mit Literatur motivieren © Fischer Verlage, Knaus

Lehrplanvorgabe: Buchvorstellung, Lesevortrag, Lesenacht

„Wir fragen uns, warum an den Schulen die Leseanimation nur selten Thema ist“, sagt Andrea Bertschi-Kaufmann, Privatdozentin an der Uni Basel für Deutsche Philologie. Damit meint sie, dass Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler nur selten individuelle Lektürevorschläge machen. Vielleicht auch kein Wunder, denn die Lehrerinnen und Lehrer wissen oft nicht, was die Jugendlichen zu Hause lesen. „Eine Hürde dürfte sein, dass sich Lehrkräfte ihnen fremde Ganzschriften erst einmal didaktisch erarbeiten müssen, was einige tun, aber was bei vollem Stundenkontingent auch extrem aufwendig ist“, meint dazu die Vertreterin des Verlags. „Deshalb bieten wir zu aktuellen Büchern passende Unterrichtshilfen und Stundenblätter an, um es den Lehrkräften einfacher zu machen.“
Die Forscherinnen gingen auch der Frage nach, wie sich die bisherigen PISA-Studien auf den Deutschunterricht auswirken. Da PISA vor allem Defizite beim Verstehen und Lesen von Texten ausgemacht hatte, wurde vermutet, dass in den Schulen der Schwerpunkt auf Sachtexte gelegt wird, um die Lesekompetenz zu erhöhen. Dies könnte zu Lasten der Beschäftigung mit fiktionalen Texten gehen, die eher als Beitrag zur Persönlichkeitsbildung gelten. Tatsächlich sagen die befragten Deutschlehrer an Gymnasien, dass beides gleich wichtig sei, während ihre Kollegen an den
Hauptschulen das Leseverstehen anhand von alltagsbezogenen Texten für wichtiger halten.

Neue Zugänge zum Lesen

Es geht auch anders – davon ist die Grundschullehrerin und Literaturdidaktikerin Annette Wagner überzeugt. Sie leitete auf der Tagung den Workshop „(Bild)Lesekompetenz und literarisches Lernen“. Wagner sieht Comics und Graphic Novels als eigene Kunstform an, die zahlreiche Zugänge zu Themen wie Lesekompetenz, literarische Kompetenz, Medienkompetenz, ästhetische Bildung sowie kommunikative und soziale Kompetenz ermöglichen. „Die visuellen Informationen unterstützen das Textverstehen und -lesen. Es wird die Angst vor großen Textumfängen genommen und die große Motivation trägt dazu bei, dass Leseabbrüche verhindert werden“, sagt Wagner und fügt hinzu: „Buchferne Kinder und Jugendliche können durch ihre Erfahrung mit Zeichentrickfilmen besser erreicht werden.“

Simone Gollek ist Lehrerin für Deutsch und Religion an der IGS Langenhagen. Sie weiß aus Erfahrung, dass Fantasytitel wie „Der Herr der Ringe“, „Harry Potter“, Twilight“ oder „Die Tribute von Panem“ in ihren Klassen auf großes Interesse stoßen. „Die ‚Tribute von Panem‘ lesen wir ab der 9. Klasse. Viele kennen es zumindest vom Titel und die Motivation ist groß, es zu lesen“, sagt Gollek. Sie betont, dass es dabei nicht darum geht herauszufinden, wer die besten Nerven hat: „Wir lesen das nicht des Gruselns wegen, sondern um darüber zu sprechen, wie man Angst aushalten und überwinden kann.“

Für den Mediendidaktiker Volker Pietsch von der Uni Hildesheim geht die Beschäftigung mit Science-Fiction und Fantasy im Unterricht über die Frage der Motivation hinaus: „Beim Lesen und Hören entwickeln Schüler ein Gefühl für die Wirkung solcher Texte. Sie können erkennen, mit welchen Techniken Spannung erzeugt wird und dies beim Schreiben selber anwenden, wobei sie unterschiedliche Perspektiven einnehmen.“ Das teilt auch Birgit Lönne, bedauert allerdings: „Graphic Novels, Comics oder ‚Harry Potter‘ sind Gegenstand von Schülermaterialien, wenn auch nur in geringem Umfang. Das liegt daran, dass der Rechteerwerb leider stark eingeschränkt ist.“