Gewalt gegen Lehrkräfte

Nicht zählen – nicht handeln

Gewalt in der Schule ist nicht nur zwischen Schülerinnen und Schülern ein Problem. Auch Lehrerinnen und Lehrer sind häufig Opfer: Sie werden beschimpft, bedroht, gemobbt oder sogar geschlagen. Eine Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) entlarvt das Märchen vom Einzelfall.

Ein Jugendlicher zeigt seiner Lehrerin den Stinkefinger.
Gewalt in der Schule ist nicht nur zwischen Schülerinnen und Schülern ein Problem. Auch Lehrerinnen und Lehrer sind häufig Opfer. Foto: © hikdaigaku86/stock.adobe.com

Die Zahlen sind erschreckend: In den vergangenen fünf Jahren gab es an fast der Hälfte aller allgemeinbildenden Schulen (48 Prozent) psychische Gewalt gegen Lehrkräfte, an jeder fünften Cybermobbing (20 Prozent). An jeder vierten Schule (26 Prozent) wurden Lehrkräfte sogar körperlich angegriffen. So das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Das Meinungsforschungsinstitut forsa hatte Anfang 2018 1.200 Schulleiterinnen und Schulleiter an allgemeinbildenden Schulen gefragt, ob und welche Art der Gewalt es an ihrer Schule gegen Lehrkräfte gegeben habe und ob sie die angegriffenen Lehrkräfte ausreichend unterstützen konnten.

Unterschiede zwischen Schularten

Besonders häufig wurden Lehrerinnen und Lehrer nach Aussagen der Schulleitungen an Haupt-, Real- und Gesamtschulen beschimpft, beleidigt und bedroht (59 Prozent). Doch auch an Grundschulen sind Beleidigungen und Drohungen offenbar an der Tagesordnung: 46 Prozent der Schul- leiterinnen und Schulleiter berichten darüber. An Gymnasien sind es dagegen „nur“ 33 Prozent.

Besonders häufig wurden Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen körperlich attackiert: Jede dritte Grundschulleitung berichtet, dass es in den vergangenen fünf Jahren Angriffe gab. An Gymnasien (4 Prozent) und auch an Haupt-, Real- und Gesamtschulen (12 Prozent) sind körperliche Übergriffe seltener. An diesen Schulformen kommt dafür Cybermobbing öfter vor. Jede dritte Schulleitung berichtet, dass Lehrerinnen und Lehrer im Internet belästigt, beschimpft, bedroht oder genötigt wurden. Dass Cybermobbing in Wirklichkeit häufiger vorkommt, lässt eine Befragung (Herbst 2016) von fast 2.000 Lehrinnen und Lehrern vermuten: „Die Lehrkräfte sagten deutlich öfter als Schulleitungen, dass es Mobbing über das Internet gab. Daraus ist abzuleiten, dass nicht jeder Konflikt an die Schulleitung herangetragen wird – aus welchen Gründen auch immer“, erklärt der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann.

Der Ton ist auch – oder gerade – an Schulen rauer geworden. Manches ist offenbar so normal, dass man nicht darüber spricht. Außerdem ist die Scham, über solche Vorfälle zu sprechen, hoch. Körperliche Angriffe lassen sich dagegen in der Regel nicht verheimlichen – sie werden häufiger gemeldet oder müssen sogar angezeigt werden.

Wenig Rückhalt vom Dienstherrn

Bei psychischer Gewalt, also bei Beleidigungen, Bedrohungen und Cybermobbing, fühlen sich Lehrerinnen und Lehrer laut Befragung häufiger allein gelassen als bei physischer Gewalt. Nur 62 Prozent der befragten Lehrkräfte wurden laut Umfrage ausreichend durch die Schulleitung unterstützt, nach einem körperlichen Angriff waren es immerhin drei Viertel. Dagegen meinen 87 Prozent der befragten Schulleitungen, dass es ihnen in den allermeisten Fällen gelungen sei, ihre Kolleginnen und Kollegen in Fällen von Gewalt ausreichend zu unterstützen. Wenn es nicht gelang, lag es nach Meinung der Schulleitungen vor allem daran, dass die Schülerinnen und Schüler uneinsichtig (63 Prozent) bzw. die Eltern nicht kooperationswillig (59 Prozent) waren.

Dass sich das zuständige Ministerium des Themas nicht ausreichend angenommen hat, beklagt jede dritte Schulleitung, dass die Meldung von Vorfällen zu bürokratisch und zeitaufwendig organisiert ist, meinen immerhin 22 Prozent. 21 Prozent der befragten Schulleiterinnen und Schulleiter befürchten, dass die Meldung von Vorfällen dem Ruf der Schule schadet. Und jede/r Zehnte hat den Eindruck, dass die Meldung von Vorfällen von den Schulbehörden nicht gewünscht wird.

Problem wird ignoriert

Das bestätigt eine Anfrage des VBE Bundesverbandes und der Landesverbände im September 2017. Die Kultusministerien wurden gefragt, ob sie Statistiken zu Vorfällen von Gewalt gegen Lehrkräfte führen und ob diese öffentlich zugänglich sind. Eine in allen Bundesländern einheitliche Regelung gibt es nicht. Vier Länder antworteten bis Ende April 2018 nicht auf die Anfrage. Während in Berlin tätliche Übergriffe und Beleidigungen – und zwar mündlich, schriftlich und in elektronischen Medien – erfasst werden, ist dies in Hessen und Thüringen nur bei besonders herausragenden Ereignissen oder besonderen Vorkommnissen der Fall. Fünf Länder führen keine Statistik; trotzdem werden Angriffe auf Lehrkräfte mitunter als Einzelfälle abgetan. In den Kultusministerien wird, so der VBE, das Problem ignoriert oder kleingeredet.

„Neben schwierigen Schülerinnen und Schülern und deren Eltern ist das größte Problem der fehlende Rückhalt aus Verwaltung und Politik“, erklärt Udo Beckmann.

„Wer keine Statistik führt, kann die Augen davor verschließen, dass noch viel mehr Maßnahmen und wichtige Entlastungen der Schulleitungen notwendig wären, um bessere Präventionsarbeit leisten zu können und im Falle eines Falles optimal zu unterstützen. Wenn die Meldung von Vorfällen möglichst bürokratisch organisiert wird, zum Beispiel mehrere Meldebögen ausgefüllt und an verschiedene Stellen geschickt werden müssen, behält man recht, weil längst nicht alle Fälle angezeigt werden. Das hat Methode!“

Kommentar der Redaktion: Denunzieren und einschüchtern: die neue Dimension der Gewalt

Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) versucht in immer mehr Kommunen, mittels Online-Plattformen Schüler/in- nen und ihre Eltern als Denunzianten einzuspannen. Sie sollen dort Lehrkräfte anschwärzen, die nach ihrer Ansicht die Politik der AfD im Unterricht verunglimpfen. Dabei schiebt die Partei vor, dass diese Lehrkräfte das Gebot der Neutralität brächen und deshalb zur Räson gerufen werden müssten. Eben von aufrechten Deutschen, wenn der Dienstherr das schon nicht macht.

Einmal mehr tritt die AfD damit als Anwalt der Entrechteten auf, als Partei der zu Unrecht Gescholtenen, die sich (im besten wutbürgerlichen Sinn) gezwungen sieht, zu Mitteln der Selbstjustiz zu greifen. Dass sie ein Klima der Angst schaffen und dafür Schüler und Eltern als „Blockwarte“ missbrauchen will, ist an Niedertracht eigentlich kaum mehr zu überbieten.

Doch die AfD geht noch weiter. Ihre Attacken gegen „linksversiffte Indoktrinierer“ spielt sie auch rechtsradikalen Medien wie dem Online-Portal „PI-News“ zu. Aus den User-Kommentaren zu Artikeln über missliebige Schulen, Schulleiter und Lehrer brechen ungebremst Beleidigungen, Hass und Gewaltaufrufe hervor. So geschehen etwa im Herbst 2018, als die AfD in Hildesheim (Nds.) eine Hetzkampagne gegen den Leiter der dortigen Robert-Bosch-Gesamtschule, René Mounajed, lanciert hatte.

Das Netz aus rechtsradikalen Communities, Medien und der AfD als ihrem politischen Arm dürfen wir nicht länger tolerieren. Denn es gehört zu unserem pädagogischen Auftrag, unsere Schülerinnen und Schüler auch vor der ideologischen Gewalt des braunen Mobs zu schützen.

Üben wir uns also in Zivilcourage. Es steht nicht weniger auf dem Spiel als Freiheit und Demokratie.

Markus Hofmann, Redaktion bildungSPEZIAL

Märchen vom Einzelfall

Der VBE fordert, dass Statistiken zur Gewalt gegen Lehrkräfte geführt und von den Kultusministerien veröffentlicht werden. Vorfälle müssen unbürokratisch gemeldet werden können, Betroffenen schnelle Hilfe und volle Unterstützung des Dienstherrn erhalten. „Die Bildungsministerien müssen weg vom Märchen vom Einzelfall. Alle müssen an einem Strang ziehen, die Lehrer müssen sich auf die Rückendeckung des Arbeitgebers verlassen können“, betont Udo Beckmann.

Nötig sind multiprofessionelle Teams mit Schulpsychologen, Schulsozialarbeitern und weiteren Fachkräften, die die Lehrkräfte unterstützen. Außerdem sollten Lehrkräfte besser auf Konfliktsituationen vorbereitet werden – im Studium und durch entsprechende Fortbildungsangebote.

Das Tabu brechen

Was kann ich tun, wenn ich angegriffen wurde? Gibt es Präventionsangebote? An wen kann ich mich wenden? Diese und andere Fragen werden in der Broschüre „Das Tabu brechen – Gewalt gegen Lehrkräfte“ beantwortet. Neben den Ergebnissen der vom VBE in Auftrag gegebenen forsa-Umfrage „Gewalt gegen Lehrkräfte“ enthält sie einen ausführlichen Serviceteil für Lehrkräfte mit Interviews der Rechtsexperten der VBE Landesverbände zur Frage „Was passiert, wenn was passiert? – bei psychischer Gewalt, bei Cybermobbing und bei körperlichen Angriffen“.

Die Broschüre steht hier zum Download bereit