Mobbing ernst nehmen und konsequent dagegen vorgehen

Mobbing? Keine Chance!

Die Schule ist für viele Kinder und Jugendliche kein sicherer Ort. Nach einer Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erleben 60 Prozent aller Schülerinnen und Schüler dort Ausgrenzung, Hänseleien oder sogar körperliche Gewalt; ein Viertel fühlt sich nicht sicher. Erfahren Sie hier, wie aus Ärgern Mobbing wird und was Lehrkräfte und Schulen dagegen tun können

Schüler sitzt alleine an seinem Handy und sieht traurig aus
Mobbing macht einsam – und oft auch krank Foto: © Leonid - stock.adobe.com

Mobbing erkennen

Mobbing oder die moderne Variante Cybermobbing ist an vielen Schulen Alltag. „Es gibt nur ganz wenige Klassen, in denen es kein Mobbing oder keine Mobbingstrukturen gibt“, meint Sven Fritze, Gründer und erster Vorsitzender des Vereins Helden e. V. Der Verein bietet unter dem Titel „Heldenakademie“ an Schulen Workshops gegen Mobbing und Rassismus an – vorbeugend oder in Akutsituationen, wenn Schülerinnen und Schüler mobben oder gemobbt werden. Mobbing ist mehr als Hänseln, Streitereien und vorübergehendes Ausgrenzen unter Kindern und Jugendlichen. Mobbing zieht sich über eine längere Zeit hin und hat für die Opfer gravierende Folgen. Trotzdem schweigen sie mitunter lange – aus Scham oder weil sie nicht glauben, dass die Erwachsenen sie ernst nehmen oder ihnen helfen können.

Kein Schutzraum

Lehrkräfte merken oft gar nicht, wenn ein Schüler oder eine Schülerin gemobbt wird. Denn im Internet-Zeitalter findet Mobbing nicht mehr (nur) in der Schule statt: Über Social Media werden Gerüchte in Sekundenschnelle verbreitet – weit über das schulische Umfeld hinaus. Die Opfer haben ihren Schutzraum verloren; die Täter haben rund um die Uhr Zugriff auf sie. Eine neue herabwürdigende Nachricht kann jederzeit kommen. Außerdem sehen die Täter nicht, dass ihr Opfer leidet und was sie anrichten – und sie machen weiter, weil ihre Taten ja scheinbar folgenlos bleiben. „Es ist wie ein Drohnenangriff“, meint Sven Fritze. Umso wichtiger ist es, allen Beteiligten bewusst zu machen, was in der Klasse ab- und schiefläuft.

Schüler stapeln Kisten in einem Hochseilgarten
Gemeinsam hoch hinaus: Das erfordert Mut und stärkt das Gemeinschaftsgefühl Foto: © Helden e. V.

Phasen des Mobbings

  • Mobbing verläuft (fast) immer in drei Phasen: In Phase eins, der Testphase, prüft der Tatverantwortliche, welche Mitschülerinnen und Mitschüler sich als Opfer eignen und wie die Klasse sich verhält, wenn diese Person angegriffen wird. „In dieser Phase lässt sich Mobbing am besten verhindern oder unterbinden“, betont Sven Fritze. Wehrt sich das Opfer, solidarisieren sich die Mitschülerinnen und Mitschüler mit ihm oder schreitet ein Lehrer ein, endet der Mobbingversuch oft schnell – und es gibt im besten Fall keinen weiteren.
  • Wird der Angriff nicht gestoppt, schart der Täter in der Konsolidierungsphase „Assistenten“ um sich, die beim Mobbing mitmachen. Die „Claqueure“ beklatschen das Verhalten, finden es cool und bilden das Publikum, das der Mobber braucht und wünscht. Manche Mitschüler versuchen in dieser Phase noch, das Opfer zu verteidigen, andere schweigen und halten sich raus. „Die Klasse befindet sich jetzt an einem Scheideweg. Es kommt darauf an, wer sich durchsetzt“, sagt Sven Fritze.
  • In der Manifestationsphase ist praktisch die ganze Klasse am Mobbing beteiligt – im schlimmsten Fall machen sogar Lehrkräfte mit. „Alle wissen, dass gemobbt wird, machen mit oder sind sich einig, dass das Opfer selbst schuld ist. In dieser Phase ist es sehr schwierig, das Mobbing zu beenden, aber es ist mit professioneller Hilfe möglich“, weiß Sven Fritze aus Erfahrung. Wenn es zu (Cyber-)Mobbing gekommen ist, muss schnell gehandelt werden. „Wir untersuchen in Akutsituationen den Vorfall mit den Lehrkräften und beziehen die ganze Klasse ein. Ziel ist, die Geschädigten zu schützen und in der Klasse eine Atmosphäre zu schaffen, in der es keine weiteren Mobbingangriffe mehr gibt.“

Tapetenwechsel hilft

Mindestens drei Tage sollen Workshops gegen Mobbing dauern, damit genügend Zeit für Experimente und Reflexion bleibt. Sie sollten möglichst nicht in der Schule stattfinden – vor allem nicht, wenn es einen Mobbingfall gegeben hat. „In der Schule gehen meist die emotionalen Schutzklappen hoch – bei Tätern und bei Opfern“, so Sven Fritze. Weil die Jugendlichen in einer anderen Umgebung oft aufnahmebereiter sind, bietet der Verein in Zusammenarbeit mit Jugendherbergen Klassenfahrt-Programme gegen Cybermobbing und Rassismus an. Beim gemeinsamen Aufenthalt in der Jugendherberge erleben die Trainerinnen und Trainer auch, wie die Schülerinnen und Schüler in der freien Zeit miteinander umgehen – und lassen diese Erkenntnisse in das Programm einfließen.

Erlebnispädagogik und sozialpsychologische Experimente

Die Helden-Workshops verbinden erlebnisorientierte Outdooraufgaben, sozialpsychologische Experimente und die Arbeit am Normen- und Werterahmen der Gruppe. Sie beginnen meist mit erlebnispädagogischen Elementen; während des gesamten Workshops werden Gruppengefühl und Zusammenhalt immer wieder durch gemeinsame Aufgaben und Mutproben gestärkt: So müssen die Gruppen beispielsweise gemeinsam ein Seil überqueren, ohne dass jemand es berührt. Oder alle Schülerinnen und Schüler schwingen an einem Tau über einen „Lavasee“. Nur wenn die ganze Klasse mithilft, ist gewährleistet, dass jede/r das rettende Ufer erreicht. „Erlebnispädagogische Elemente spielen bei der Mobbingprävention und  -aufarbeitung eine große Rolle, sie sind aber kein Allheilmittel“, weiß Sven Fritze. Mindestens ebenso wichtig ist es, die Kinder und Jugendlichen für die Prozesse zu sensibilisieren, die zu (Cyber-)Mobbing und anderen dissozialen Verhaltensweisen führen. Denn schon das Wissen, wie Menschen in bestimmten Situationen reagieren, kann das eigene Verhalten beeinflussen – und verhindern, dass eine Situation eskaliert und in Mobbing ausartet.

Schülerinnen und Schüler arbeiten in einem Workshop gemeinsam an einem Projekt
Wie lösen wir das Problem? Während des Workshops wird Teamwork gefördert Foto: © Helden e. V.

Verhaltensmuster identifizieren

Deshalb sind sozialpsychologische Experimente fester Bestandteil der Workshops. „Beim Asch-Konformitätsexperiment merken die Kinder und Jugendlichen beispielsweise, wie leicht sich Menschen – auch sie selbst – vom Gruppenurteil beeinflussen lassen und dann auch gegen ihre eigene Überzeugung handeln“, nennt Sven Fritze ein Beispiel. Bei der Abwandlung des berühmten Stanford-Prison-Experiments des Psychologieprofessors Philip Zimbardo teilen die Trainer die Schülerinnern und Schüler willkürlich in zwei Gruppen: Die Polizisten haben die Aufgabe, die Sitzblockade der Demonstranten aufzulösen. Nach einer Weile werden dann die Rollen getauscht. „Im Nachhinein erschrecken die Jugendlichen oft, wenn sie merken, wie radikal sie gegen ihre Klassenkameraden vorgegangen und wie sehr sie in ihrer Rolle aufgegangen sind“, sagt Sven Fritze. Und sie erkennen bei der Reflexion, wie willkürlich es ist, wer gemobbt wird. „Jede/r kann Mobbingopfer werden“, davon ist Fritze überzeugt. „Mal sind es die falschen Klamotten, mal liegt es einfach daran, dass sich jemand anders verhält.“ Ziel der Workshops ist es, dass in der Klasse jeder so akzeptiert wird, wie er ist.

Lehrkräfterat gegen Mobbing

Damit das gelingt, erarbeiten Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte gemeinsam Werte und Normen, die ihnen wichtig sind – und die für alle in der Klasse gelten sollen. Und sie lernen in Rollenspielen und praktischen Übungen, wie sie sich verhalten können, wenn jemand die Regeln für ein respektvolles Miteinander missachtet. „Regelmäßige Feedbacks sind wichtig, auch oder gerade im Schulalltag“, betont Sven Fritze. Die Schülerinnen und Schüler sollten regelmäßig Gelegenheit haben, z. B. in einer Art Klassenrat über das Klima in der Klasse zu sprechen – darüber, was ihnen gefallen hat und was für sie problematisch war. Außerdem sollten Mobbing, Cybermobbing, Ursachen und Folgen in allen Klassen Unterrichtsthemen sein. Informationen über Mobbing in der Klasse – ob von den Betroffenen selbst oder von Mitschülern – müssen Lehrkräfte auf jeden Fall ernst nehmen. Und sie müssen klarmachen, dass sie Mobbing nicht dulden. „Wir haben mit einigen Schulen einen Lehrkräfterat gegen (Cyber-)Mobbing eingeführt. Der wird bei jedem Mobbingfall aktiv und schreibt einen Brief an die Eltern des Täters oder der Täterin“, berichtet Sven Fritze. Die Eltern werden über den Vorfall informiert und über die Sanktionen, die bei weiterem Fehlverhalten drohen – im schlimmsten Fall eine Anzeige und/oder ein Schulverweis. Dieses Vorgehen hat sich bewährt. „Es ist deutlich wirksamer, wenn die Konsequenzen transparent sind, als wenn in jeder Situation eine Einzelfallentscheidung getroffen wird“, sagt Sven Fritze. Vom konsequenten Vorgehen gegen Mobbing profitieren seiner Erfahrung nach alle. „Das Klassenklima und auch das Unterrichten sind deutlich entspannter.“

Opfer und Täter nehmen Schaden

Nicht nur die Mobbingopfer, auch die Täter leiden nach einer Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) unter den Angriffen. Sie neigen eher zu Alkohol- und Tabakkonsum, berichten häufiger von psychosomatischen Beschwerden und haben eher Probleme mit ihrem sozialen Umfeld. Dr. Anett Wolgast und Dr. Matthias Donat haben für ihre Studie Daten der Weltgesundheitsorganisation verglichen. Im Rahmen einer Studie waren etwa 3.000 Jugendliche aus Deutschland, den USA und Griechenland zu ihrem Leben befragt worden. Etwa neun Prozent der Jungen und Mädchen haben wiederholt physische oder psychische Angriffe durch ihre Klassenkameraden erlebt. Jungen und Mädchen konsumieren ähnlich häufig Alkohol und rauchen, wenn sie Opfer von verbalen oder körperlichen Angriffen sind. Mädchen neigen etwas mehr zum Internalisieren von Problemen, sie bekommen also etwa Bauch- oder Kopfschmerzen. Sowohl Täter als auch Opfer berichteten über ähnliche Probleme mit ihrem Umfeld: Es fiel ihnen schwer, mit Freunden oder Klassenkameraden zu sprechen. Zudem haben Täter und Opfer das Gefühl, wenig Unterstützung aus ihrem Umfeld zu erhalten. Präventionsmaßnahmen sollten, so die Forscher, daher darauf abzielen, den Dialog zwischen Schülerinnen und Schülern und damit das Klassenklima zu verbessern – zum Beispiel durch Regeln, die eine Klasse selbst für sich aufstellt. (RED/MLU)

Quelle: "Klassenfahrt gegen Mobbing" von Eva Walitzek, bildung spezial 2/2019, S. 32-34.


Weitere Informationen:
http://www.helden-ev.de/