So übersetzen Sie Ihr Leitbild, um die Schule ins digitale Zeitalter zu führen

Leitbilder im 21. Jahrhundert

Wie können Sie die Digitalisierung im Leitbild der Schulen erfolgreich implementieren? Drei Experten verraten im Interview, wie Schulen sich im digitalen Zeitalter auf ihr Leitbild besinnen und fragen: Ist unsere Pädagogik noch angemessen für das 21. Jahrhundert?

Personen sitzen um einen Tisch herum und schreiben Ideen auf
Um das Leitbild der Schule ins digitale Zeitalter zu bringen, braucht es Zusammenarbeit. So schaffen Sie es, die ganze Schule in das Leitbild einzubeziehen. Foto: StockSnap / pixabay

Die Experten

Das „Erleben“ pädagogischen Leitsätze in der Schule im Sinne der 21st Century Skills wird vor allem durch das Erkennen des Leitbilds erreicht. Die Schule hat dafür Sorge zu tragen, dass vereinbart ist, wem die Revisionsverantwortung des Leitbilds übertragen wird, denn nur ein aktuelles Leitbild bietet Orientierungsfunktion. Es wird so zur obersten Prämisse, um sich darüber klar zu werden, was wir mit einer Digitalisierung an unserer Schule überhaupt erreichen wollen und können. Genau zu diesem Themenkomplex haben wir drei Pädagogen zu ihren Visionen und Perspektiven befragt.

Andreas Froberg

Andreas Froberg ist der Leiter des Medienzentrums der Stadt Bremerhaven und verantwortlich für den Ausbau der IT-Infrastruktur an den Schulen. Nach dem Referendariat war er 20 Jahre Lehrer an der Paula-Modersohn-Schule in Bremerhaven. Dort gestaltete er die Umwandlung zur Gesamtschule und deren Leitbildentwicklung mit.

Katja Möhring

Katja Möhring ist Lehrerin an einer Grundschule in Greven und seit 25 Jahren in der Fortbildung tätig (Deutsch, Kooperatives Lernen, Hochbegabung, Medien). Als Medienberaterin im Kompetenzteam in Steinfurt berät sie Schulen bei der Gestaltung zeitgemäßer Bildung und unterstützt sie bei der (Weiter-) Entwicklung ihrer Medienkonzepte.

Klaus Ramsaier

Klaus Ramsaier ist Rektor an einer Realschule in Altensteig und seit zehn Jahren in Schulleitungsfunktion tätig. Er studierte Bildungsmanagement an der Päd. Hochschule in Ludwigsburg, ist seit 1990 in Computer- und Medienentwicklungsprozessen aktiv, Multimedia- und Netzwerkberater und Apple Teacher.

Welche Bedeutung kommt Ihrer Meinung nach dem Leitbild einer Schule heute und in der Zukunft des 21. Jahrhunderts zu?

A. Froberg: Nach wie vor ist das Leitbild einer Schule deren Aushängeschild nach außen, wie nach innen. Nach außen erkennbar und nachvollziehbar, nach innen als Orientierung aller in der Schule tätigen, die im Leitbild formulierten Ziele anzustreben und zu leben. Kinder und Jugendliche erscheinen zunehmend wenig an Vorgaben und Werten orientiert. Das Leitbild ihrer Schule kann und sollte ihnen diese Orientierung geben und im Idealfall auch deren außerschulisches Leben beeinflussen.

K. Möhring: Ein Leitbild, als eine intern vereinbarte Selbstbeschreibung der übergeordneten Ziele einer Schule, ist ein wichtiger Ausgangspunkt für das Lernen in digitalen Zeiten. Die Ziele bilden einen Anker in Zeiten grundlegenden Wandels, in Zeiten, in denen immer schnellere Innovationsschübe Anpassung und Veränderung auch in der Schule erfordern. Was müssen Kinder heute lernen, damit sie morgen in der Welt klarkommen? Ein Aspekt ist sicherlich, dass das lebenslange Lernen eine wesentliche Grundqualifikation in der heutigen und zukünftigen Gesellschaft ist. Ein Leitbildprozess legt aber nicht nur für die Lernenden Ziele fest, sondern stellt für alle Beteiligten einen wichtigen Reflexions- und Lernprozess dar. 

K. Ramsaier: Das Leitbild ist der Motor und das Stiefkind jeder Schule in unserer Zeit. Allzu oft gerät es aber auch schnell wieder in Vergessenheit, verstaubt in einer Ecke und drängt sich nur noch selten in den Vordergrund. Das Leitbild sollte dabei die Richtschnur des Handelns sein. In solch unruhigen Zeiten wie den unseren, strömen ständig neue Anforderungen auf die Schulen ein. Es ist schwierig, ohne ein Leitbild, dabei den Kurs zu halten. Das Leitbild kann der Kompass sein, der uns dabei auf Kurs hält, Orientierung bietet und hilft Umwege zu vermeiden.

Welcher Vorgehensweise bedarf die optimale Verankerung des Leitbilds? Inwiefern betrifft das Leitbild das Wirken aller an Schule Beteiligten?

A. Froberg: Ein Leitbild sollte in der Schule sichtbar sein, möglichst an einem Ort, an dem jeder täglich vorbeikommt. Idealerweise wird es nicht nur in Sätzen formuliert, sondern visualisiert z. B. in Form eines Baumes oder einer Pflanze. Sprachlich muss es so formuliert sein, dass auch die jüngsten Kinder einer Schule dies verstehen oder es muss für sie durch verständliche Symbole verstehbar sein. Ein Leitbild bedeutet Konsequenz. Sonst ist es nur ein Blatt Papier, das schnell seine Bedeutung wieder verliert. Vor allem Lehrkräften sollte dies bewusst sein, denn gerade in Bezug auf das Leitbild leben sie diese Vorbildfunktion.

K. Möhring: Damit das Leitbild spürbare Wirkungen entfalten kann und von allen Beteiligten gelebt wird, ist der Entstehungsprozess entscheidend. Der Prozess der Leitbildentwicklung wird immer verbunden sein mit einer Wertediskussion und der Entwicklung einer Vision. Häufig verläuft der Prozess vom Konkreten zum Abstrakten und mündet in einem Motto oder Leitsatz. Aus den Leitsätzen werden Leitziele in den verschiedenen Bereichen zugeordnet. Diese Leitziele werden mit konkreten Aktivitäten beschrieben. Entsprechend werden hier auch Leitziele und Aktivitäten für ein Medienkonzept abgeleitet. Um es nach innen dauerhaft zu kommunizieren und zu leben, müssen grundlegende Personal- und Teamstrukturen aufgebaut werden. Die verbindliche und vereinbarte Zusammenarbeit in Jahrgangsteams, klare Absprachen in Fachkonferenzen und Festlegungen in schulinternen Lehrplänen sind dabei wesentliche Faktoren. 

K. Ramsaier: Das Leitbild muss von der ganzen Schulgemeinde gemeinsam initiiert, entwickelt und beschlossen werden. Es muss sich im täglichen Handeln wiederfinden, muss beständig erneuert und gelebt werden. Auch die Schüler und ihre Eltern müssen mindestens einmal im Jahr an diesem Vorgang beteiligt werden. Dies kann sowohl in einem Rückblick auf ein zu Ende gehendes Schuljahr erfolgen, den Start eines neuen Schuljahres begleiten. Die wichtigste Aufgabe kommt der Schulleitung zu. Sie muss die verschiedenen Anspruchsgruppen zusammenhalten und darf dabei den Blick auf das Leitbild nicht verlieren. Die Kollegien tragen dieses Leitbild nach außen. Zu den Schülern, den Eltern und den Partnern, wenn dies auch zugleich Aufgabe der Schulleitung ist. Die Lehrkräfte stehen aber in vorderster Reihe. Leben Sie die zentralen Begrifflichkeiten des Leitbilds nicht vor, infizieren sie die Jugendlichen nicht.

Wie sieht für Sie der Prozess der selbstorganisierten und selbstverantworteten Entwicklung eines Leitbilds und eines daraus resultierenden Medienkonzepts aus? Was ist Voraussetzung für diesen Prozess?

A. Froberg: Voraussetzung für die Entwicklung eines Leitbildes ist für mich, die Bereitschaft aller, ein Leitbild entstehen zu lassen und sich darauf einzulassen, mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Wenn neue Lehrkräfte, MitarbeiterInnen und SchülerInnen an eine Schule mit Leitbild kommen, müssen diese das Gefühl bekommen, in eine bereits begonnene Entwicklung einzusteigen. Ich würde mir wünschen, dass neue KollegInnen nicht nur mit ihrem Stundenplan und curricularen Aufgaben empfangen würden, sondern zuerst mit dem Leitbild der Schule und der Aufforderung, sich damit auseinanderzusetzen, sich darin wiederzufinden und Vorschläge dazu zu machen. Ein Medienkonzept muss zu diesem Leitbild passen. Kinder und Jugendliche erlernen nicht nur fachliche Qualifikationen, sondern erwerben Kompetenzen, die sie brauchen, um sowohl im Berufsleben als auch im Privatleben bestehen zu können. Der Nutzung von Medien kommt in diesem Lernprozess eine immer stärker werdende Bedeutung zu.

K. Möhring: Medienkompetenz als übergreifende Schlüsselkompetenz und Kulturtechnik ist ein wesentlicher Faktor bei der Gestaltung von Bildung in digitalen Zeiten. Über ein isoliertes Medienkonzept wird aber keine Implementierung digitaler Medien in schulische Lehr-Lernprozesse gelingen. Vielmehr muss dies als Schulentwicklungsaufgabe gedacht werden. Ausgehend vom Leitbild der Schule, werden medienpädagogische Leitfragen entwickelt und entsprechende Maßnahmen verabredet, die wiederum in Schulentwicklungsprozessen verankert sind. Neben der Schulleitung übernehmen Medienbeauftragte hier eine wichtige Aufgabe. Im weiteren Prozess ist neben den bisherigen Faktoren von Schulentwicklung (Personal-, Organisations- und Unterrichtsentwicklung) auch der Bereich der Technologieentwicklung mitzudenken. Als Teil der Schulentwicklung werden technische Ressourcen dann gemeinsam und schulweit geplant und eingesetzt, Mediencurricula sinnvoll eingebettet entwickelt. Kooperationspartner werden als fünfte Säule im Prozess in den Blick genommen. Außerschulische Partner, wie Medienzentren, Bibliotheken oder Träger der Kinder- und Jugendhilfe, können Beiträge zum Lernen anbieten, welche zum Medienkompetenzrahmen passen. Entscheidend für den nachhaltigen Kompetenzerwerb der Schülerinnen und Schüler ist dann eine konzeptionelle Verankerung digitaler Medien in schulische Lehr- und Lernprozesse in systematischer Form über alle Fächer und Jahrgangsstufen einer Schule. 

K. Ramsaier: Soll das Leitbild auch der Grundstein eines nachhaltigen Medienkonzepts sein, dann muss sich die Schulgemeinde zuerst die Frage stellen, was mit einem Medienkonzept eigentlich erreicht werden soll. Dies wurde uns besonders deutlich, als wir dieses Jahr am Apple Education Leadership Summit in London teilnahmen. Warum wollen wir das, was wir tun wollen, denn eigentlich tun? Erfolgt diese Zielbestimmung nicht, ist dies gerade im Bereich der Medienbildung besonders gefährlich. Schnell folgt Trend auf Trend, App auf App, Hype auf Hype. Ohne ein Ziel rennt man ständig aktuellen Strömungen hinterher und das Konzept wird beliebig, unerkennbar und gesichtslos. Ist die Grundkonzeption erst einmal erkannt und institutionalisiert, können Chancen und Risiken erkannt, Konzepte und Inhalte ausgewählt und die Fortbildung der Lehrkräfte und Lernenden angegangen werden.

Wie kann ein leitbildabhängiges Medienkonzept Schule verändern?

A. Froberg: Das Selbstverständnis, ein Leitbild vor Augen zu haben und danach zu lernen und sich zu verhalten, führt, wenn man es konsequent sieht, zu einer grundsätzlichen Veränderung der Schule. Das davon abhängige Medienkonzept unterstützt diese Veränderungen, bei zunehmender Bedeutung der Nutzung von Medien im Unterricht. Eine Schule gegen Gewalt und Rassismus lebt dieses auch in der Mediennutzung. In einer Schule für Akzeptanz und Unterstützung anderer, darf Cybermobbing kein Problem sein.

K. Möhring: Ein leitbildabhängiges Medienkonzept stellt grundlegende und umfassende Überlegungen zum Lernen im 21. Jahrhundert an. Schon jetzt werden digitale Medien an vielen Schulen genutzt, um Lerninhalte anschaulicher zu vermitteln und Übungen, adaptiv angelegt, motivierender und mit Feedback ausgestattet anzubieten. Wenn man das "Was" und das "Wie" des Lernens in den Blick nimmt, ist wieder das Leitbild gefragt. Im Kern geht es um die Dimensionen Wissen, Fähigkeiten, Charaktereigenschaften und Meta-Lernen. Fähigkeiten (vor allem diejenigen des sog. 4K-Modells) sind immer untrennbar mit Inhalten verbunden. Wissen wird weiterhin wichtig bleiben, muss aber mit den drei anderen Dimensionen gedacht werden. Es wird deutlich, dass bei der Entwicklung eines Medienkonzeptes letztlich immer auch die Frage nach einem grundlegenden Bildungsverständnis in den Blick genommen werden muss.

K. Ramsaier: Ich bin mir sicher, dass darin die größte Chance eines leitbildabhängigen Medienkonzepts verborgen liegt – eine Schule langfristig und nachhaltig zu verändern. Sind die oben geschilderten Vorbedingung erfolgreich umgesetzt, setzt ein „Zauber“ ein. So haben wir dies zumindest an unserer Schule erlebt. Das Verhältnis zwischen Lehrkräften und Lernenden ändert sich nachhaltig. Vielfach ist eine „Demokratisierung“ des Lernens zu erkennen. Aus Belehrung wird gemeinsames Erarbeiten. Aus Wissensvorsprung wird Kooperation. Aus Austeilen wird Zusammentragen. Diese Veränderung als Lehrkraft zu erleben ist befreiend. Und auch die Schülerinnen und Schüler erleben dieses kleine Wunder. Ein gemeinsames Arbeiten auf ein gemeinsames Ziel hin. Es sind nicht die üblichen Experten, nicht die oftmals Klassenbesten die glänzen können. Es sind vielfach gerade die Lernenden, die sonst keine schulischen Erfolgserlebnisse erleben dürfen. Nicht zuletzt ihre strahlenden Gesichter machen alle vorherigen Mühe wieder mehr als wett.