Visionen, Impulse und Erfahrungsberichte

Leitbildentwicklung einer Schule im digitalen Zeitalter

Das "Lernen lernen" in einer digitalen komplexen Welt gleicht einer Expedition: Wir müssen bereit sein, andere Wege zu beschreiten. Die Anforderungen des 21. Jahrhunderts bringen uns unweigerlich dahin, dass jede Schule ein aktuelles Leitbild braucht, um Lehr-, Lern-, Raum- oder Medienkonzepte inklusiv und ganzheitlich abzuleiten.

Schüler sitzen um einen Tisch herum und schreiben Ideen auf ein Blatt Papier
Es gilt nicht nur, mehrere Blätter Papier zu füllen, sondern auch den jüngsten Lernenden ein Bild der eigenen Schule zu vermitteln. Bestenfalls entwickeln Schulen das Leitbild sogar mit den Schülern gemeinsam. Foto: Edvin Johnsson/unsplash

Eine Schule - ein Leitbild

Jede Schule braucht ein Image – ein Versprechen, das erkennbar und erlebbar ist. Ein Verständnis von sich selbst, das sich an den Vorstellungen von einer guten Schule orientiert und sich somit an den pädagogischen Grundüberzeugungen, den schulischen Gegebenheiten und den systemischen Rahmenbedingungen orientiert.

Jede Schule braucht ein Leitbild, mit dem sich alle Beteiligten identifizieren können, das partizipativ erstellt, gelebt, regelmäßig überprüft und ggf. angepasst wird, auf das die innovativen Vorhaben des Schulprogramms Bezug nehmen. Ein Leitbild fasst in wenigen Sätzen die übergeordneten richtungsweisenden, pädagogischen Ziele der Einrichtung zusammen.

Übersetzung des Leitbilds ins 21. Jahrhundert

Aktuell müssen die pädagogischen Ziele des Leitbilds den neuen Herausforderungen von Bildung im 21. Jahrhundert angepasst werden. Maschinen übernehmen immer mehr Arbeiten und lösen den Menschen in vielen Bereichen ab. Um mit dieser fortschreitenden „Übernahme“ nicht in einen Wettkampf zu treten, darf der Unterricht nicht mehr nur auf der reinen Vermittlung von Wissen basieren. Was sollten die Kinder verinnerlicht haben, damit sie, in der sich schnell verändernden digitalisierten Welt, selbstbewusst und selbstbestimmt ihr Leben meistern können?

Alibaba-Gründer Jack Ma bringt es bei diesen Gedanken auf den Punkt: Alles, was wir unseren Kindern beibringen, muss sich von dem unterscheiden, was Maschinen können – unseren Schülerinnen und Schülern muss etwas viel Bedeutenderes mit auf den Weg gegeben werden, wie beispielsweise Werte, Überzeugung, unabhängiges Denken, Teamwork […] – wir können Kindern nicht beibringen, mit Maschinen zu konkurrieren.

21st Century Skills

Die pädagogischen Ziele und Wertvorstellungen des Leitbilds einer Schule können sich an den 21st Century Skills orientieren, da diese ein zukunftsorientiertes Rahmenkonzept bieten. Es beschreibt die vier Kernkompetenzen des 4K-Modells:

  • Kritisches Denken,
  • Kreativität,
  • Kommunikation und
  • Kollaboration,

Flankiert wird das Modell von Charaktereigenschaften und einem Wissenskanon von für das Leben bedeutendem Wissen, die nur gemeinsam die Säulen für lebenslanges Lernen sind (Abb.1).

Abb. 1: World Economic Forum, New Vision for Education (2015) Übersetzung: Redaktionsbüro Education

Die Infografik bietet einen guten Referenzrahmen für Schulen zur Überprüfung des schuleigenen Leitbilds und den daraus abgeleiteten Konzepten zur Schul-, Unterrichts- und Personalentwicklung sowie dem Medienkonzept der Schule. Ging es bisher vorrangig um das Sammeln von Wissenspunkten, um eine bestimmte Leistung zu erreichen, kommt es in der digitalen Welt zu einer qualitativen Weiterentwicklung des Unterrichts, da das kreative und kritische Lernen in den Fokus gerückt wird – Fakten, Prozesse und Entwicklungen werden eingeordnet, verknüpft, bewertet und hinterfragt.

Der Weg zum Leitbild

Jede Schule sollte die pädagogischen Ziele ihres Leitbilds im Sinne ihres individuellen Schwerpunkts schärfen:

  • z.B. MINT-starke Schule,
  • Schule mit künstlerisch-kulturellem Schwerpunkt,
  • Starke Schule,
  • Umweltschule,
  • Schule mit integrativem Schwerpunkt.

Dabei kann es orientierend sein, die 21st Century Skills Punkt für Punkt für den Abgleich mit dem bestehenden Leitbild der Schule heranzuziehen. So kann Veränderungsbedarf hinsichtlich Schul-, Unterrichts- oder Personalentwicklung oder auch den Medienentwicklungsplan ermittelt werden. Vielleicht mit dem Ergebnis, dass das Wecken von Neugierde oder die Förderung der Anpassungsfähigkeit, – Bereiche aus den Charaktereigenschaften des Modells der 21st Century Skills, – in den Fokus rücken.

Passende Leitsätze finden

Für Schulen, die bislang ohne jegliches Leitbild ihren Weg meistern, wird die Infografik bei der Findung der eigenen Leitsätze eine große Hilfe sein. So gilt es für jede Schule zu überprüfen, welche Leitsätze pädagogischen Handelns sie in das Leitbild aufnehmen will und kann. Ob die schulischen Rahmenbedingungen, beispielsweise die Ausstattung der Räume, sowie die systemischen Rahmenbedingungen, wie das Zeitbudget der Lehrerinnen und Lehrer, mit dem Leitbild im Einklang stehen. Oder ob sich Konsequenzen beispielsweise für die Schulentwicklung ableiten.

Zusammenarbeit führt zu gemeinsam gelebten Werten

Das „Erleben“ dieser pädagogischen Leitsätze in der Schule im Sinne der 21st Century Skills wird ergänzt durch die „Präsenz“ – das Erkennen – des Leitbilds. Dabei gilt es nicht, nur mehrere Blätter Papier zu füllen, sondern auch den jüngsten Lernenden ein Bild der eigenen Schule zu vermitteln. Noch besser: Mit ihnen zusammen das Leitbild der Schule für jeden sichtbar und bestenfalls auch jederzeit veränderbar, beispielsweise durch Symbole, zu visualisieren und in einer prägnanten, einfachen Sprache zu formulieren – vielleicht auch nur mit einzelnen plakativen Worten, wie dem der Kreativität in einer musisch-künstlerisch ausgerichteten Schule.

Leitbild sichtbar machen

Auch die externe Veröffentlichung des Leitbilds wird von der Schule hinterfragt: bieten sich Flyer, die Homepage, Einpflegen in das Schulprogramm, das Jahrbuch an? Schule hat dafür Sorge zu tragen, dass vereinbart ist, wem die Revisionsverantwortung übertragen wird, denn nur ein aktuelles Leitbild bietet Orientierungsfunktion. Das Leitbild wird so zur obersten Prämisse, um sich darüber klar zu werden, was wir mit einer Digitalisierung an unserer Schule überhaupt erreichen wollen und können.

Genau zu diesem Themenkomplex haben wir drei Pädagogen zu ihren Visionen und Perspektiven befragt: Lesen Sie hier das Interview.