Mit Herz und Seele

Lehrer sind Psychologen, Seelsorger und Lebensbegleiter

Alyse: Mein Bruder liegt im Sterben

„Ich war Klassenleiter in einer 9. Klasse mit 31 Schülern. Ein Mädchen mit türkischen Wurzeln, Alyse, war in letzter Zeit sehr traurig. Dennoch wusste ich zunächst nicht, warum. Eine Ethikkollegin gab mir den Hinweis, dass der Bruder von Alyse schwer erkrankt sei und dass sie das ziemlich stark belasten würde. Auch mehreren ihrer Freundinnen in der Klasse würde es sehr zusetzen. Was sollte ich tun?

Zunächst sprach ich mit Alyse allein und erfuhr, dass ihr älterer Bruder, auf dem die Hoffnungen der ganzen Einwandererfamilie ruhten, seit zwei Jahren Krebs habe und jetzt im Sterben liege. Ihre ganze Familie sei deshalb in tiefer Sorge, ja in Panik. Einige Kameradinnen in der Klasse wüssten bereits Bescheid über die Situation ihres Bruders, viele aber nicht. Dies belaste mittlerweile auch ihre Freundinnen und einige andere in der Klasse würden bereits über sie tuscheln. Daraufhin fragte ich sie, ob sie ihre Situation im geschützten Raum der Klasse ansprechen wolle. Dies bejahte sie ausdrücklich.

Also verzichtete ich am nächsten Tag auf den Fachunterricht und sagte, dass Alyse ein großes Problem habe, sie dieses jedoch jetzt selbst erzählen wolle und die Klasse um Verständnis dafür bitte. Sofort entstand in der Klasse eine Atmosphäre von Betroffenheit und gespannter Aufmerksamkeit. Ich bat nun Alyse, möglichst konkret von ihrer Situation zu Hause zu erzählen. Eine Freundin hielt ihr während der Erzählung die Hand. Alyse sagte unter Tränen, dass ihr geliebter Bruder im Sterben liegen würde und dass sie große Angst um ihn habe. Sie wisse gar nicht, wie sie damit umgehen und wie dies in ihrer Familie verarbeitet werden solle. Ihre Erzählung dauerte knapp zehn Minuten. Danach dankte ich Alyse öffentlich für ihren Mut. Erst jetzt fiel mir auf, dass weitere zwei Jungen und drei Mädchen ebenfalls zu weinen begonnen hatten. Was war los mit ihnen? War ihnen womöglich die Situation ihrer Mitschülerin so unter die Haut gegangen?

Dann bat ich die Klasse, dass jeder, der möchte, sich zu Alyse äußern sollte. Dazu verwendete ich einen sogenannten „Sprechball“. Wer den Ball hatte, war dran und konnte etwas sagen. Alle anderen mussten dann schweigen. Wer nichts sagen wollte, konnte den Ball auch kommentarlos weitergeben. Bis auf einen Jungen äußerten sich alle Klassenmitglieder nacheinander. Viele drückten dabei Alyse einfach ihr Mitgefühl aus und dankten ihr für ihren Mut, sie über so etwas Persönliches in ihrer Familie informiert zu haben. Andere wünschten ihr viel Kraft, die ganze Situation durchzustehen.

Aber es passierte noch etwas: Zehn Mädchen und Jungen bekannten, dass sie der Fall von Alyse zugleich an Todesfälle oder Situationen schwerer Erkrankungen in ihrer eigenen Familie oder in ihrem engsten Freundeskreis erinnern würde. Ein Junge erzählte, welche Ängste er vor einer Operation zwei Jahre zuvor ausgestanden hatte. Ein Mädchen weinte, weil sie an den tödlichen Verkehrsunfall eines engen Freundes vor einem Jahr erinnert wurde. Mehrere mussten durch Alyses Erzählung an den Tod ihrer Großeltern denken.

Es entstand eine so dichte Atmosphäre wie sonst nie in der Klasse. Alle hörten einander mit großer Aufmerksamkeit und Würde zu und gaben Alyse bestärkende Worte mit. Selten habe ich eine Klasse so offen und mitfühlend miteinander erlebt wie diese. Auch ich als Lehrer war betroffen und berührt zugleich und war froh, dass ich den Mut gehabt hatte, diese Stunde zu ermöglichen. Sie hätte auch schief gehen und ganz anders verlaufen können.

Vier Wochen nach dieser Stunde starb Alyses Bruder. Sie blieb darauf eine Woche lang zu Hause. Mehrere Mitschüler nahmen an der Beerdigung teil. Als Aylse wieder zum Unterricht kam, war sie in Trauer, aber dennoch gefasst. Ich glaube, die Stunde vier Wochen zuvor hat sehr dazu beigetragen, dass Alyse und ihre Klasse mit dieser belastenden Situation besser umgehen konnten.“

Reflexion

Mir ist klar, dass die soeben geschilderte Schulstunde trotz des traurigen Anlasses etwas Besonderes für die ganze Klasse war. Solch eine persönliche Begegnung zwischen Schülern und Lehrer und zwischen den Schülern untereinander ist vermutlich die Ausnahme. Aber sie ist möglich. Voraussetzung dafür war die Bereitschaft der betroffenen Schülerin, der Klasse klipp und klar von der Situation ihres Bruders zu erzählen. Vermutlich herrschte in der Klasse schon vor dieser Stunde eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts und Vertrauens. Leicht könnte so eine Stunde sonst in Peinlichkeit abgleiten.

Der Lehrer hatte offensichtlich solch eine gute Stellung in der Klasse, dass er jederzeit Herr der Situation blieb. Er ging bewusst ein Risiko ein. Ihm war klar, dass es besser war, alles auf den Tisch bringen zu lassen, selbst, wenn Alyse dies vielleicht sehr schwer fiel. Dafür bekam sie dann die Solidarität und das Mitgefühl all ihrer Klassenkameraden. Zugleich ermöglichte ihre Offenheit, dass auch andere Mitschüler von ihrer Trauer erzählen konnten.

In dieser Stunde war der Lehrer als Mensch, als Psychologe, als einfühlsamer Seelsorger und als Lebensbegleiter gefragt. Mit all den „weichen“ Kompetenzen, die einen guten Pädagogen erst ausmachen.

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