Mit Herz und Seele

Lehrer sind Psychologen, Seelsorger und Lebensbegleiter

Sylvia – das traurige Mädchen

„Ich unterrichtete Sylvia im Fach Englisch in der 9. Klasse. Sie war eine gute Schülerin, die in der Regel engagiert mitarbeitete. Zum Halbjahr fielen ihre Leistungen in schriftlichen Arbeiten jedoch unerwartet in den Keller. Zudem meldete sie sich überhaupt nicht mehr und wirkte meistens ziemlich traurig und bedrückt. Als sie in der nächsten Schulaufgabe die Note Fünf bekam, bat ich sie nach der Stunde, kurz da zu bleiben. Ich frage sie, was mit ihr los sei. Da begann sie zu weinen: Ihre Eltern hätten sich bereits vor einem Jahr getrennt und sie vermisse ihren Vater immer mehr. Aber ihre Mutter würde nicht wollen, dass sie denVater öfter treffe.

Etwa vier Wochen später kam der Vater, ein Ingenieur, in die Sprechstunde zu mir, um sich über den Leistungsstand seiner Tochter Sylvia zu erkundigen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass er sich sehr um seine beiden Töchter – um Sylvia und ihre jüngere Schwester – kümmern und wesentlich mehr Geld für sie zahlen würde, als er laut Unterhaltstabelle zahlen müsste. Dennoch verhindere seine Ex-Frau einen regelmäßigen Kontakt zu seinen Töchtern. Wie er aus den seltenen Treffen mit seinen Töchtern erfahren konnte, würde er von seiner Ex-Frau bei ihnen nur schlecht gemacht.

Zwei Wochen später tauchte dann die Mutter, die offensichtlich von dem Besuch ihres Ex-Mannes erfahren hatte, ebenfalls in meiner Sprechstunde auf. Sie erkundigte sich gar nicht erst nach dem Leistungsstand ihrer Tochter, sondern ließ sofort eine richtige Wuttirade über den Vater von Sylvia los. Sie teilte mir mit, dass sie gerade gerichtlich versuchen würde, das alleinige Sorgerecht zu bekommen, weil der Einfluss des Vaters für ihre Tochter angeblich verheerend sei. Diesen Eindruck hatte ich jedoch bei dem Besuch des Vaters nicht bekommen – ganz im Gegenteil. Er kümmerte sich wirklich rührend um seine Tochter, seine Bemühungen wurden aber von seiner Ex-Frau sehr behindert und regelrecht torpediert.

Ich teilte Sylvia danach mit, dass ihre beiden Eltern nacheinander bei mir in der Sprechstunde gewesen seien. Dies war ihr aber schon bekannt, da ihre Mutter zu Hause fast von nichts anderem mehr sprach. Gegen ihre Mutter konnte sie offensichtlich nicht ankommen, sie war in den Rosenkrieg ihrer Eltern geraten, dem sie ohnmächtig ausgeliefert war. Im Unterricht war sie völlig in sich versunken und sagte gar nichts mehr. Sie tat mir furchtbar leid.

Daraufhin bat ich die Mutter erneut in die Sprechstunde zu mir und teilte ihr schonungslos mit, welch schlimme Auswirkungen der Rosenkrieg der Eltern auf Sylvia hätte und dass sie ihr als Mutter den Vater doch nicht vorenthalten könne. Die Beziehung zwischen ihr und ihrem Ex-Mann sei das eine, die Beziehung von Sylvia zu ihren beiden Eltern das andere.

Zunächst musste ich mir von der aufgebrachten Mutter jedoch einige wütende Äußerungen anhören – etwa, dass ich doch gar keine Ahnung hätte, wie schlimm ihr Ex-Mann wirklich sei. Ich bekam also eine gehörige Portion Wut und Aggression der Mutter ab. Ich versicherte ihr dann, dass ich mich in keiner Weise in die Beziehung zwischen ihr und ihrem Ex-Mann einmischen wolle, dass ich aber erlebe, wie schlecht es Sylvia ging. Dies mache mir große Sorgen. Ich bat die Mutter daher, ihren Konflikt mit ihrem Ex-Partner hintanzustellen.

Zum ersten Mal hatte ich jetzt das Gefühl, mit diesem Argument die aufgebrachte und energische Mutter überhaupt erreichen zu können. Sie begann, nachdenklich zu werden, und teilte mir mit, dass auch sie sich schon Sorgen um Sylvia machen würde. Ich bat sie nochmals eindringlich, Sylvia den Kontakt zu ihrem Vater zu erlauben und ihn nicht im Beisein der Töchter schlecht zu machen.

Bald darauf ging das Schuljahr zu Ende. Aufgrund der guten Leistungen im ersten Halbjahr schaffte Sylvia die Klasse gerade noch und wurde in die nächst höhere Klasse versetzt. Ich hatte sie im folgenden Schuljahr nicht mehr im Unterricht. Von Kollegen konnte ich jedoch erfahren, dass es Sylvia offensichtlich wieder besser ging.“

Reflexion

Solch ein Fall ist heutzutage leider keine Ausnahme. In manchen Klassen lebt bis zu einem Drittel der Schüler bei nur einem Elternteil, weil die Eltern getrennt sind. Das ist Realität.

Die Probleme und Verhältnisse der Eltern können nicht unsere Sache als Lehrer sein. Wir sind aber dann damit konfrontiert, wenn sich die Eltern, wie im vorliegenden Fall, in einem Rosenkrieg befinden und die Kinder dies ohnmächtig ertragen müssen und verständlicherweise sehr darunter leiden. Kinder wollen in den meisten Fällen einen guten Kontakt zu beiden Eltern haben. Wenn sie dauerhaft von einem Elternteil getrennt sind, empfinden dies manche Schüler wie als „halben Tod“ dieses Elternteils. Betrachtet man das Verhalten der involvierten Lehrerin, so hat sie meiner Ansicht nach vieles richtig gemacht, obwohl sie ein Risiko eingehen musste. Sie hatte offensichtlich ein Gespür für ihre Schülerin: Sie konnte wahrnehmen, dass es Sylvia nicht gut ging. Daher sprach sie das Mädchen an und bekam die wichtige Information über das Getrenntsein ihrer Eltern und das Verhalten ihrer Mutter. So war die Pädagogin vorbereitet, als zuerst der Vater und dann die Mutter zu ihr in die Sprechstunde kamen.

Entscheidend war, dass sie nicht Partei für Vater oder Mutter ergriff, sondern dabei immer die Situation von Sylvia im Blick behielt. Beim zweiten Treffen mit der Mutter tat sie das einzig Richtige: Sie sagte ihr, dass Sylvia von dem Rosenkrieg der Eltern belastet würde und Kontakt auch zum Vater wünsche. Sie ergriff also eindeutig Partei für die Schülerin. Dies war ein Risiko, denn sie bekam zunächst Aggressionen der Mutter ab. Trotzdem konnte sie ruhig und klar bleiben. Das bewirkte schließlich ein Umdenken bei der Mutter. Ich kann an dieser Stelle nur meinen großen Respekt vor dieser Kollegin bekunden.

Der folgende Fall ist wohl kniffliger. Schüler wünschen sich, dass ihr Lehrer auch empathisch ist, sie wollen im Lehrer vor allem einen mitfühlenden Menschen vor sich haben. Dies kann der folgende Fall recht eindrucksvoll belegen, den mir ein Münchner Lehrerkollege – ebenfalls unter Änderung aller Namen – kürzlich geschildert hat: