Hildesheimer Gesamtschule engagiert sich für Toleranz und Vielfalt – und lässt sich dabei nicht von braunen Hetzern entmutigen

Keinen Dialog scheuen

Populisten und Rechtsextreme nehmen immer mehr Personen des öffentlichen Lebens ins Fadenkreuz – auch Schulleiter und Lehrkräfte. Viele schüchtert das ein. Doch das sollte es nicht, wie René Mounajed, Leiter der Hildesheimer Robert-Bosch-Gesamtschule (RBG), betont. Wie er und seine Schule auf den Druck von rechts reagieren und warum jede Schule Haltung zeigen sollte, erläutert er in unserem Interview.

Der Kern ihres Bildungsauftrages, die Erziehung zu Frieden, Toleranz und Völkerverständigung, ist in Schulleben und Projekten der RBG allgegenwärtig. HANUSCHKE

Herr Dr. Mounajed, wie kam es zu den Anfeindungen durch die Hildesheimer AfD und rechtsextreme Portale?

Die RBG ist seit mehr als 30 Jahren eine UNESCO-Projektschule und stellt die Ziele der Friedenserziehung, der Menschenwürde, Völkerverständigung, Toleranz und Gleichberechtigung in den Mittelpunkt ihrer pädagogischen Arbeit. Da sich die UNESCO-Gedanken wie ein roter Faden durch die Bildungsarbeit unserer Schule ziehen, nahmen wir im Herbst 2018 an einer Fotoaktion der Niedersächsischen UNESCO-Schulen namens #wirsindmehr teil. Die Schulen wollten gegenüber den rechtsextremen Vorfällen in Chemnitz Solidarität mit den betroffenen Menschen vor Ort ausdrücken.
Unsere Teilnahme an dieser Aktion ging durch die lokale Tagespresse. Ende 2018 kam es dann neben vielen positiven Rückmeldungen leider auch zu rechtsextremistischen und fremdenfeindlichen Angriffen auf unsere Schule. Auslöser dafür war eine Anfrage der AfD-Fraktion im Stadtrat Hildesheim an den Oberbürgermeister, die mir als Schulleiter durch diese Foto-Aktion „politische Indoktrinierung Minderjähriger“ vorwarf und meine Absetzung forderte. Die Behörden ermittelten; die Vorwürfe seitens der AfD erwiesen sich als haltlos. Als die Hildesheimer Presse schließlich das Verhalten der AfD kritisch hinterfragte, ergoss sich ein rechtsradikaler Shitstorm über die Schule und über mich als Person. Die Täter konnten aber nicht ermittelt werden.
Wir als Schulgemeinschaft sahen es so: Die AfD hat in ihrem Schreiben eine UNESCOAktion, die im Zeichen der Toleranz undVielfalt stand, als fragwürdig und politisch indoktrinierend erachtet, Rechtsextreme haben die Schulgemeinschaft beleidigt. Wo dies geschieht, wird unser Rechtsstaat angegriffen, werden unsere Kernwerte hinterfragt.

Daher haben wir uns als Schulgemeinschaft dazu entschlossen, ein deutliches Zeichen für Toleranz und Vielfalt zu setzen, um so eine Stärkung des Demokratieverständnisses zu bewirken. Wir haben als Schulen die Aufgabe, unseren Schülern zu zeigen, dass Wegschauen keine Alternative ist. Deswegen organisierte unsere Schulgemeinschaft als Reaktion ein dreitägiges Toleranzfestival.

Dazu später mehr. Sehen Sie es als Pflicht der Schulen, gegen antidemokratische, fremdenfeindliche Strömungen Position zu beziehen?

Auf jeden Fall, denn solche Aktionen verletzen das Grundgesetz, das in Artikel 1 mit den Worten „Die Würde des Menschenist unantastbar“ ein eindeutiges Statement setzt. Jenseits dieses Satzes stoßen wir auf willkürliche Gewalt und Respektlosigkeit – und wir verlieren alles, was uns in der Demokratie lieb und teuer geworden ist: Rechtsstaatlichkeit, Schutz, Vertrauen, Perspektiven und Kultur. Schüler sollten in allen Schulen überall auf der Welt zur Mündigkeit erzogen werden. Sie sollten wissen, dass das Leben in einer Demokratie sowie die bedingungslose Anerkennung der Menschenwürde nicht selbstverständlich sind – und dass es auch ihrer Haltungen und Aktionen bedarf, sie zu schützen.
Menschen, die Opfer von rassistischen und fremdenfeindlichen Aktionen geworden sind, brauchen starke Demokraten an ihrer Seite, die ihnen Vertrauen schenken und sie stärken. In meinem Fall ist das sehr gelungen: Die Schulgemeinschaft der RBG, die Politik in Stadt und Land, zahlreiche Bürger und alle Schulleiter in Stadt und Region haben sich deutlich mit mir solidarisch erklärt und so gezeigt: „Greifst du ihn an, greifst du uns alle an.“ Das hat mich sehr gestützt. Doch viele Mitmenschen erhalten solche Hilfe nicht. Hier müssen wir alle achtsamer hinsehen und mehr stärken, sonst verlieren wir das Vertrauen dieser Menschen und schließlich diese Menschen selbst. Auch das müssen Schüler wissen. Hinzu kommt, dass rechtsradikales, rassistischen Gedankengut in allen Fällen jeder realistiischen Grundlage entbehrt. Als „Stammtischparolen“ werden diese Thesen nicht selten betitelt. Solche Aussagen als haltlos zu entlarven, Fake News als solche zu durchschauen, muss ebenfalls gelehrt werden. Es geht um Strategien von Verifikation und Falsifikation.

Dem Aufruf von René Mounajed (li.) zur Beteiligung am Toleranzfestival folgten zahlreiche Akteure aus Politik, Wirtschaft und Kultur – darunter der Musiker Jan Delay (re.), der auf Gage verzichtete. Eingeladen war auch die Hildesheimer AfD. HANUSCHKE

Wie bewerten Sie als Schulleiter das Neutralitätsgebot für Schulen und Lehrkräfte vor dem Hintergrund des Rechtsextremismus in Deutschland? Entsteht da nicht ein Dilemma zwischen Bildungsauftrag und humanistischer Überzeugung?

Nein, das Neutralitätsgebot wird häufig missverstanden. Jeder kann in der Schule seine Meinung frei äußern, sofern diese nicht die Intentionen des Grundgesetzes verletzt oder gegen das Sittengesetz verstößt. Das gilt selbstverständlich auch für Lehrkräfte. Sie können und sollen ihre Meinungen frei äußern, sie müssen lediglich die Meinung Andersdenkender zulassen
und für eine politische Ausgewogenheit sorgen, kontroverse Diskussionen entstehen lassen oder initiieren.
Demokratie ist pluralistisch, sie braucht den kritischen Diskurs, sie will den Streit. Lehrer sollten sich nicht als „Rollen“ verstehen, sondern sie sollten den Mut haben, Persönlichkeiten zu sein, mit Ecken und Kanten – und einer eigenen Meinung. So können sie sich selbstverständlich auch politisch engagieren. Sie müssen im schulischen Kontext eben besonders darauf achten, dass Gegenmeinungen zum Zuge kommen müssen und mit höchstem Respekt zu behandeln sind.
Wir alle müssen bedenken, dass unser Staat nur dann gut funktioniert, wenn viele am politischen Diskurs teilhaben, sich aktiv einbringen.

Wir alle müssen bedenken, dass unser Staat nur dann gut funktioniert, wenn viele am politischen Diskurs teilhaben, sich aktiv einbringen

Wir legen als Schulgemeinschaft im Alltag großen Wert auf die Beziehungsebene von Schülern, Eltern und Lehrkräften. Wir kommunizieren auf Augenhöhe. Unsere Eltern realisieren im Ganztagsbereich eigene Unterrichtsstunden bzw. Betreuungsangebote. Unsere Schüler geben regelmäßig allen Lehrkräften systematisches Feedback und wir reflektieren gemeinsam unseren Unterricht. Daher können wir über das Portal nur lächeln, wir haben keinen Druck.

Aber abgesehen von unserem Hausfrieden: Ein Portal, das anschwärzen oder bloßstellen soll – im angeblichen Geiste demokratischer Offenheit –, ist im Kern feige. Es scheut die direkte Auseinandersetzung der betroffenen Personen miteinander und vermeidet den offenen, transparenten Dialog! Das passt für mich ins Bild der AfD, schließlich stellt sich die Partei nicht selten selbst als Opfer dar. Dabei scheut kaum ein Demokrat die Auseinandersetzung mit ihr. Zum Toleranzfestival der RBG waren auch Vertreter der AfD eingeladen.

Bunt statt braun: Rund 5000 Schüler kamen 2019 zum Toleranzfestival nach Hildesheim. Neben Live-Musik bot die Aktion zahlreiche Workshops, Sport- und Infoveranstaltungen. HANUSCHKE

Für mich zeigt sich eher: Die AfD hält auf der Sachebene kaum Inhalte vor. In puncto Bildungspolitik spricht die AfD zum Beispiel dem Gesamtschulsystem in toto, der Ganztagsschule sowie der inklusiven Schule jedweden Bildungserfolg ab und sieht in der Binnendifferenzierung eine Mogelpackung. In meinen Augen diskreditiert sich die Partei selbst, nicht nur in der Bildungspolitik. Vor allem dadurch, dass sie inhaltliche Auseinandersetzungen scheut.

Was raten Sie Schulen, Schulleitern und Lehrkräften, die sich von Rechtsextremisten angefeindet sehen?

Zunächst: Alle Vorfälle den Behörden melden und Anzeige erstatten. Sich nicht einschüchtern lassen, sondern die Problematik öffentlich machen, die Öffentlichkeit mobilisieren! Die AfD ist im übrigen auch nicht gleichzusetzen mit Rechtsextremisten, aber es gibt unübersehbar einen rechtsextremen Flügel. Dennoch oder deshalb: Bei politischen Diskussionen usw. auch AfD-Vertreter einladen, den Dialog mit ihnen nicht scheuen! Es ist wichtig, die AfD daran zu hindern, Räume zu erobern, in die Mitte der Gesellschaft zu gelangen. Da gehört sie nicht hin! Die Mitte der bundesdeutschen Gesellschaft kann meines Erachtens viel mit den Werten Toleranz, Vielfalt und Offenheit anfangen; sie muss es bloß auch propagieren und verteidigen.

Als Reaktion auf die Kampagnen gegen Sie und die RBG haben Sie eine breite Allianz ins Leben gerufen, um in Hildesheim ein „Toleranzfestival“ zu veranstalte, das drei Tage lang eine Reihe von Kultur- und Infoveranstaltungen zum Thema Vielfalt bot. Wie schwierig war es, die Mitspieler ins Boot zu holen? Welche Tipps geben Sie Kollegen, die sich vernetzen wollen?

An sich gilt: Loslegen und die Pläne in der Schulgemeinschaft vorstellen und um Unterstützung bitten. Es werden sich Eltern, Schüler, Kollegen und zahlreiche außerschulische Partner finden, die mitmachen. Für mich war klar: Untertauchen, schweigen, klein-beigeben – das ist nicht meins. Die Öffentlichkeit muss wissen, was die AfD, diese Partei als Wolf im Schafspelz, unternimmt, wen sie angreift und was sie eigentlich bezweckt. Daher unser Toleranzfestival. Über Kunst, Kultur, Sport und Politik hat es Begegnungen und Austausche ermöglicht und eine Stärkung von Demokratie und Toleranz bewirkt. Eingeladen waren alle UNESCOSchulen Niedersachsens, alle Schulen von Stadt und Landkreis Hildesheim sowie alle Gesamtschulen Hannovers. Insgesamt rund 5.000 Schüler haben unser Festival besucht, es gab über 160 verschiedene Workshops und Konzerte. Das Highlight war natürlich der Auftritt des Musikers Jan Delay. Für die Schüler hat er an diesem Abend ohne Gage gespielt. Auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, Kultusminister Grant-Hendrik Tonne, die Filmemacherin Sigrid Klausmann, die Journalistin Helga Hirsch und zahlreiche Politiker aus Niedersachsen und dem Bund sind gekommen. Finanziert haben wir das Projekt durch Eintrittsgelder und Spenden. Wir haben aufwendiges Sponsoring betrieben, aber auch das mit Erfolg. Geld für solche Projekte lässt sich relativ einfach akquirieren, viele Menschen unterstützen das. Organisiert haben wir das Festival in verschiedenen Arbeitsgruppen hausintern und mit Unterstützung von Professionals von außen.

Zu einem anderen, möglicherweise aber verwandten Thema: Gibt es einen Zusammenhang zwischen schwindender Lesefähigkeit, steigendem Konsum digitaler Medien und der Gefahr, Populisten auf den Leim zu gehen?

Abgesehen davon, dass viele Menschen – egal, ob groß oder klein – viel zu viel Zeitmit digitalen Medien verbringen, gibt es meines Erachtens keine derartigen Zusammenhänge. Digitalisierung ist die Zukunft und sie stellt mitnichten einen Fallstrick für analytische Bildung dar. Wer dies so sieht, übersieht eine zentrale Aufgabe schulischer Bildungsprozesse, die Jugendlichen fit für die Arbeitswelten von morgen zu machen. Schulen sollten daher meines Erachtens digitale Bildungsprozesse ermöglichen. An der RBG führen wir z. B. im 8. Jahrgang die Arbeit mit Tablets ein.
Die Schulen müssen dabei aber auch kritisch vorgehen und einen angemessenen Umgang mit digitalen Medien vermitteln. Medienkompetenz wird zur Schlüsselkompetenz. Oftmals können die Erziehungsberechtigten selbst nicht angemessen ihren eigenen Konsum von digitalen Medien steuern. Sie sind hierbei häufig genauso überfordert wie die Jugendlichen selbst. Was die Lesekompetenz angeht, so müssen die Schulen sicher mehr fördern. Neu ist das Thema allerdings nicht: Lese-Omas, Lesewettbewerbe – all das ist gibt es schon längst und nicht ohne Grund. Aber die Schule bedarf hier der deutlichen Unterstützung der Erziehungsberechtigten: Sie müssen wieder viel mehr mit ihren Kindern, schon wenn sie noch klein sind, lesen und singen. Zum Populismus: Diesen enttarnen zu können, wird mehr und mehr zu einem Grundpfeiler schulischer Bildung. Gerade in den Fächern Deutsch und Politik geht es im Kern darum, Argumente analysieren zu können und zu wissen, dass Thesen Belege benötigen usw. Die Urteilskompetenz sowie die Kompetenz des kritischen Überprüfens entwickeln sich dabei zu zentralen Schlüsselkompetenzen.