Hinsehen und Diskriminierungen öffentlich machen

Kein Rassismus in der Schule

Der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einer Festnahme hat das Thema in den Fokus gerückt und deutlich gemacht: Rassismus ist auch hierzulande alltäglich. Wir informieren über das Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Courageschulen“ und darüber, was Schulen gegen Rassismus und Diskriminierung tun können.

Die Stadtbahn Dortmund engagiert sich gegen Rassismus. Vor 25 Jahren war das Immanuel-Kant-Gymnasium die erste Schule mit Courage in Deutschland. © Schule ohne Rassismus

Anzügliche oder nur unbedachte Bemerkungen, unfaire Benotungen, Beschimpfungen, Beleidigungen, herabwürdigendes Verhalten, Einschüchterungen oder gar körperliche Gewalt gehören auch hierzulande für Menschen, die anders aussehen, anders heißen, anders denken, anders sind, etwas anderes glauben oder anders zu sein scheinen als die meisten zum Alltag – auch in der Schule. Nach einer Repräsentativbefragung der Antidiskriminierungsstelle im Jahr 2016 hat fast ein Viertel (23,7 %) aller Befragten in den beiden Jahren zuvor Diskriminierungen im Bildungsbereich erlebt.

„Es gibt keine Schule ohne Rassismus“, sagt Sanem Kleff, Vorstandsvorsitzende von Aktion Courage e. V. und Leiterin von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. „Der Name des Netzwerks beschreibt keinen Istzustand, sondern eine Vision: Schulen, die mitmachen, engagieren sich gegen Rassismus und wollen bei rassistischen Diskriminierungen nicht wegschauen. Sie wollen eine Schule ohne Rassismus werden – auch wenn das Ziel in weiter Zukunft liegt.“

Gegen Rassismus, Antisemitismus und Homophobie

Das Netzwerk wendet sich gegen jede Art von Diskriminierung – wegen der Hautfarbe und der ethnischen Herkunft ebenso wie wegen der Religion, der sozialen Herkunft, des Geschlechts, körperlicher Merkmale, der politischen Weltanschauung oder der sexuellen Orientierung. Besonders häufig sind Diskriminierungen wegen der Hautfarbe und der ethnischen Herkunft; daneben ist, so die Erfahrung von Sanem Kleff, Antisemitismus ein großes Problem – an Schulen wie in der Gesellschaft. „Antisemitismus wird in Deutschland wieder sehr offen gezeigt. Sehr unterschiedliche Gruppen, zum Beispiel Anhänger von Verschwörungstheorien, Islamisten oder rechtsextreme Jugendliche, die sich sonst gegenseitig bekämpfen, können beim Hass auf Jüdinnen und Juden einig sein.“ Gerade in der Corona-Zeit lebt der uralte Mythos der Brunnenvergiftung wieder auf – diesmal ist es nicht die Pest, sondern das Coronavirus, das die Juden angeblich in die Welt gesetzt haben, um anderen Menschen zu schaden. Und auch Homophobie ist noch längst nicht überwunden. „Es ist für einen 15-Jährigen immer noch nicht einfach zu sagen: ‚Ich bin schwul‘“, erklärt Sanem Kleff. Wer sich outet, riskiert auch heute noch, diskriminiert zu werden.

Zeitschrift
Lernende Schule Nr. 87/2019 Allgemeinbildung

Lernen und Lehren sind im Zusammenhang mit dem Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule zu sehen. Und das heißt: Persönlichkeiten bilden, die in der demokratischen Gesellschaft zurechtkommen und Herausforderungen meistern können. Aufgeklärte, reflektierte und verantwortungsbewusste Teilhabe und Mitgestaltung unserer Welt ist das Ziel.

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Betroffen sind nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch Lehrkräfte. Diese werden meist von Vorgesetzten und/oder Kolleginnen oder Kollegen diskriminiert und benachteiligt, Schülerinnen und Schüler dagegen sowohl von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern als auch von Lehrkräften. Nach einer nicht repräsentativen Studie am Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie der Universität Mannheim bewerteten angehende Lehrerinnen und Lehrer das Diktat eines Schülers mit Namen Murat schlechter als das von Max, obwohl Text und Fehlerzahl identisch waren.

Subtile Benachteiligungen können ebenso gravierende Folgen haben wie gewalttätige: Sie können Lernerfolg, Leistungsbereitschaft, Selbstwertgefühl, physische und psychische Gesundheit beeinträchtigen. Finden Kinder und Jugendliche in dieser Situation keine Hilfe, wechseln sie oft die Schule, um der Diskriminierung zu entgehen – und verlieren dadurch auch ihr soziales Umfeld. Diskriminierung schadet nicht nur den Betroffenen, es belastet auch das Schulklima, wenn Benachteiligungen geduldet und Einzelne nicht genügend unterstützt und geschützt werden.

Nicht wegschauen

Hinsehen, Vorurteile und Diskriminierungen aufdecken und öffentlich machen, sind die ersten Schritte, um sie zu überwinden. Dabei können Befragungen an der Schule helfen. Sie sollten anonym und freiwillig sein, damit die Betroffenen wagen, ihre Erlebnisse zu schildern. Feste Ansprechpersonen und ein transparentes Beschwerdeverfahren erleichtern es Schülerinnen und Schülern, sich gegen Diskriminierungen zu wehren. Das Beschwerdeverfahren sollte verschiedene Ebenen umfassen – vom Gespräch mit dem Täter über die Ansprechpersonen in der Schule und externe Beschwerdestellen bis zur Schulbehörde. An wen sie sich wenden, entscheiden die Diskriminierten selbst.

Mögliche Ansprechpersonen für Schülerinnen und Schüler sind zum Beispiel Vertrauenslehrerinnen oder Streitschlichter. Diese sollten im Umgang mit dem Thema geschult sein und externe Beratungsangebote wie Antidiskriminierungsberatungsstellen kennen. Ziel ist es, die betroffenen Kinder und Jugendlichen zu stärken, ihnen Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und sie zu ermutigen, ihre Rechte wahr- und die Benachteiligung nicht hinzunehmen.

Diskriminierungsverbot

Um zu unterstreichen, dass Diskriminierungen an der Schule nicht geduldet werden, sollte die Schulordnung ein Diskriminierungsverbot enthalten, das sich explizit an alle Mitglieder der Schulgemeinschaft richtet – an Schülerinnen und Schüler ebenso wie an Eltern, Lehrkräfte, Schulleitung und andere Mitarbeitende. Werden gleichzeitig Konsequenzen für die Täterinnen und Täter benannt, bekommt das Verbot mehr Gewicht.Außerdem sollten in der Schulordnung Leitlinien zum Umgang mit und zur Intervention bei Diskriminierungen verankert werden, damit alle wissen, wie sie sich bei Diskriminierungen verhalten sollen – und dass es für die Betroffenen Handlungsoptionen gibt.

Fortbildungen für Lehrkräfte, Workshops für Schülerinnen und Schüler, Aktionstage und Projektwochen helfen, das Thema bewusst zu machen und alle an der Schule zu sensibilisieren.

Netzwerk gegen Rassismus

Das Immanuel-Kant-Gymnasium in Dortmund war 1995 die erste Schule ohne Rassismus in Deutschland. Inzwischen gehören fast 3.400 Schulen zu dem Netzwerk – das sind mehr als 10 % der Schulen mit über zwei Millionen Schülerinnen und Schülern. Um Mitglied im Netzwerk zu werden, müssen sich mindestens 70 % aller Menschen, die an einer Schule arbeiten und lernen, verpflichten, sich aktiv gegen jede Form von Diskriminierung, Mobbing und Gewalt an ihrer Schule einzusetzen und bei Konflikten einzugreifen. Außerdem müssen regelmäßig Projekttage zum Thema stattfinden.

Praxisleitfaden gegen Diskriminierung

Ideen für konkrete Maßnahmen zum Schutz vor Diskriminierungen enthält der von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes herausgegebene
Praxisleitfaden „Diskriminierungen an Schulen erkennen und vermeiden“. Sie informiert über Diskriminierungsrisiken und -folgen, über die rechtlichen Rahmenbedingungen und über die Möglichkeiten, Diskriminierungen zu erkennen, ihnen vorzubeugen, zu intervenieren und nachhaltige Maßnahmen dagegen zu ergreifen. Im Serviceteil werden Ansprechpersonen und Beratungsstellen genannt, die Betroffenen helfen und sie unterstützen.

Mehr als 100 Beratungsstellen helfen den im Netzwerk „Schulen ohne Rassismus“ organisierten Schulen, die richtigen Referenten und Ansprechpartnerinnen für ihre Aktionen zu finden. „Wir arbeiten mit über 400 Projektpartnern zusammen“, erklärt Sanem Kleff. So ist es möglich, für jede Schule ein auf ihren Bedarf zugeschnittenes Programm zu organisieren. Denn auch Courageschulen sind gegen Diskriminierungen nicht gefeit, wie die Gewalt gegen einen jüdischen Schüler an einer Berliner Schule zeigte. „Die Schule hat zu zögerlich reagiert“, räumt der Geschäftsführer des Netzwerks, Eberhard Seidel, ein. Doch seither hat sich dort einiges getan: „Wir haben mit der Schule in der Folge eng zusammengearbeitet und versucht, sie zu unterstützen.“ Bei zahlreichen Veranstaltungen und im Unterricht wurden die antisemitischen Vorfälle thematisiert und aufgearbeitet. Die Schule gehört weiter zum Netzwerk „Schule ohne Rassismus“. „Wir wollen nicht sanktionieren, sondern motivieren“, betont Eberhard Seidel. „Unser Ziel ist es, eine Kultur des Hinsehens zu fördern und ein friedliches Miteinander aller Menschen zu ermöglichen, die an einer Schule lernen und arbeiten.“

Wie Bildungsarbeit dabei helfen kann, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit entgegenzuwirken, erfahren Sie hier:
Bildungsarbeit zur Demokratie- und Menschenrechtsbildung

Diese Unterrichtseinheit sensibilisiert Schülerinnen und Schüler für das Thema Rassismus:
Rassismus und wir