Männersache

Jungen – das schwache Geschlecht im heutigen Schulsystem?

Jungen haben mehr Schwierigkeiten damit, ihren schulischen und später auch beruflichen Weg zu finden als Mädchen - das belegt eine Studie. Woran liegt das? Machen sie sich weniger Gedanken? Sind sie unsicherer als Mädchen? Lesen Sie weiter, um zu erfahren, welche geschlechtsspezifischen Ursachen dieses Phänomen begründen.

Ein Vater liest seinem Sohn aus einem Buch vor
Gymnasiallehrer und Initiations-Mentor Peter Maier sieht eine Ursache in der mangelnden geschlechtsspezifischen Begleitung der Jungen durch männliche Bezugs- und Lehrpersonen – und stellt im Text acht polarisierende Thesen auf Foto: © danr13/Fotolia.com

Bei den Abiturschnitten sind die Mädchen meist besser als die Jungen. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat 2014 eine Initiative gestartet, die den Studienabbruch gerade im naturwissenschaftlich-technischen Bereich und bei den sogenannten MINT-Fächern vermindern soll. Studiengänge, die mehrheitlich immer noch von jungen Männern gewählt werden. Bis zum 7. Semester wechseln 46 Prozent aller männlichen Studenten ihr Fach, 30 Prozent der jungen Männer brechen ihr Studium ganz ab, weil sie einsehen müssen, dass sie die falsche Wahl getroffen haben oder mit dem Studium grundsätzlich überfordert sind (MINT-Frühjahres- und Herbstreport)

Vermehrt männliche Studienabbrecher

Zum Thema Studienabbrecher gibt es auch eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). Die höchsten Abbruchquoten weisen folgende Uni-Studiengänge auf:

  • Bauingenieurwesen (51 Prozent)
  • Mathematik (47 Prozent)
  • Informatik (43 Prozent)

Alle drei Studiengänge verfügen über einen hohen Anteil von männlichen Studenten. Dies ist für die betroffenen Studenten fatal und volkswirtschaftlich gesehen sehr teuer. Keiner fragt jedoch nach: Worin liegen die tieferen und eigentlichen Ursachen?

Jungen tun sich in der Schule schwerer

Einen ersten Hinweis bietet die Diskussion bezüglich des Bayerischen Gymnasiums. Bayern hat mit Beginn des Schuljahres 2015/2016 den Modellversuch „Mittelstufe Plus“ gestartet. Statt in drei kann diese in vier Jahren absolviert werden. Dazu titelt die Süddeutsche Zeitung: „Es geht auch um Reife. Das Zusatzjahr im Gymnasium hilft vor allem den Buben.“ Der Schulleiter Günter Jehl des Gymnasiums Oberviechtach bringt es auf den Punkt: „Viele Schüler sind nach der 10. Klasse definitiv nicht weit genug für die Q11 … Mädchen sind zwischen 14 und 17 immer voraus, aber das eine Jahr ist bei den Buben sehr deutlich spürbar.“

Kehrseite des G-8-Gymnasiums

Günter Jehl meint damit das fehlende Schuljahr des G-8-Gymnasiums, das vor allem den Jungen Nachteile gebracht hat. Daher erhofft er sich für die Persönlichkeitsentwicklung der Jungen viel vom Zusatzjahr der „Mittelstufe Plus“. Natürlich könnte man nun entwicklungspsychologische Theorien bemühen, warum man Jungen als das „schwache Geschlecht am Gymnasium“ bezeichnen muss. Warum also haben besonders Jungen oft mehr Schwierigkeiten, ihren eigenen (auch schulischen) Weg zu gehen, ein Studium zu wählen und ihren Platz im Leben zu finden?

Jungen brauchen männliche Erzieher und Lehrer

Seit ich mich intensiv mit der Frage nach der Initiation, also mit dem Prozess der Persönlichkeitsentwicklung und des Erwachsenwerdens, beschäftige, habe ich die Situation von Jungen viel besser verstanden. Jungen vermissen männliche Initiations-Mentoren, die ihnen in ihrer Pubertät beistehen und sie bei ihrem Prozess der Persönlichkeitsentwicklung hin zum Erwachsenwerden adäquat und einfühlsam begleiten und ihnen Orientierung geben. Dies soll in folgenden Thesen plakativ zum Ausdruck gebracht werden:

  1. Heute wird der Kita-Ausbau sehr forciert. Viele Eltern wollen ihre Kinder aus beruflichen Gründen schon im ersten Lebensjahr in die Kindertagesstätte bringen, wo die Kinder fast ausschließlich Frauen erleben.

  2. In Kindergarten und Grundschule haben es die Jungen und Mädchen in der Regel ebenfalls nur mit Frauen zu tun. Die Kinder treten dann über in die Mittelschule, meist aber in weiterführende Schulen wie Realschule oder Gymnasium. Dort sind heute 70 bis 80 Prozent der Lehrkräfte Frauen.

  3. Gerade in der Pubertät brauchen die Jungen unbedingt männliche Lehrkräfte, um sich an den erwachsenen Männern orientieren zu können. Für ihre Entwicklung benötigen Jungen neben dem eigenen Vater weitere männliche Vorbilder bei ihrem Pubertätsprozess.

  4. Fehlen aber männliche Lehrer, ist die Persönlichkeitsentwicklung der Jungen womöglich blockiert oder sie verläuft einseitig in einem zu weiblichen Werte- und Kommunikationssystem ab. Weibliche Lehrkräfte können diesen Mangel nicht wirklich ausgleichen. Jungen brauchen Männer und müssen täglich einige Stunden lang „be-vatert“ werden.

  5. Jungen haben oft eine wildere Energie, die weiblichen Lehrkräften womöglich unangenehm, unangemessen, suspekt oder gar als gefährlich und „schlecht“ erscheint. Jungen aber müssen gerade vor dem Hintergrund des Initiations-Gedankens ihre neue, pubertär erwachte und freigesetzte Initiations-Energie anders und „knalliger“ ausdrücken als Mädchen. Dies ist jedoch nicht „schlecht“, sondern eher natürlich für Jungen. 

  6. Daher benötigen gerade Jungen unbedingt geeignete und rechtzeitig durchgeführte Initiationsrituale, durch die sie ihre Kraft, Mut, ja sogar Draufgängertum zeigen können. Zusätzlich sehnen sich nach Anerkennung dafür vor allem von Männern. Hierin liegt eine wichtige pädagogische und gesellschaftliche Aufgabe, die bisher überhaupt nicht gesehen wird.

  7. Fallen solche Übergangsrituale aus, haben viele Jungen ein Problem. Sie sind in ihrer Entwicklung gehemmt, weil niemand da ist, der sie in ihrem innersten Wesen annimmt und sie liebevoll, mit dem nötigen Ernst, aber auch mit Humor durch ihre Pubertät und hinein ins Erwachsensein führt. Hier sehe ich einen Hauptgrund, warum Jungen zum schwachen Geschlecht im heutigen Schulsystem geworden sind.

  8. Männliche Lehrkräfte könnten und sollten solche Mentoren sein, die den Jungen initiatorische Mutproben ermöglichen, ihnen aber auch Grenzen setzen, wenn diese nötig sind. Männliche Lehrer sind schon von ihrem Beruf her eigentlich dafür prädestiniert. Sie sollten jedoch dazu selbst ausgebildet sein, um das Initiations-Potenzial der Jugendlichen besser erkennen und wertschätzen zu können.