Klassenkameraden beeinflussen die Karriere

Gute Buddies, schlechte Buddies

Goethe hatte doch recht: Seine Erkenntnis „Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist“ gilt – leicht abgewandelt – auch für Schulen. Forscher von der Universität Tübingen zeigen in einer aktuellen Studie, dass die Mitschülerinnen und Mitschüler den Berufs- und Karriereweg von Kindern und Jugendlichen erheblich beeinflussen – positiv und negativ

Schüler in der Klassen konzentrieren sich auf ihre Arbeitsblätter.
Die Klassenkameraden beeinflussen nicht nur den Schul-, sondern auch den Berufserfolg. Foto: © Steinhilber/Universität Tübingen

Eltern wollen meist das Beste für ihr Kind. Doch welche Schule ist die beste? Dass eine gute Schule nicht automatisch gut für alle Schülerinnen und Schüler sein muss, belegt eine gemeinsame Studie deutscher und amerikanischer Bildungswissenschaftler. Dr. Richard Göllner, Professor Benjamin Nagengast und Professor Ulrich Trautwein von der Eberhard Karls Universität Tübingen haben mit Kolleginnen und Kollegen der amerikanischen Universitäten von Houston und Illinois untersucht, ob und wie sich der Besuch einer „guten“ Schule auf die Leistungserwartungen, den Bildungserfolg, das Einkommen und das Berufsprestige der Schülerinnen und Schüler auswirkt. Dazu werteten sie Daten einer Langzeitstudie aus den USA aus.

Die Originalstudie

Die Studie „It’s Not Only Who You Are but Who You Are With: High School Compositi- on and Individuals’ Attainment Over the Life Course“ von Richard Göllner, Rodica Damian, Benjamin Nagengast, Brent Roberts und Ulrich Trautwein ist 2018 in der Zeitschrift Psychological Science erschienen.

Zur Studie

Umfangreiche Daten ausgewertet

Im Rahmen der Studie Projekt TALENT wurden im Jahr 1960 die Leistungen von rund 380.000 High-School-Schülerinnen und -Schülern in den Fächern in Mathematik und Englisch getestet. Ihre sozioökonomische Herkunft, das Bildungsniveau ihrer Eltern, wurde ermittelt. Außerdem wurden sie nach ihren Bildungszielen und -erwartungen befragt. Etwa 85.000 Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer gaben nach elf Jahren, immerhin 2.000 von ihnen erneut 50 Jahre nach Beginn der Studie Auskunft über ihre beruflichen Erfolge, ihr Einkommen und das erreichte Berufsprestige.

„Keine andere Studie bietet so umfangreiche Daten über einen so langen Zeitraum“, sagt Studienleiter Dr. Göllner. Wieweit die Studienergebnisse auf Deutschland übertragen werden können, lässt sich nicht sagen, weil die Verhältnisse in den USA und in Deutschland sehr unterschiedlich sind. Allerdings werden die Ergebnisse auch durch andere, weniger umfangreiche und langfristige, Studien aus anderen Ländern – auch aus Deutschland – bestätigt.

Gute Schule – gute Basis

Eine gute Ausbildung der Eltern und ein hoher sozioökonomischer Status sind demnach eine sehr gute Basis für den beruflichen Erfolg des Nachwuchses. So können auch Kinder aus bildungsferneren Elternhäusern vom Besuch einer guten Schule profitieren. Stammen die Schülerinnen und Schüler an einer Schule überwiegend aus Elternhäusern mit einem hohen Bildungsniveau, sind auch die übrigen – unabhängig von ihrer eigenen Herkunft – erfolgreicher als Kinder und Jugendliche, die Schulen besuchten, an denen das Bildungsniveau der Eltern niedriger war. Sie erreichen bessere Bildungsabschlüsse, ergreifen später angesehenere Berufe und erzielen höhere Einkünfte.

Das liegt mit hoher Sicherheit daran, dass gute Schulen besser ausgestattet sind als andere und besonders gute Lernbedingungen bieten, nennt Dr. Richard Göllner vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen einen Grund. Vor allem in den USA sind die Unterschiede zwischen den Schulen sehr groß: Weil renommierte High Schools gute Lehrerinnen und Lehrern nicht nur mit guten Arbeitsbedingungen, sondern auch mit höheren Gehältern locken, sind die Lehrkräfte an diesen Schulen oft besonders gut und besonders motiviert.

Hohes Leistungsniveau kann hemmen

Vor allzu einfachen Schlüssen warnte Professor Ulrich Trautwein, Direktor des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung, allerdings. „Es ist naiv zu glauben, dass leistungsstarke Mitschüler langfristig automatisch zu günstigeren Ergebnissen für alle führen“, stellt er fest. Denn die Forscher erkannten auch einen gegenteiligen Effekt: War nämlich das Leistungsniveau einer Schule hoch, hatten die Schülerinnen und Schüler unter Berücksichtigung ihres eigenen sozialen Hintergrunds und ihrer Schulleistungen weniger hohe Erwartungen an ihre eigene akademische Karriere. Sie arbeiteten später in weniger angesehenen Berufen und verdienten sowohl nach elf als auch nach 50 Jahren weniger als diejenigen, die als Kinder Schulen mit einem niedrigeren Leistungsniveau besucht hatten.

„Der ständige negative Vergleich mit besseren Mitschülerinnen und Mitschülern, aber auch nachteilige Beurteilungen durch Lehrkräfte können dazu führen, dass Kinder ein geringeres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln und die Erwartungen sinken. Das wirkt sich nachteilig auf den Berufs- und Karriereweg aus“, erklärt Dr. Richard Göllner. „Ein höheres Leistungsniveau birgt die Gefahr, dass weniger leistungsstarke oder schwächere Schülerinnen und Schüler einer Schule hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.“ Sie profitieren allerdings trotzdem von den guten Rahmenbedingungen guter Schulen.

Es ist, so Göllner, die Aufgabe und die tägliche Herausforderung der Lehrerinnen und Lehrer, die negativen Effekte abzumildern. Sie müssen Lernarrangements finden, die auch leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern Anerkennung und Erfolge verschaffen. Das kann durch individuelle Rückmeldungen geschehen, zum Beispiel durch den Hinweis auf Verbesserungen im Vergleich zur letzten (Klassen)Arbeit.

Unterschiede zwischen den Schülerinnen und Schülern einer Klasse und Unterschiede zwischen den Schulen oder Klassen lassen sich nicht vermeiden. Unterricht ohne Leistungsdifferenzierung ist daher nicht sinnvoll. Eine Binnendifferenzierung, bei der alle Schülerinnen und Schüler einer Klasse oder eines Kurses die gleichen Aufgaben bearbeiten und je nach Leistungsvermögen unterschiedliche Ziele erreichen sollen, ist insbesondere für weniger leistungsstarke Schüler psychologisch günstiger. Sie bekommen nicht schon durch die Aufgabenstellung das Gefühl, zu den schwächeren zu gehören und hinterherzuhinken.

„Welche Möglichkeiten es gibt, die nachteiligen Effekte eines höheren Leistungsniveaus zu vermeiden, ohne die Vorteile zu verlieren, gehört zweifellos zu den spannendsten Fragen der Schul- und Unterrichtsforschung“, sagt Dr. Richard Göllner.

Fazit

Zu den Effekten von Schulen und Mitschülern gibt es verschiedene Meinungen und gelegentlich auch fragwürdige Mythen. Im Rahmen der Studie wurden zwei zentrale Einflussgrößen untersucht. Sie zeigt, wie vielschichtig diese Effekte sind.

Ein Patentrezept für die Wahl der richtigen Schule gibt es nicht. Wünschenswert wären gut ausgestatte Schulen – und gut ausgebildete Lehrer, denen genügend Zeit bleibt, auf die Bedürfnisse und Leistungsfähigkeit der einzelnen Schülerinnen und Schüler einzugehen.