Hate Speech an Schulen

Beschimpft, beleidigt, bedroht

Lehrkräfte werden in Schulen zunehmend Zeugen einer aggressiven und hasserfüllten Sprache. Diese richten Schüler nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen ihre Lehrerinnen und Lehrer. Verrohen die Schüler generell im gesellschaftlichen Umgang?

Zwei Kinder halten ihre gekreuzten Mittelfinger in die Kamera
Hate Speech: bedenklicher Trend unter Schülerinnnen und Schülern Foto: © Kara/Fotolia.com

Dass der Schulhof ein hartes Pflaster sein kann, wissen die meisten aus ihrer eigenen Schulzeit: ein aufgeschürftes Knie, Gerangel um einen Platz auf der Bank oder demütigende Erfahrungen mit einem mobbenden Mitschüler.

Die Anzahl verbaler Angriffe steigt

Doch was sich derzeit in deutschen Schulen abspielt, geht weit darüber hinaus. Knapp 60 Prozent der Lehrkräfte geben an, dass Gewalt an Schulen in den letzten fünf Jahren zugenommen hat. Harte Fälle von körperlicher Gewalt kommen zwar eher selten vor, psychische und verbale Angriffe finden dagegen häufig statt. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Studie, die der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) vor Kurzem vorgestellt haben. Immer häufiger richtet sich die Gewalt gegen Lehrkräfte: Über die Hälfte von ihnen sagt, dass Lehrer ihrer Schule Opfer psychischer Gewalt geworden seien. Solche Angriffe äußerten sich in neun von zehn Fällen verbal; seltener über Dritte oder schriftlich. Und nicht nur Schüler beschimpfen, beleidigen oder bedrohen ihre Lehrer. Auch wenn Schüler meist Verursacher der Gewalt sind, wurde mehr als jede zweite betroffene Lehrkraft zudem von Eltern verbal angriffen.

Wandel der Lehrerrolle

Simone Fleischmann ist die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands. Für sie sind die Umfrageergebnisse ein Zeichen dafür, dass Kinder und Jugendliche mehr Orientierung brauchen: „Wenn Schüler Lehrkräfte "blöde Kuh" oder "Arschloch" nennen, zeigt dass, dass die Grenze zur Autorität nicht mehr gefunden wird.“ Das äußere sich in einem hasserfüllten und grenzüberschreitenden Umgangston. „Gott sei Dank sind wir nicht mehr die bösen Lehrer mit erhobenem Zeigefinger, aber Kumpel der Kinder dürfen wir auch nicht sein. Als Autoritätsperson kann man Respekt erwarten“, sagt Fleischmann, die weiß, dass diese Gratwanderung gerade für junge Lehrkräfte schwierig ist. Auch, wo sie unterrichten, entscheidet über das Maß der Gewalt: Am häufigsten sehen Pädagogen an Förder- bzw. Sonderschulen und Grundschulen eine Zunahme der Gewalt, vergleichsweise am seltensten hingegen an Gymnasien. Fleischmann sorgt sich, „dass Kinder keine klaren Grenzen mehr finden. Grenzen, die Mitschüler, Eltern, Lehrer, Politiker und die gesamte Gesellschaft ihnen aber aufzeigen müssen“.

Schule als Spiegelbild der Gesellschaft

Wie wichtig Vorbilder sind, weiß auch Arzt und Psychotherapeut Prof. Joachim Bauer: „Kinder und Jugendliche suchen nach Modellen, an denen sie sich orientieren können.“ Der Verband Bildung und Erziehung prangert an: Wenn in den Talent- und Talkshows der Privatsender, in Filmen und der Werbung eine Gossensprache mit Ausdrücken wie „Wichser“, „Spast“ und „Schlampe“ der normale Umgangston sei, verwundere es nicht, dass die Hemmschwelle für verbale Attacken sinke. Das gilt allerdings nicht nur für Verbales. Neurologe Bauer sieht zwischen aggressiver Sprache und aggressivem Verhalten einen engen Zusammenhang: „Sprache ist so etwas wie Probe-Handeln. Die Sprache testet aus, was geht und bereitet vor, was wir – oder andere – dann irgendwann auch tun.“